Warum ein Unternehmen zu gründen fest in das Curriculum von Schulen gehört

Raus aus der Schule, rein in das eigene Unternehmen: Theoretisch möglich, praktisch nur schwer umsetzbar. Bisher wird das Thema Selbstständigkeit an deutschen Schulen fast völlig ausgeklammert.

Warum Gründertum fest in das Curriculum von Schulen gehört

"Die Schule ist nicht der Punkt, der uns da hingebracht hat, wo wir heute sind." Foto: Element5 Digital/ Unsplash | CC0

Die Schule legt einen wesentlichen Grundstein für die Allgemeinbildung von Kindern und Jugendlichen. Dabei werden Schüler*innen vor allem auf eine Ausbildung oder das Studium vorbereitet – mit Ausblick auf ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis. Ab in die Selbstständigkeit? Eher Fehlanzeige.

Gleichzeitig liegt die Zahl der Existenzgründungen in Deutschland laut dem Gründungsmonitor der staatlichen Förderbank KfW auf einem Rekordtief: Lediglich 557.000 Gründungen waren es im Jahr 2017, ganze 17 Prozent weniger als im Jahr davor. Dabei fördern Existenzgründungen nicht nur die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit eines Landes, sie schaffen auch neue Arbeitsplätze. Laut DIHK-Gründerreport 2018 ist gerade die Vermittlung von unternehmerischem Wissen in der Schule eine essentielle Maßnahme, um innovative Existenzgründungen hervorzubringen und so eine Wende herbeizuführen.

Vom Blogger zum Marketingchef

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Gemeinsam mit Finn Korte sind Alexander Bünk und Marko Tomicic Geschäftsführer der AFM Media GmbH. Foto: Celia Joy Homann / Jacob Inzelmann

Alexander Bünk startete schon mit 15 Jahren einen Blog über Gaming-Laptops, nach fünf Monaten nahm er seine ersten 2,74 Euro ein. Gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Marko Tomicic verwaltete er kurz darauf gleich mehrere Blogs, baute Webseiten für Unternehmen und betreute die Onlineauftritte ihrer ersten Kund*innen. Heute sind die mittlerweile 18- und 19-Jährigen Chefs einer E-Commerce-Firma und einer Marketingagentur. Bis dahin war es jedoch ein steiniger Weg. „Dadurch, dass wir niemanden hatten, der uns an die Hand genommen hat, haben wir überall die typischen Fehler gemacht“, sagt Bünk. In der Schule haben sie dabei nur wenig Unterstützung erfahren. Dass im Wirtschaftsunterricht Wissen vermittelt wurde, das sie jetzt auch in ihrer Selbstständigkeit praktisch anwenden könnten, können die Jungunternehmer nicht bestätigen. Alexander Bünk stellt klar:

Die Schule ist nicht der Punkt, der uns da hingebracht hat, wo wir heute sind.

Gründen sollte gleichwertig zur abhängigen Beschäftigung sein

Mittlerweile gibt es diverse Organisationen, die genau da einhaken. „Wir möchten Schülern vor Augen führen, dass Gründen eine Alternative ist. Denn das ist überhaupt nicht so verbreitet“, erklärt Marion Hüchtermann. Hüchtermann ist Geschäftsführerin von IW Junior, einer Organisation, die sich für eine praxisnahe Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Themen einsetzt. Eine Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) zeigt die Vorteile: 15 bis 20 Prozent der an einem solchen Projekt beteiligten Schüler*innen gründen später ein eigenes Unternehmen. Damit ist der Anteil der Gründungen drei bis fünf Mal höher als in der Gesamtbevölkerung.

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Moritz Grothe und Hans Hähnle vertreten ihr Unternehmen bei der Messe Paperworld. Foto: Privat

Moritz Grothe und Hans Hähnle sind dafür das beste Vorzeigebeispiel. Wie Tomicic entschieden sich die heute 18- und 19-Jährigen in der Oberstufe für ein Seminar zum Thema Wirtschaft. „Es ging darum, die Schüler ins kalte Wasser zu werfen und sie selbst Wirtschaft erleben zu lassen“, beschreibt Hans Hähnle das Seminar, das an ihrer Schule in Kooperation mit einem Programm für mehr ökonomische Bildung an Schulen durchgeführt wurde. Gemeinsam mit ihren Mitschüler*innen kam dann die Idee, aus alten Gewehrpatronenhülsen Füller herzustellen. „Die Lehrer haben sich bewusst dazu entschieden, uns einfach machen zu lassen. Das allermeiste haben wir uns selbst und mithilfe der Kooperationsplattform beigebracht“, betont Moritz Grothe. Der unerwartete Erfolg ihrer besonderen Füller spornte die Jugendlichen an, sodass sie sich nach dem Ende des Schulprojekts mit ihrer Geschäftsidee selbstständig machten. Seitdem vertreiben sie ihre Füller über einen eigenen Onlineshop. „Generell würde ich mir für andere Schüler wünschen, dass auch sie durch solche Projekte mehr unternehmerisches Wissen vermittelt bekommen“, betont Moritz Grothe.

Gründer*innentum sollte fest in das Curriculum

Bisher erfordert die Vermittlung von unternehmerischem Wissen allerdings noch viel Eigeninitiative von Schüler*innen und Lehrer*innen – größtenteils außerhalb der Schulzeit. Innerhalb des regulären Unterrichts sei das laut Hans-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, auch kaum zu bewältigen: „Wenn sie irgendwo etwas mehr machen, müssen sie woanders etwas weniger machen. Deswegen ist es wahrscheinlich übertrieben zu glauben, man könnte diesen Punkt massiv ausbauen“. Gerade Gymnasien haben seiner Ansicht nach eine klare Ausrichtung auf die allgemeine Hochschulreife: „Jetzt zu sagen, wir machen ein eigenes Unterrichtsangebot zum Gründergeist – das wäre eine Überforderung und auch Umfunktionierung des Gymnasiums. Das stößt einfach an Grenzen“, so Meidinger. Marion Hüchtermann sieht das anders: „Es gibt schlaue Möglichkeiten, das Thema Selbstständigkeit so in die Schullandschaft einzubetten, dass es nicht zu Lasten von anderen Dingen geht. Im Gegenteil, damit werden den Schüler*innen Inhalte und Kompetenzen vermittelt, mit denen sie gut ins Leben kommen.“ Projekttage zum Thema Berufsorientierung und Selbstständigkeit, wie es sie an manchen Schulen bereits gibt, können dabei zumindest ein Anfang sein.

Während sich die Jungunternehmer Alexander Bünk und Marko Tomicic zukünftig vollständig auf ihre beiden Firmen fokussieren möchten, steht für Moritz Grothe und Hans Hähnle als nächster Schritt das Studium an. Parallel möchten sie an ihrem Unternehmen arbeiten. Für andere Jungunternehmer*innen in spe haben die vier unabhängig von ihrer unternehmerischen Ausrichtung aber ein und denselben Rat: „Einfach machen!“. Im besten Fall mit schulischer Unterstützung im Hintergrund.