Warum ein Sexstreik niemals ein feministisches Druckmittel sein darf

Die Aktivistin Alyssa Milano schlägt einen Sexstreik vor, um gegen die Verschärfung der Gesetze zu Schwangerschaftsabbrüchen in den USA zu protestieren. Damit übernimmt sie Denkmuster von Gegner*innen der freien Entscheidung. Ein Kommentar

Sexstreik Alyssa MilanoWerkzeug, um gesellschaftlich und politisch Aufmerksamkeit auf die Verhandlung sozialer Gerechtigkeit zu lenken; es geht um Fairness und Anerkennung. Neben spezifischen Berufsgruppen haben auch immer wieder Feminist*innen Streikaktionen speziell für Frauen organisiert. In Spanien schlossen sich am Frauentag 2018 über fünf Millionen Menschen einem besonders großen Streik an. In der Schweiz laufen seit vielen Wochen die Vorbereitungen für den „Frauen*streik“ am 14. Juni. Schon 1991 brachte ein Bündnis hunderttausende Schweizer Frauen auf die Straße unter dem Motto: „Wenn Frau will, steht alles still.“ Die Schweizer*innen werden streiken für eine Neuorganisation der unbezahlten Care-Arbeit, für Arbeitszeitverkürzungen und Mindestlohn, sie wollen mit ihrem Protest den Blick für intersektionale Diskriminierung schärfen, Rassismus entgegenwirken und LGBTIQ*-Rechte stärken. Auch für sexuelle Selbstbestimmung wollen Frauen und ihre Verbündeten auf die Straße gehen und an diesem Tag nichts davon tun, was sonst so selbstverständlich von ihnen erwartet wird.

Alyssa Milano, Mitbegründerin von #metoo, hatte angesichts der Gesetzesänderungen in den USA zu einem Sexstreik aufgerufen. Foto: Rich Fury / Getty Images

Streik lohnt sich. Wer einmal in einer Großstadt zur Arbeit kommen wollte, wenn gerade die Bahnen und Busse streiken, realisiert plötzlich, wie sehr man jeden Tag auf andere angewiesen ist. Wie die Entscheidung dieser Menschen, sich heute einmal nicht hinters Steuer zu setzen, die Dynamik einer Metropole verändern kann. Ein Streik kann diejenigen, die mehr zu sagen haben, daran erinnern, dass ihre Macht nicht grenzenlos ist und jedes Unternehmen ohne seine Mitarbeiter*innen nahezu wertlos ist. Damit die Bahnen nicht länger stillstehen, muss die Verkehrsgesellschaft sich bewegen. Und auch wenn Eltern laut aufstöhnen, sobald Erzieher*innen ihren Streik ankündigen und dafür Urlaubstage draufgehen und Termine platzen, verstehen doch die meisten, dass Streiken wichtig ist und eher ein Anlass, sich solidarisch zu zeigen, als sich zu beschweren.

Wenn Frau will, steht alles still

Streik ist ein Mittel im Arbeitskampf und daher auch ein feministisches Werkzeug, um gesellschaftlich und politisch Aufmerksamkeit auf die Verhandlung sozialer Gerechtigkeit zu lenken; es geht um Fairness und Anerkennung. Neben spezifischen Berufsgruppen haben auch immer wieder Feminist*innen Streikaktionen speziell für Frauen organisiert. In Spanien schlossen sich am Frauentag 2018 über fünf Millionen Menschen einem besonders großen Streik an.

In der Schweiz laufen seit vielen Wochen die Vorbereitungen für den Frauenstreik am 14. Juni. Schon 1991 brachte ein Bündnis hunderttausende Schweizer Frauen auf die Straße unter dem Motto: „Wenn Frau will, steht alles still.“ Die Schweizer*innen werden streiken für eine Neuorganisation der unbezahlten Care-Arbeit, für Arbeitszeitverkürzungen und Mindestlohn. Sie wollen mit ihrem Protest den Blick für intersektionale Diskriminierung schärfen, Rassismus entgegenwirken und LGBTIQA-Rechte stärken. Auch für sexuelle Selbstbestimmung wollen Frauen und ihre Verbündeten auf die Straße gehen und an diesem Tag nichts davon tun, was sonst so selbstverständlich von ihnen erwartet wird.

