Warum es feminine Lesben so schwer haben in der Frauenwelt

Hohe Schuhe, Lippenstift und Kleider vertragen sich nicht mit dem gängigen Klischee der maskulin erscheinenden Lesbe. Doch es gibt sie, die feminine lesbische Frau. Ein Appell für die stärkere Sichtbarkeit dieser Frauen

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Es ist die heteronormative Vorstellung, die die Leute von einem haben und die dazu führt, dass feminine lesbische Frauen häufig als heterosexuell eingeordnet werden. Quelle: Photo by Kaci Baum on Unsplash | CC0

Das stereotype Bild einer burschikosen und männlich wirkenden lesbischen Frau ist überholt und trotzdem ist es in den Köpfen vieler noch immer stark verankert. Nicht nur in der heteronormativen Welt werden Lesben bestimmte Äußerlichkeiten und Attribute zugesprochen, sondern ebenso in der queeren Szene. Dabei wird zunehmend eine freie und diverse Entfaltung der eigenen Persönlichkeit propagiert. Dennoch fehlt vielen das Verständnis dafür, wenn sich eine queere Frau bewusst weiblich kleidet und zeigt. Diese Frauen werden oft als unsicher oder angepasst abgestempelt und deshalb erst gar nicht in ihrer queeren Rolle wahrgenommen oder verkannt. Und das ist sie, die Femme Invisibility.

Hetero versus queer

Wenn ich am Wochenende abends mit meinen Freundinnen weggehe, ist es wie bei so vielen anderen Frauen auch: Ich stehe vorm Kleiderschrank, überlege welches Kleid und welche Schuhe ich auswählen soll. Oder doch lieber eine enge Hose? Steht das Outfit dann erst einmal, werden die langen Haare zu Locken gemacht und die Lippen in einem knalligen Rot nachgezogen. Fertig. Das bin ich. Eine von oben bis unten absolut feminin aussehende Frau, die selbst auf Frauen steht. Aber genau das sieht niemand. Damit falle ich etwas aus der Rolle, die mir meine Umwelt auf Grund meines Äußeren zuschreibt.

Steht das Outfit dann erst einmal, werden die langen Haare zu Locken gemacht und die Lippen in einem knalligen Rot nachgezogen. Fertig. Das bin ich.“

Es ist die heteronormative Vorstellung, die die Leute von einem haben und die dazu führt, dass feminine lesbische Frauen häufig als heterosexuell eingeordnet werden. Damit werden wir unsichtbar. Wir sind da, aber werden wegen unseres Äußeren verkannt. Die eigene Femininität verdeckt die queere Identität und übrig bleibt die unsichtbare Frau, das Phänomen der Femme Invisibility. Eine Femme, also eine sehr weiblich auftretende Frau, wird darum häufig sowohl von der heteronormativen Welt als auch in der queeren Szene nicht als Lesbe wahrgenommen. Das Äußere täuscht unser Gegenüber über unsere eigentliche Identität.

Zu schön für eine Lesbe

Der erste Eindruck ist entscheidend, davon kann sich niemand freisprechen und er ist sehr eng mit dem Äußeren eines Menschen verbunden, mit der Art und Weise wie man sich gibt und präsentiert. Daraus wird durch ein bloßes Anschauen erschlossen, was für ein Mensch vor einem steht, ohne dass bereits ein Wort mit dieser Person gewechselt wurde. Umso erstaunter sind oft die Reaktionen, wenn sich feminine Frauen im Gespräch als homosexuell outen. Für viele ist es ein Widerspruch zwischen Schein und Sein. Aber so ist es eigentlich gar nicht. Das eine schließt das andere nicht zwangsläufig aus. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, die beiden Seiten von offensichtlicher Weiblichkeit und Queerness miteinander zu verbinden. Das ist an Reaktionen wie „Aber du bist doch viel zu hübsch, um lesbisch zu sein“ oder „Man sieht dir gar nicht an, dass du auf Frauen stehst“ zu erkennen.

Wie muss ich aussehen und warum?

