Warum eine jüdische Familie einen strenggläubigen Muslim bei sich aufgenommen hat

Eine strenggläubige jüdische Familie aus Cambridge hat einen konservativen Muslim aus Aleppo bei sich aufgenommen. Wie funktioniert das Zusammenleben? Ein Besuch

Faraj: "Mein Glauben verbietet es mir nicht, in die Synagoge zu gehen"

Faraj: "Mein Glauben verbietet es mir nicht, in die Synagoge zu gehen" Quelle: Unsplash I CC0

Das Haus der Goldhills ist immer offen gewesen. Für Freund*innen, Austauschschüler*innen, Bekannte, Au-pairs. Aber noch nie wohnte ein Muslim bei ihnen. Faraj ist Muslim und strenggläubig. Bevor er von Syrien nach Europa kam, hatte er noch nie Juden*Jüdinnen gesehen. Jetzt lebt er bei einer jüdischen Familie, „einer sehr jüdischen“, wie Simon Goldhill sagt. Der Professor für Altgriechisch und seine Frau Shoshana haben Faraj aus Aleppo bei sich aufgenommen.

Fragen statt Argumente

Manche von ihren Freunden in der jüdischen Gemeinde waren zunächst skeptisch. Wird das nicht kompliziert? Vertraut ihr ihm?, fragten sie die Goldhills. Und auch viele Bekannte von Faraj fragten ihn: Wie kannst du bei Juden*Jüdinnen leben? „Argumente haben sie nie vorgebracht“, sagt Faraj, „immer nur solche Fragen gestellt.“

Es ist Sonntag. Im Haus der Goldhills heißt das: Zeit, sich in Ruhe der liegen gebliebenen Arbeit widmen zu können. Shoshana Goldhill kommt herein, bringt Tee. Sie trägt Leggings, Funktionsjacke und Laufschuhe, das Gesicht ist vom Laufen noch leicht gerötet. „Wir haben, ehrlich gesagt, nicht lange darüber nachgedacht, ob wir Faraj bei uns aufnehmen sollen“, sagt die Anwältin. Jemand aus ihrer Gemeinde habe sie gefragt, ob sie Platz für einen Geflüchteten aus Syrien hätten. Faraj brauchte einen Platz zum Schlafen, ein Zuhause. Sie hatte ein Zimmer frei.

„Über die Konsequenzen konnten wir auch später noch nachdenken. Wie es laufen würde, konnten wir ja ohnehin nicht wissen.“ Sie lächelt, nickt freundlich, ist schon wieder auf dem Weg die Treppen hoch. Sie würde gerne weiter erzählen, sagt sie. Aber sie hat keine Zeit; ein Stapel Arbeit wartet auf sie, erklärt sie entschuldigend, aber bestimmt.

Faraj: Mein Glauben verbietet es mir nicht, in die Synagoge zu gehen

Ein erstarkender Antisemitismus wird sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien diskutiert. Oft ist das Thema dabei, dass antisemitische Feindbilder in Ländern wie Syrien weit verbreitet sind und im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt die Spannungen zwischen Juden*Jüdinnen und Muslim*innen auch in Europa wieder stärker spürbar werden würden. Damit ist eine Debatte um den Antisemitismus und die Pauschalisierungen von Geflüchteten entbrannt. Ist der Konflikt jetzt also bei den Goldhills im Wohnzimmer gelandet? Nein, sagt Simon.

Faraj betet fünfmal am Tag, geht am Freitag in die Moschee und am Samstag mit in die Synagoge. „Mein Glauben verbietet mir das schließlich nicht“, sagt Faraj. Er fühlt sich aufgehoben in der Gemeinde, hat viele Freunde dort und hilft dem Rabbi und seiner Frau: Er passt auf ihre Kinder auf und spült das Geschirr nach dem gemeinschaftlichen Essen am Samstag. Der Rabbi meinte einmal: „Du bist aus Syrien, ich aus Israel. Wir sind also eigentlich Nachbarn. Warum sollten wir uns nicht auch hier nah sein, in England?“