Was hinter dem Sexstreik steht

Genau diese beiden Themen – körperliche Selbstbestimmung und Streik – hat auch die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano, die sich stark in der #metoo-Bewegung engagierte, in einem Tweet am Wochenende zur Debatte gestellt. Sie fordert mit dem Hashtag #sexstrike Frauen in den USA dazu auf, in einen Sexstreik zu gehen, um sich dagegen zu wehren, dass Schwangerschaftsabbruchsrechte in vielen US-amerikanischen Staaten zunehmend verschärft werden und teils einem Verbot gleichkommen.

Das sogenannte Heart Beat Bill zum Beispiel, das in mehreren US-Bundesstaaten verabschiedet wurde, kann Schwangerschaftsabbrüche verbieten, bevor die Schwangerschaft überhaupt bemerkt wurde. Die Schwangere hat unter diesen Bedingungen keine Wahl mehr und wird qua Gesetz in die Mutterschaft gezwungen. In Alabama wurde an diesem Dienstag das aktuell härteste Abtreibungsgesetz der USA verabschiedet: Schwangerschaftsabbrüche sind nur noch dann möglich, wenn das Leben der Schwangeren akut gefährdet ist. Ärzt*innen dürfen den Eingriff nicht einmal mehr vornehmen, wenn die Schwangerschaft Resultat einer Vergewaltigung ist.

Milano begründet ihre Aufforderung zum Sexstreik so: Frauen könnten keine Schwangerschaft riskieren, solange sie nicht die volle Kontrolle über ihre reproduktiven Rechte hätten. Bei diesem Punkt liegt sie zunächst richtig. In Ländern, in denen Abtreibungsverbote herrschen, ist es aufgrund der Versorgungslage schwierig, eine Schwangerschaft abzubrechen. Auch in Ländern, in denen Fehl- und Stillgeburten kriminalisiert werden und die ehemals Schwangere einer Straftat angeklagt wird, weil sie das Kind verlor, ist die Art von Sex, bei der eine Person schwanger werden könnte, ein erhebliches Risiko für die Selbstbestimmung. Wer dieses Risiko für sich ausschließen möchte, kann also auf solchen Geschlechtsverkehr verzichten, der als mögliche Nebenwirkung eine Schwangerschaft bewirken könnte. Das ist Selbstschutz. Aber ist das schon Protest? Gar ein Streik? Oder ein verdeckter Aufruf, ins Herland zu ziehen?

Sex ist niemals Verhandlungsmasse

Dass diese Idee ausgerechnet von Alyssa Milano kommt, die sich als #metoo-Aktivistin in den letzten zwei Jahren intensiv mit sexualisiertem Machtmissbrauch beschäftigt hat, ist verblüffend. Gerade sie sollte wissen, wie schädlich es sein kann, Sex als Verhandlungsmasse zu begreifen. Ihre Idee zeigt somit, wie tief dieses problematische Verständnis von Sex auch dann noch sein kann, wenn man sich intensiv mit Geschlechterverhältnissen auseinandergesetzt hat.

Denn die Debatten über und rund um #metoo hatten auch zum Ziel, die Geschlechterbeziehungen auf dem Spielfeld der Sexualität auf Augenhöhe zu bringen. Eine wichtige Anschlussdiskussion zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt war diese, in der darüber gesprochen wurde, was guten, gleichberechtigten und konsensualen Sex ausmacht und wie die Geschlechter dabei von- und miteinander lernen können.

Die heteronormative Brille

Ein Sexstreik impliziert jedoch, dass Sex etwas ist, das – im heterosexuellen Kontext – Männer fordern und Frauen geben. Etwas, zu dem Frauen überredet werden müssen, weil sie es seltener wollen, und das sie verwehren können, um ihre Seite der Macht auszuspielen. In diesem Verhältnis wird Missbrauch möglich: Männer demonstrieren ihre Macht, indem sie eine Frau zum Sex drängen oder sich über die Grenzen, die sie setzt, hinwegsetzen.

