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Warum es gut ist, dass du nach der Trennung über deine*n Ex sprichst

Einige haben noch lange nach der Trennung das Bedürfnis, über ihre*n Ex zu sprechen. Das ist okay – solange sie es nicht übertreiben.

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Über sie oder ihn zu schimpfen, heißt: Du wünschst dir eigentlich noch Nähe. Foto: emoji / photocase.de

Hand aufs gebrochene Herz: Jede*r von uns kennt so eine Person. Jede*r von uns war schon mal so eine Person: Jemand, der*die auch Ewigkeiten nach der Trennung in Gesprächen mit der Zuverlässigkeit eines meister*innenhaft gefertigten Boomerangs früher oder später immer wieder zum*zur Ex zurückkehrt. Dann fallen Sätze wie: „Guck, was er*sie gepostet hat, so peinlich“; „Ich denke, er*sie weiß gar nicht, was Liebe ist“; „Ich habe echt was Besseres verdient“; „Glaubst du, es lag vielleicht doch an mir?“

Ja, es ist gesund und gut, über den*die Ex zu sprechen. Das kann wichtig sein für die Verarbeitung der gescheiterten Beziehung. Es kann Herz und Seele heilen und den Kopf aufräumen und entlasten. Es kann aber auch Freund*innen das Nervenkostüm zerfetzen.

Nach der Trennung Nähe fühlen

Einer der Hauptgründe dafür, nach der Trennung zielsicher immer wieder zum Thema Ex-Beziehung zurückzutrudeln, ist, sich dem*der anderen noch weiter nahe fühlen zu wollen.

Wenn du über den*die andere*n sprichst, ist es ein bisschen so, als wäre er*sie noch da. Auch, wenn er*sie längst ganz woanders und nicht mehr in deinem Leben ist. Das trifft vor allem für die Phase unmittelbar nach der Trennung zu, wenn alles noch ganz frisch und verwirrend ist.

„Der Wunsch nach Nähe ist natürlich ein wesentlicher Grund für das Reden über den oder die Ex“, sagt auch die Liebeskummer-Expertin Elena Sohn. „Das ist vollkommen okay und ein Teil des Verarbeitungsprozesses.“

Der Wunsch nach Nähe ist ein wesentlicher Grund für das Reden über den oder die Ex.

Elena Sohn, Liebeskummer-Expertin

Menschen, die eine gescheiterte Beziehung nach der Trennung komplett totschweigen, nähmen sich ein Stück weit die Gelegenheit des Abschiednehmens und Verarbeitens.

„Das kann durchaus verschiedene Gründe haben. Manche schämen sich, andere vertrauen nicht genug oder sind grundsätzlich eher introvertiert. Natürlich berauben sie sich damit einer Chance“, sagt Elena Sohn. Allerdings gäbe es auch andere Möglichkeiten als das gesprochene Wort. „Über den Schmerz zu schreiben hat ähnliche Effekte wie das Reden. Manche bringen ihre Gedanken lieber zu Papier“, sagt die Liebeskummer-Expertin.

Hauptsache, raus mit dem ganzen Emo-Schmodder. Denn Verdrängung ist keine gute Sache, das weiß man, das ist bekannt.

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Ein Narrativ hilft bei der Orientierung

Ein weiterer wichtiger Grund für die herzschmerzinduzierte Monothematik ist, dass du ein Narrativ brauchst. Und das entsteht oft in verschiedenen Phasen deines Kummers und erst mit der Zeit. Narrativ heißt in diesem Fall: deine Version der Geschichte; deine Antwort auf die Frage, warum eure Beziehung gescheitert ist.

„Auch das ist natürlich ein wichtiger Teil der Verarbeitung“, sagt Expertin Sohn. „Denn es hilft, das Geschehene zu verstehen und oft auch, sich selbst Antworten zu geben, wenn man vom Gegenüber keine bekommt.“

Du sortierst durch die Gespräche über den*die Ex das Erlebte und deine Gedanken und verortest alles in deiner emotionalen Landschaft und deiner Biografie. Das ist entscheidend, damit du weißt, wie es weitergehen kann.