Die Unterschiede liegen vor allem in der Lebensweise und nicht in der Religion

Simon, der Koch in der Familie, macht jetzt öfter zwei Saucen: eine, die er, wie er es mag, mit Wein ablöscht und eine ohne Alkohol für Faraj. Natürlich spüren sie Unterschiede aufgrund ihrer Religionen. Aber kulturelle Unterschiede, die Frage, wie man sein Leben leben sollte, seien größer als die religiösen. „Unser Glauben ist verschieden, aber gerade weil wir alle streng religiös aufgewachsen sind und das unseren Alltag mitbestimmt, haben wir großen Respekt vor der Haltung des anderen.“

Er würde nie hinterfragen, warum Faraj kein Schweinefleisch isst, und der wiederum lässt ihn nach dem Abendessen in Ruhe seinen Whisky trinken, obwohl er den Geruch furchtbar findet. Auch Faraj kocht für die anderen. Dafür kauft er gerne neue Gewürze. „Das ist wie in unserer Familie“, sagt er. „Wenn man Verschiedenes und Neues zusammen mixt, dann wird es erst aufregend und spannend.“

„Religion ist subjektiv. Das muss ich nicht nach außen tragen.“

Vielleicht ist es gerade deshalb für ihn in England so leicht anzukommen, weil er in Syrien nie er selbst sein konnte, sagt Faraj. Offen zu sein. Farajs Einstellung zur Religion hat ihm in Europa geholfen. Religion, das ist ihm sehr wichtig. Aber es sei eine subjektive Sache. „Das muss ich nicht nach außen tragen. Das geht nur mich etwas an.“ In Huddersfield, Nordengland, wo Faraj zuerst ankommt, holt er sich Hilfe bei einer christlichen Gemeinde. Andere Geflüchtete fragen ihn, warum er in die Kirche geht. „Weil die mir helfen. Ich brauche eine Winterjacke. Oder kannst du mir etwa eine besorgen?“ Faraj scheut den Kontakt nicht, hilft im Gegenzug in der Gemeinde. Er kocht in der Suppenküche, hält den Garten sauber. Trotzdem, sagt er, begegneten ihm die meisten Menschen in der kleinen nordenglischen Stadt mit wenig Freundlichkeit. Er schreibt E-Mails an Hilfsorganisationen. Eine bietet ihm an: Du könntest nach Hastings oder nach Cambridge gehen, da gibt es Familien, die ein Zimmer für dich frei haben. Faraj geht nach Cambridge. Er weiß, dass die Stadt für ihre Universität bekannt ist. Er will gerne einmal studieren.

Faraj ist wie ein Gegenpol zu den wirbelnden Goldhills. Seine braunen Augen blicken sanft, neugierig, er hat einen Fuß über das Knie gelegt, seine Hände halten sich am Schienbein fest, sodass er leicht vorgebeugt dasitzt. Er ist seit 16 Monaten bei den Goldhills. Es kommt ihm aber nicht so lange vor, sagt er. Auf der Flucht ist er, seit er 15 Jahre alt ist. Über Ägypten, die Türkei, Ungarn und Deutschland kam er nach Frankreich und schließlich nach England. Seine Familie zeichnet seinen Weg nach mit ihren Aufenthaltsorten, wie Brotkrumen hat er sie hinter sich gelassen. Die Eltern leben in Kairo, der Cousin in Hamburg, einige Verwandte sind in Schweden, manche noch in Aleppo.

„Ich bin hier so frei, wie ich es noch nie war“

Er hätte in Hamburg bleiben können, bei seinem Cousin. Aber er wollte nicht. Er wollte nach England. Warum ausgerechnet dorthin?, fragte ihn ein ehrenamtlicher Helfer. England ist nicht besonders freundlich zu euch Geflüchteten. Aber Faraj will nicht in Deutschland bleiben. Genauer gesagt: Er will nicht bei seinem Cousin bleiben. Er liebt seine Familie, sagt Faraj. Aber bei ihr kann er nicht ganz er sein, nicht frei sein. Faraj ist schwul. In Syrien musste er das verstecken, war meistens allein, zurückgezogen, anders als die anderen, sagt er. In Cambridge kann er ganz er selbst sein. „Ich bin hier so frei, wie ich es noch nie war“, sagt der 22-Jährige. Das hat seinen Preis. Die Familie heißt es nicht gut, dass er bei Juden*Jüdinnen lebt und darf auch nicht erfahren, dass Faraj schwul ist. „Mein Vater ist sehr streng und sehr konservativ“, sagt Faraj. Kontakt hat er nur noch zu seiner Mutter, mit ihr telefoniert er regelmäßig.