Frauen, die ein Nein zu Sex als Druckmittel betrachten, machen sich verletzlich und reduzieren sich selbst darauf, Objekt der Begierde zu sein. Könnte es sein, dass sie in dem Moment die Ebene der Augenhöhe verlassen? Sex ist erst dann frei, wenn es nur um die Lust geht – wie all diejenigen, die einmal länger probiert haben, ein Kind zu zeugen, schmerzlich berichten können. Natürlich kommt es vor, dass man nach einem Streit mit dem*der Partner*in keine Lust auf Zärtlichkeiten hat und körperlich auf Distanz geht. Doch was würden wir denken, wenn unser*e Sexpartner*in sagt: „Ich schlafe nur noch mit dir, wenn du ab heute den Haushalt alleine schmeißt?“

Verzicht auf erotisches Kapital

Das Ringen um Gleichberechtigung, gerade im politischen Kontext, ist kein erotisches Spiel. Viel mehr ist Gleichberechtigung Voraussetzung für gelungene Erotik, die uns ermöglicht, vertrauensvoll Rollen zu spielen und sie zu wechseln. Frauen haben in politischen Debatten an erster Stelle ihre Ideen zu bieten, nicht ihren Körper. Das hindert zwar Männer – und auch die anderen Geschlechter – nicht daran, Menschen immer wieder auf ihr Aussehen, ihre Schönheit und ihren Sex-Appeal zu reduzieren, aber es ist schwierig, sich davon frei zu machen, und es hält das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen aufrecht. Politikerinnen werden selten allein anhand ihrer Argumente bewertet – immer noch.

Wenn Frauen nun einen Sexstreik mit in die Verhandlung um politische Entscheidungen bringen, ist ihre Botschaft die falsche. Wenn sie vor allem ihren Intellekt und ihr Recht, als gleichwertige Personen angesehen und behandelt zu werden, in den Vordergrund stellen und politisch ernstgenommen werden wollen, muss Frauen egal sein, ob Männer sie begehren. Zumal die Sexualisierung politischer Verhandlungen Feminist*innen als politische Gruppe spaltet und sexuelle Selbstbestimmung auf einmal recht mager dasteht: Ein Streik, der nur offen für fruchtbare, heterosexuelle cis Frauen ist, wird niemals eine starke Protestbewegung werden.

Ein Streik, der nur offen für fruchtbare, heterosexuelle cis Frauen ist, wird niemals eine starke Protestbewegung werden.

Das sind nicht die einzigen Argumente gegen einen Sexstreik. Paradoxerweise ist der Appell für Enthaltsamkeit vor allem anschlussfähig für Abtreibungsgegner*innen und Fundamentalist*innen, die mit ihren Forderungen die Sexualität der Menschen, die schwanger werden können, kontrollieren wollen und Frauen anhand ihrer sexuellen Aktivität in Klassen einteilen: die reinen und die schmutzigen. Sex als etwas zu betrachten, das seinen Platz nur in der Ehe hat, das der Fortpflanzung dient und zwischen Mann und Frau geschehen sollte, ist ein Konzept, das sich gegen sexuelle Selbstbestimmung und gegen die Freiheit von Frauen wendet. Die Pille und andere sehr sichere Verhütungsmittel haben zur Gleichberechtigung von Frauen so revolutionär viel beigetragen, gerade weil sie es ermöglichen, Sex und Fortpflanzung zu trennen und Frauen damit die eigene Lust zugestanden haben.

Freiheit und Freiwilligkeit

Selbst bei gewissenhafter Verhütung bleibt immer ein Restrisiko, schwanger zu werden. So lange Schwangerschaftsabbrüche stigmatisiert, stark reglementiert und teuer sind, die Sorgearbeit rund um Kinder mehrheitlich bei Frauen liegt und sie wirtschaftlich schlechter stellt, sind Menschen mit Uterus weniger frei als diejenigen, die sich aus den Folgen von Sex jederzeit ausklinken können. Und die Personen, die vor allem freiwillig und eher mäßig an all dem partizipieren, was auf Sex und Schwangerschaft folgt, sind komischerweise die, die politisch über reproduktive Rechte entscheiden.

Überall in der Welt gibt es Gesetze, die eine Schwangere zum Austragen der Schwangerschaft zwingen können und sie bestrafen, wenn sie es nicht tut. Männer hingegen werden weder dazu verpflichtet, die Kosten eines Abbruchs hälftig zu bezahlen, noch hat sich die Familienpolitik mit Ideen hervorgetan, wie Väter davon überzeugt und verpflichtet werden können, sich mehr um Kinder zu kümmern – sei es mit Zeit oder mit Geld. Männern bietet sich eine immense Freiheit, über ihr Leben zu entscheiden, selbst wenn sie ein Kind gezeugt haben.