Was im ersten Moment das Erstaunen oder auch die Ungläubigkeit auf Seiten des*r Gesprächspartner*in zeigt, löste bei mir lange Zeit eine Lawine von Fragen und Zweifeln aus: Darf ich mich nicht so kleiden und zeigen, wie ich es möchte, weil ich sonst nicht als Lesbe erkannt werde? Wie sieht denn eigentlich eine lesbische Frau aus? Und warum muss sich mein Äußeres denn überhaupt mit dem scheinbar noch immer klischeebesetzten Bild der Gesellschaft von queeren Frauen decken? Diese Fragen verunsichern. Ich fing an zu googeln, wie sich lesbische Frauen kleiden und stellte schnell fest, dass ich mich mit den Vorschlägen überhaupt nicht identifizieren konnte. Genauso wie manche andere Frauen sich mit Lippenstift und im Kleid unwohl fühlen, komme ich mir ohne diese Dinge verkleidet vor, wenn ich sie zwanghaft vermeiden soll, nur um einem gewissen Bild zu entsprechen.

Das eigentliche Dilemma der Femme Invisibility besteht nicht darin, dass sich eine lesbische Frau feminin zeigen möchte, sondern vielmehr darin, dass noch immer bestimmte Stereotype und Auffassungen von äußerlichen Attributen in den Köpfen der Leute herumschwirren. Diese verleiten sie dazu, eine Frau mit kurzen Haaren oder mit einem androgynen Erscheinen eher als eine Lesbe einzuordnen als eine Frau mit langen Haaren und weiblicheren Rundungen. Bei dem Wort Lesbe kommt oft automatisch die Vorstellung einer burschikosen Frau mit Kurzhaarschnitt und Holzfällerhemd auf. Eine Butch. Das genaue Gegenteil einer Femme. Äußerlich sind die beiden grundverschieden, aber eines haben sie gemeinsam: Sowohl Butch als auch Femme steht auf Frauen.

Ja, ich bin lesbisch

Als feminine lesbische Frau kommt es sowohl im heteronormativen Alltag als auch in der queeren Szene zu Situationen, in denen ich mir das ein oder andere Mal ein großes Schild auf der Stirn gewünscht hätte, auf dem schlicht und ergreifend steht: Ja, ich bin lesbisch. Auf den ersten Blick wäre es vielleicht etwas plakativ und irritierend, würde aber viele Missverständnisse und Unklarheiten auf Anhieb beseitigen. So müsste ich mich nicht immer wieder aufs Neue dafür rechtfertigen, dass ich mich nicht von einem flirtwilligen Mann auf ein Bier einladen lassen möchte und die Frage nach einem festen Freund würde sich kurzerhand in die nach einer festen Freundin wandeln. Auch wenn ich mit Freund*innen in queeren Clubs bin, könnte ich einfach auf meine Headline (im wahrsten Sinne) verweisen und jegliche Frage, warum ich in einer Lesbenbar sei, ob ich meinen Freund zu Hause vergessen hätte oder abwertende Kommentare über die neugierige Hete, würden sich erübrigen.

Von dem Schubladendenken können wir uns nicht ohne weiteres lösen. Es passiert einfach und zwar bei jedem Menschen, der uns begegnet. Innerhalb von Sekunden machen wir uns ein Bild von jemand anderem, den*die wir, bis auf sein*ihr Äußeres, nicht kennen. Wir sehen nicht, ob unser Gegenüber Geschwister hat, was seine*ihre Lieblingsfarbe ist und auch nicht neben wem er*sie abends vielleicht einschläft. Trotzdem glauben wir die Person richtig einzuschätzen. Aber um den*die andere*n wirklich zu erkennen, bleibt ein Blick hinter die Fassade nicht aus.

Coming-out in deinem Style

Das Motto des diesjährigen CSD in Köln lautet Coming-out in deinem Style, was die Möglichkeit bietet, den Blick auf die Werte von Toleranz, Akzeptanz und auf ein gemeinsames buntes Miteinander zu lenken. Mit diesem Motto kann aber auch gezeigt werden, dass es ganz unterschiedliche Varianten gibt, sich selbst und seine sexuelle Identität zu präsentieren. Egal ob Butch, Femme, Tomboy oder am liebsten gar nicht gelabelt, beim CSD kommen die verschiedensten Menschen zusammen, um gemeinsam die Vielfalt der queeren Szene zu feiern und sich so zu zeigen, wie sie sind und wie sie sich wohlfühlen.

Außerdem auf ze.tt: Serie „Facepalm“: 5 queere Forderungen an die Bundesregierung