Faraj fühlt sich zu Hause in Cambridge, hat eine neue Familie gefunden. „Du kannst bleiben, so lange du willst“, hat Simon Goldhill zu ihm gesagt, „das weißt du.“

Faraj hat Glück gehabt, sagen manche zu ihm. Faraj hat bei all seiner Wärme, Sanftheit und Güte einen unglaublich starken Kern, sagt Simon Goldhill. Sonst hätte er es nicht bis zu ihnen geschafft und dabei seine Sanftheit bewahrt. „Er hat alles Recht der Welt, wütend zu sein“, sagt der Professor. „Bei dem, was er erlebt hat. Aber er ist es nicht. Er ist sanft. Das kann nur, wer innen ganz stark ist.“

Dunkerque: Alles ist besser, als hier zu bleiben

Als Faraj von Deutschland aufbricht, weiß er noch nicht, wie er nach England kommen würde. Er steigt in einen Bus nach Frankreich. Strandet in Dunkerque, einem Dschungel. „Es war die Hölle.“ Alle wollen hier weg, viele wollen nach England. Sie springen auf Züge, klammern sich an LKW-Achsen fest, klettern in Lieferwagen. „Ich wusste, dass es gefährlich ist. Aber ich wusste auch, dass alles besser ist, als hier zu bleiben“, sagt Faraj. Wenn er das jetzt erzählt, im Wohnzimmer der Goldhills, wirkt das für ihn abstrakt und sehr, sehr weit weg.  Heute, sagt er, hat er Angst vor einem knatternden Motorrad, wenn es direkt neben ihm vorbeifährt. Vor einem bellenden Hund. Davor, Fahrrad auf einer großen Straße zu fahren. Er lacht. „Es ist schon verrückt, dass ich vor solchen Dingen Angst haben kann, aber nicht, als neben mir Bomben explodiert sind oder als mir ein ungarischer Polizist ein entsichertes Gewehr an die Schläfe hielt.“ Oder als er gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer Geflüchteter in einen Tiefkühltransporter steigt, ohne überhaupt zu wissen, ob dessen Ziel England ist. „Der Fahrer wusste nichts von uns“, sagt Faraj. Aber nach ein paar Stunden kontrolliert er die Ladung, sieht in vierzehn erschrockene Gesichter. Knallt die Tür wieder zu, schiebt den Riegel vor. „Und dann hat er die Temperatur noch weiter runtergedreht“, sagt Faraj. Es wird eiskalt und die Luft knapp. Faraj verliert das Bewusstsein.

Er hat Glück. Er wacht wieder auf. Liegt draußen, nicht mehr im Transporter. Sieht in müde, aber erleichterte Gesichter. Er zeichnet mit den Händen ein breites Lächeln in seinem Gesicht nach, vom linken Ohr zum rechten. „So haben alle gestrahlt“, sagt er. Er ist in England. Er hat es geschafft. Wie er dorthin gekommen ist? Wer den Transporter geöffnet hat? Wie er die Fahrt überstanden hat? Er weiß es nicht.

Gegenwart statt Zukunft

Er weiß auch nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Auch nicht wie sie aussehen soll.

Faraj will darüber nicht nachdenken. Er ist dankbar und zufrieden, wo er jetzt ist, sagt er. Er hat ein Dach über dem Kopf, eine Familie, ein Bett. Die Goldhills zahlen ihm Englisch- und Mathematikunterricht. Er spricht jetzt gutes Englisch, hat Freunde in Cambridge gefunden. Die Gegenwart ist gut. Das reicht für jetzt.