Überall in der Welt gibt es Gesetze, die eine Schwangere zum Austragen der Schwangerschaft zwingen können und sie bestrafen, wenn sie es nicht tut

Womit können also Frauen, die von diesen Ungerechtigkeiten die Schnauze voll haben, effektiv drohen? Glaubt Alyssa Milano, ein*e politische*r Entscheider*in, der*die Schwangerschaftsabbrüche verbieten will, ließe sich davon beeindrucken, dass Frauen in den Sexstreik gehen? Vermutlich lacht er*sie höhnisch. Und das elfjährige Mädchen, das gerade in Ohio nach einer Vergewaltigung schwanger geworden ist und unter dem Heart Beat Bill nun diese Schwangerschaft austragen müsste, da das Gesetz nicht einmal Ausnahmen für Missbrauch und Inzest vorsieht, hat von einem Sexstreik nichts. Dafür müssten die Vergewaltiger schon mitstreiken.

Es sind ganz besonders die Frauen und Mädchen, über deren Willen sich hinweggesetzt wurde, die sich vielleicht zu Sex mit ihrem Partner oder Vorgesetzten nötigen lassen, um sich gegen weitere Gewalt oder den finanziellen Ruin zu schützen, oder auch Menschen, die mit Sexarbeit ihr Geld verdienen, die gute Regelungen für ihre sexuelle Selbstbestimmung brauchen – denn sie haben nicht die Wahl. Für sie ist die Aufforderung, nein zu Sex zu sagen, besonders verletzend und ausgrenzend.

Fordert nicht, organisiert euch

Was also können Feminist*innen fordern, gemeinsam mit denen, die ebenso anerkennen, dass sexuelle Selbstbestimmung zur Menschenwürde zählt? Vielleicht sollten sie gar nichts fordern, denn damit erkennen sie die Macht der anderen an. Ein anderer Weg könnte sein, selbst machtvoll zu handeln und zurück ins Risiko zu gehen. Bevor in Deutschland die Pille danach rezeptfrei wurde, kauften Frauen sie auf Vorrat in Nachbarländern und informierten ihre Freund*innenkreise darüber, dass sie im Notfall selbst die Apotheke sein würden.

Die Non-Profit-Organisation Women on Waves verschickt Abtreibungspillen an Schwangere in Ländern, die dort keinen Zugang zu sicheren Abbrüchen haben. In Deutschland gibt es Gruppen, die Schwangeren aus Polen helfen, ihre Schwangerschaft hier abbrechen zu lassen, so wie Frauen aus Deutschland einst nach Holland fuhren. Und so wie die Medical Students for Choice gerade lernen, später als Ärzt*innen Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, gibt es immer wieder Netzwerke von Menschen, die sich das medizinische Wissen und die Fähigkeiten aneignen, Abbrüche so sicher wie möglich durchzuführen, wenn es keine anderen Wege gibt.

Schwangerschaftsabbrüche wird es immer geben

Mit diesen Aktionen schaffen die Organisator*innen zum einen praktische Lösungen für Schwangere in Not, zum anderen machen sie sichtbar, dass es Schwangerschaftsabbrüche immer geben wird und diejenigen, die sie brauchen, nicht allein gelassen werden – selbst wenn die Hilfe gegen Gesetze verstößt. Es ist die konkrete und ideelle Solidarität, die diesen Einsatz für sexuelle Selbstbestimmung so stark macht. So wie die Frauen aus Frankreich und Deutschland, die sich 1971 auf Magazin-Titeln dazu bekannten: „Wir haben abgetrieben!“

Einander zu ermutigen, trotz widriger Umstände handlungsfähig zu bleiben, die einzelnen in einer Gruppe zu schützen und sich gegenseitig zu helfen, wenn es ernst wird, sind Möglichkeiten, Bewegungen zu stärken. Ein Sexstreik hingegen ist keine Lösung, denn er individualisiert die Probleme frauenfeindlicher Politik. Zu lernen, besonders lange ohne Sex auszukommen, wenn man ihn eigentlich mag, ist sicher kein Tipp für das kleine Handbuch der Revolution, sondern einer, den wir so schnell wie möglich wieder vergessen sollten.


Von Teresa Buecker auf EDITION F.

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