Etwas weniger wichtig ist dabei, ob sich deine Version der Ereignisse zu 100 Prozent an objektiven Tatsachen orientiert. Mit Objektivität ist es ja eh so eine Sache und gerade Beziehungsgeschichten hören sich aus einer anderen Perspektive häufig erstaunlich anders an. Aber es hilft beim Abschluss.

„Es gibt wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass das Reden über eine Trennung dabei hilft, ein neues Selbstkonzept zu entwickeln – also eine Vorstellung dessen, wer man jenseits der Beziehung ist. Diese Vorstellung zu entwickeln ist ein wichtiger Schritt bei der Überwindung des Liebeskummers“, sagt Elena Sohn.

Achte jedoch darauf, dass du den*die andere*n nicht vollkommen verdammst – auch, wenn sich das kurzfristig wundervoll befreiend anfühlen mag. Aus einer gescheiterten Beziehung lässt sich immer etwas lernen. Das kann jedoch nur passieren, wenn du deinen eigenen Anteil reflektierst. Welche Muster und Trigger sind bei dir aktiv und wie kannst du sie künftig besser erkennen und damit umgehen?

So helfen Gespräche

So erquickend Selbstgespräche auch manchmal sein können, es ist so viel hilfreicher, mit anderen Menschen über den*die Ex zu sprechen. Im Dialog entwickelt sich mehr Klarheit. Während du um Worte für deine Gefühle ringst und auszudrücken versuchst, dass er*sie innerlich verkümmert ist oder nicht gut für dich, lichtet sich nach und nach der Nebel. Und das hilft bei der Verarbeitung der Trennung

„Natürlich können Dritte oft wertvollen Input und Erfahrungen beisteuern, sowie Trost und Verständnis spenden“, sagt Elena Sohn. Auch Schreiben habe laut Expertin einen ähnlichen Effekt. „Es geht vor allem darum, Gedanken auszuformulieren, denn das zwingt zu mehr Reflexion.“ Und ohne die keine Entwicklung.

Aber Achtung: Es besteht die Gefahr, ausschließlich und wie besessen von dem*der anderen zu sprechen. „Das ist ein Zeichen dafür, dass die Person noch nicht wieder im eigenen Leben angekommen ist“, erklärt Elena Sohn. „Dann gilt es, genau dort anzusetzen – also einen neuen Plan für sich zu entwickeln – anstatt mit Gewalt die Gedanken an den oder die Ex abstellen zu wollen.“

Anders gesagt: Wenn du wirklich 24/7 ohne Unterlass über ihn*sie sprichst und dir damit selbst schon arg auf die Nerven gehst, ist es Zeit, eine neue Vision für dein Leben zu entwickeln und dich selbst an erste Stelle zu setzen. Also, den Fokus weg von ihm*ihr und hin zu dir zu führen.

Finger weg von der Pausetaste

Diese Obsession mit dem*der Ex hält nicht nur dich an einer Stelle fest, sie kann auch Freundschaften sehr belasten. Irgendwann dreht sich alles im Kreis, wurde jede Silbe, jedes Posting, jede Geste von allen Seiten beleuchtet und analysiert und wenn du trotz unendlicher Stunden des Zuhörens und des guten Rates keinen Millimeter weiterkommst, kann das Freund*innen enorm frustrieren.

So ein Verhalten kann außerdem auch darauf hindeuten, dass dein*e Ex bei dir tieferliegende Muster aktiviert, die aus deiner Kindheit stammen und die du allein nicht leicht erkennst und in den Griff bekommst. Dann kann es hilfreich sein, dir professionelle Hilfe zu suchen und der Sache auf den Grund zu gehen.

Denn niemand will, kann und sollte sich nach einer Trennung jahrelang im Kreis und nur um eine einzige Person drehen, die im Zweifel längst weitergezogen ist. Niemand will, kann und sollte das eigene Leben auf Pause stellen. Dafür ist es dann doch einfach zu kurz.

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