Warum es für queere Menschen schlimm ist, dass der CSD Berlin dieses Jahr digital stattfindet

Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus findet der Berliner Christopher Street Day digital statt. Dragqueen Jurassica Parka schmerzt das sehr. Ein Kommentar

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Beim CSD in Berlin im vergangen Jahr. Foto: © Elif Küçük

Die Corona-Maßnahmen haben das Leben von queeren Menschen entschieden verändert. Zu oft ist für uns die Herkunftsfamilie kein Rückzugsort, wir Queers suchen uns aufgrund homophober familiärer Ausgrenzung eigene Familien innerhalb der Szene. So was fand bis März 2020 in Clubs, Bars, Theatern oder Darkrooms statt. Mit Feierfreund*innen oder echten Freund*innen, Fuckbuddies und Kolleg*innen. Sozialer Umgang wurde bedingt durch öffentlichen Raum.

Doch plötzlich waren die Rückzugsorte und Schutzräume geschlossen – oder sie sind es immer noch. Für viele queere Menschen bedeutete das eine fatale Zäsur ihres Soziallebens. Distanz fördert Einsamkeit. Vielleicht kann man das mal einen Monat durchhalten, aber wir haben das jetzt schon den März, April, Mai, Juni, Juli durchgemacht – und wer weiß, wie lange noch?

Und nun wirken sich die Corona-Maßnahmen auch auf die Christopher-Street-Day-Veranstaltungen aus. Der CSD Berlin, der am Samstag stattfindet und normalerweise eine Riesenveranstaltung mit rund einer Million Teilnehmer*innen ist, wird diesmal im Netz abgehalten. Man wolle kein neues Ischgl sein, hieß es von Seiten der Veranstalter*innen. Verständlich.

Doch dass das Jahr 2020 ohne physischen CSD auskommen muss, schmerzt mich ungemein. Mir als schwulem Mann, als Dragqueen, bedeutet diese Parade viel.

Am wichtigsten ist: Wir sind an diesem Tag sichtbar

Meinen ersten CSD besuchte ich vor über 20 Jahren, das war wie eine Befreiung! Ich war gerade volljährig und fing langsam an, meine heteronormative Umgebung zu hinterfragen. Ich suchte verzweifelt nach Menschen, die so sind wie ich. An dem Tag traute ich mich endlich, so tuntig zu sein, wie ich wollte. Und das im öffentlichen Raum, mit lauter Musik und umgeben von Tausenden anderen, beschützt und selbstbewusst. Toll! Ein Moment, den ich niemals vergessen werde. Und das macht die Parade so besonders und wichtig: Sichtbarkeit der Teilnehmenden ist für den CSD essentiell.

An so einem Tag entern wir Queers die Straße und zeigen uns. An den Seiten stehen Heterosexuelle und gucken. Im besten Falle staunen und jubeln sie, manchmal pöbeln sie auch. Egal. Raus aus dem Schrank. Davon lebt das Event. Wir sind da und wir sind Teil der Gesellschaft, auch wenn wir sonst gerne marginalisiert werden – oder eben schrille Paradiesvögel darstellen sollen. Klar sollten wir darüber diskutieren, ob der CSD in den vergangenen Jahren zu kommerziell geworden ist. Aber am wichtigsten ist: Wir sind an diesem Tag sichtbar. Punkt.

Wie soll sich die Sichtbarkeit in diesem Jahr online gestalten? Geplant sind zehn Stunden Programm, als Stream auf allen Social-Media-Plattformen. Politische Reden, Comedy, Musik, Award-Verleihungen. Zwischendurch gibt es Liveschalten in queere Lokalitäten, die den Stream als Public Viewing zeigen. Das Ganze wird begleitet durch Vor-Ort-Moderateusen, hierzu gab es in der vergangenen Woche eine hitzige Diskussion, wer moderieren könnte und wer nicht. Darauf einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Berlins Szene ist nun mal sehr groß und divers; dass Diskurs stattfindet, ist richtig.

„Man kann keine Cola im Internet trinken“

Kann aber so ein Online-Event den echten CSD ersetzen? Der schwule Blogger Johannes Kram hat das so formuliert: „Wer einen digitalen CSD ausruft, ist wohl schon zu lange in der Logik angekommen, dass es sich bei der Planung eines Prides vor allem um Eventplanung handelt. Der CSD als Marke, die irgendwo stattfinden muss. Dann halt im Internet. So ein Blödsinn. Ja, man kann eine Cola-Marke auch im Internet inszenieren. Aber man kann keine Cola im Internet trinken.”

Erstens das. Und was passiert mit der Sichtbarkeit? Social Media lebt von seinen Filterblasen. Der digitale CSD wird in erster Linie die Menschen erreichen, die wissen, dass es ihn gibt und die sich das Ganze angucken wollen. Denkt mal an Gaby und Hans-Jürgen aus Hinterfotzingen. Ich denke nicht, dass die sich am Samstag auf Facebook zufällig in den CSD reinklicken und dort auch verweilen werden. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne liegt vielleicht bei eineinhalb Minuten. Das nächste Lifehack-Video wartet. Außerdem, das ist doch so eine Schwulenparade, das interessiert nicht.

Genau darum geht es aber beim CSD: Wir wollen das Volk stören. Unverhofft sichtbar sein. Wir wollen sie dazu zwingen, uns wahrzunehmen. Uns Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle – geflüchtete Queers, Schwarze und People of Color und alle anderen, die Gaby und Hans-Jürgen nicht immer auf dem Schirm haben. Ich denke, dass das ein digitaler CSD nicht leisten wird. Aber dafür wird das Programm für immer im Netz abrufbar sein, die Veranstaltung kann geteilt werden und so ein bisschen Sichtbarkeit schaffen. Zum ersten Mal sollte man auf Regen hoffen, damit genug dabei sind!

Ich wünsche euch allen einen stolzen und liebevollen 25. Juli. Und hoffentlich sehen wir uns im nächsten Jahr wieder auf der Straße.

Außerdem auf ze.tt: So sah der Christopher Street Day 2019 in Berlin aus