Warum Emma González nicht die einzige ist, die eine Stimme im Kampf gegen Waffengewalt verdient

In den USA kämpfen People of Color schon lange gegen alltägliche Waffen- und Polizeigewalt. Die Schüler*innen aus Parkland können ihre Privilegien nutzen, um Bewegungen wie Black Lives Matter eine größere Plattform zu geben.

Warum Emma Gonzalez nicht die einzige ist, die eine Stimme im Kampf gegen Waffengewalt verdient

Emma Gonzalez und weitere Schüler*innen beim March for Our Lives am 24. März 2018 in Washington © Jim Watson/AFP/Getty Images

Emma González, die charismatische Schülerin aus Florida, kennen spätestens seit dem March for our Lives in Washington auch die meisten Menschen in Deutschland. Mit ihren kurz geschorenen Haaren und emotionalen Appellen ist sie zum Gesicht der Anti-Waffenbewegung der Schüler*innen in den USA geworden, seitdem am Valentinstag ein Amokläufer 17 Menschen an einer Schule in Florida erschossen hat. Sie und einige ihrer Mitschüler*innen, die seit dem Massaker in Parkland ununterbrochen auf den Bildschirmen und in den Schlagzeilen der US-Medien zu sehen sind, führen die Teenie-Revolution an, die zum ersten Mal seit Jahrzehnten Bewegung in die festgefahrene Waffendebatte bringt.

Die Schüler*innen aus Parkland sind privilegiert

Doch so bewundernswert das Engagement und die Eloquenz der Parkland-Schüler*innen rund um Emma auch sind, eines muss gesagt werden: Wäre die Schießerei in einem vermeintlichen Problemviertel einer Stadt wie Memphis, St. Louis oder Baltimore passiert, würde es eine ähnliche Teenie-Bewegung mit ziemlicher Sicherheit nicht geben.

Die Never-Again-Bewegung rund um Emma und ihre Mitstreiter*innen konnte nur entstehen, weil die Schüler*innen der Majory Stoneman Douglas High School gewisse Privilegien haben. Privilegien, die sie auf die Bildschirme aller großen US-Fernsehsender, auf die Titelseiten der internationalen Presse, und in die Social Media Feeds von Menschen auf der ganzen Welt gebracht haben. Privilegien, die dafür gesorgt haben, dass ihre Stimmen gehört und ernst genommen werden.

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Einer, der das nur zu gut bestätigen kann, ist Ronald Moten. Der 48-Jährige wohnt im Stadtviertel Anacostia in Washington. Als Jugendlicher kam er wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis, machte dort seinen Highschool-Abschluss. 2004 gründete er die Initiative Peaceaholics, die schwarze Teenager*innen dabei unterstützt, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten und ihrem Leben eine Perspektive zu geben. In Washington ist er eine lokale Berühmtheit. Sein Heimatbezirk Anacostia ist eines der Stadtviertel, die es wohl nicht auf die Titelseiten der nationalen Zeitungen geschafft hätten, wenn es dort eine Schießerei wie in Parkland gegeben hätte: 99 Prozent der Bewohner*innen dort sind schwarz, und glaubt man Touriführer*innen und den Berichten der Medien, dann regieren Gewalt, Drogen und Kriminalität das Viertel.

Aber oft sind solche Bilder verzerrt und basieren auf einseitiger Berichterstattung oder Doppelmoral, wie Moten beschreibt: „Ich weiß, dass wenn ich hier in Anacostia auf die Straße gehe und ein Verbrechen begehe, anders behandelt werde als jemand, der in Georgetown [weißes, reiches Viertel in Washington, Anm. d. Red.] ein Verbrechen begeht.“

In den USA werden Schießereien mit zweierlei Maß gemessen

Für Moten sei es deshalb gar keine Frage, dass die Schüler*innen aus Parkland nur wegen ihres Herkunftsorts so viel Aufmerksamkeit bekommen. Der mediale Fokus auf Emma und ihre Mitschüler*innen lenke deshalb davon ab, dass für viele Menschen in den USA Waffen nicht nur in Form von Schießereien an Schulen ein Problem sind. Denn die schwarze Bevölkerung kämpft ihrerseits mit der Bewegung Black Lives Matter seit Jahren gegen Polizeigewalt. Fälle wie Trayvon Martin, Michael Brown und Eric Garner zeigen, in welchem Maß vor allem junge schwarze Männer mit Diskriminierung und Gewalt seitens der Polizei zu kämpfen haben.

[Außerdem auf ze.tt: Warum der Kampf für schärfere Waffengesetze so schwer zu gewinnen ist]

Erst vor einigen Tagen wurde in Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien der 22-jährige Stephon Clark in seinem eigenen Garten erschossen. Angeblich soll er zuvor Autoscheiben eingeschlagen haben. 20 Kugeln feuerten zwei Polizisten auf ihn ab, weil sie sein iPhone für eine Waffe hielten. Während er sterbend am Boden lag, legten sie ihm Handschellen an. Seine Großmutter wurde im Haus vier Stunden lang befragt, bevor ihr die Beamten mitteilten, dass ihr Enkel tot im Garten lag. Stephon war schwarz.

In den USA werden Schießereien oft mit zweierlei Maß gemessen: Finden sie in einer wohlhabenden Gegend statt, sind es Tragödien. Kommen die Opfer aus benachteiligten Bevölkerungsschichten, ist es das, was angesichts von vermeintlich keimender Kriminalität und Gewalt ohnehin zu erwarten sei. Nur wegen dieser Doppelmoral konnte die Never-Again-Bewegung so groß werden, wie sie jetzt ist. Was die Schüler*innen rund um Emma allerdings noch viel bewundernswerter macht: Sie sind sich dessen bewusst, und sie haben ihre Privilegien und ihre Stimmen dazu genutzt, um Protestbewegungen wie Black Lives Matter ebenfalls eine Bühne zu geben und zu stärken.

Emma und Co. wissen um ihre Privilegien – das macht sie noch bewundernswerter

Schon am Tag vor dem March for our Lives kritisierte David Hogg, einer der Wortführer*innen aus Parkland, in einem Interview das Versäumnis der Medien, schwarzen Schüler*innen eine Stimme zu geben, als den größten Fehler in der Berichterstattung über das Massaker in Florida. Die 17-jährige Jaclyn Corin machte das am Samstag auf der Bühne ebenfalls deutlich: „Wir wissen, dass wir privilegiert sind und nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen würden, wenn unsere Gemeinde nicht so wohlhabend wäre“, stellte sie klar. „Deswegen teilen wir uns die Bühne heute und in Zukunft mit denen, die schon lange gegen Waffengewalt kämpfen.“

Dementsprechend waren viele der Redner*innen auf der Bühne am Samstag schwarz, und sprachen mit ebenso emotionalen und direkten Worten wie die Parkland-Schüler*innen die Waffengewalt und Diskriminierung an, unter denen ihre Bevölkerungsgruppe leidet.

Einer der Höhepunkte war die Rede der erst elfjährigen Naomi Wadler aus Virginia „Ich bin heute hier, um die schwarzen Mädchen zu repräsentieren und anzuerkennen, deren Geschichten es nicht auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen, und die nicht die Aufmacher der Abendnachrichten sind“, sagte die Elfjährige auf der Bühne vor dem Kapitol. Es wird sich zeigen, ob die Medien solchen Aufforderungen ebenso viel Raum geben wie den Rufen nach härteren Waffengesetzen.