Warum es gut ist, wenn die Zukunft anders wird, als du sie dir als Kind vorgestellt hast

Als Kind hatte unsere Autorin klare Vorstellungen vom Erwachsenenleben. Nun muss sie sich eingestehen, dass fast nichts davon der Wahrheit entspricht – und das trotzdem gut ist.

Zukunftspläne Wenn das Leben anders ist, als du als Kind gedacht hast

Dass mir diese Freiheit einmal so wichtig werden würde, konnte ich mir als Kind eben noch nicht vorstellen. Quelle: Unsplash | CC0

Als Kind dachte ich, ich würde einmal Schriftstellerin sein. Eine erfolgreiche. Oder eine berühmte Journalistin, die sich um die Aufklärung wichtiger Dinge kümmert und die Welt bewegt. Schreiben hat mir immer schon Spaß gemacht – ich wünschte mir, diese Leidenschaft zu nutzen. Nun bin ich etwas über 30 Jahre alt und viel zu viel, von dem was ich schreibe, schreibe ich im Auftrag anderer, ohne dass mein Name darunter steht.

Als Kind dachte ich, ich würde einmal die ganze Welt bereisen, in fremden Ländern wohnen und fremde Sprachen sprechen. Ich wollte keine Touristin sein, sondern die Welt richtig kennenlernen. Heute habe ich zwar eine Menge Stempel in meinem Reisepass, doch in nur wenigen dieser Länder habe ich länger als ein paar Wochen verbracht.

Als Kind dachte ich, ich würde einmal wissen, wie mein Lebensweg genau aussieht, was ich erreichen will, wo und mit wem ich leben und wie ich meine Zukunft gestalten will – ob mit Familie, Job oder beidem, doch vor allem als Frau mit festen Zielen und Grundsätzen. Ich dachte, die Zukunft, wie ich sie mir ausmalte, hätte heute mit über 30 Jahren schon längst begonnen und würde nur noch einem genauen Plan folgen, den ich mir zuvor zurechtgelegt hätte.

Kindliche Vorstellungen werden selten wahr

Als Kind hatte ich keine Ahnung, dass es ganz anders kommen würde. Ich dachte nicht im Traum daran, dass mich die Zukunft, die ich mir vorstellte, regelrecht enttäuschen würde. Ich bin über 30 und habe keine Ahnung, wohin mich mein Weg führt. Ich bin keine Schriftstellerin und keine bekannte Journalistin. Ich arbeite ortsunabhängig und reise deshalb viel, Fremdsprachen beherrsche ich trotzdem nur zwei. Und ich schreibe, aber das ist auch schon alles.

Was dazwischengekommen ist? Die Unvorhersehbarkeiten des Lebens und zu viele Optionen. Wie sieht mein weiterer beruflicher Werdegang aus? Will ich einmal Kinder haben, ein Eigenheim besitzen, wie wichtig ist mir Karriere? Ich bin über 30 und weiß es noch immer nicht.

Ich bin über 30 und habe keine Ahnung, wohin mich mein Weg führt.“

Als Kind hätte ich nie gedacht, dass sich Erwachsene mit Gedanken wie „Was erwarten andere von mir?“ oder „Wozu reicht meine Zeit noch?“ herumquälen müssen. Ich war der Meinung, Erwachsene sind allesamt gefestigte Menschen, die vernünftig genug sind, nicht miteinander zu konkurrieren, bei denen Äußerlichkeiten an zweiter oder sogar erst an dritter Stelle stehen, die keine Selbstzweifel haben, sondern wissen, wer sie sind und sich in der Welt behaupten.

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Welch naive Vorstellung! Verglichen mit pubertierenden Mädchen sind Frauen, die der Pubertät längst entwachsen, nämlich erwachsen sind, nur unwesentlich anders. Noch immer dreht sich das meiste um Erfolg, wobei dieser Begriff vieles vom Aussehen über die Karriere bis hin zum privaten Glück umfasst. Den Beweis findet jede*r noch Zweifelnde nicht nur auf Veranstaltungen wie etwa Klassentreffen, sondern weit häufiger in sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. Dort tummeln sich die Frauen, deren Profile aussehen, als würde der Zahn der Zeit an ihnen vorüberziehen, ohne auch nur ein bisschen zu knabbern. Gleichzeitig sparen sie nicht an Schilderungen über ihr perfektes Leben, das mal einen erfolgreichen Ehemann und hübsche Kinder, mal eine bilderbuchreife Karriere beinhaltet. Bin ich denn die einzige, die ohne konkrete Pläne durchs Leben läuft?

Auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass als Kind die Weitsicht fehlt, der Erfahrungshorizont kleiner und die Welt bunter und sorgenfreier ist als die Welt der Erwachsenen, kann ich nicht leugnen, dass ich mich von der Zukunft verraten fühle. Ich bin enttäuscht, weil sie mir nicht das gegeben hat, womit ich eine ganze Kindheit lang gerechnet habe. Ich möchte zurückreisen in die Vergangenheit und dem Mädchen von damals die Illusionen nehmen, ihm sagen, dass es das Träumen sein lassen soll, weil zu wenig kommt wie erhofft. „Schraube deine Erwartungen herunter und du wirst nicht enttäuscht“ möchte ich der kleinen Idealistin sagen, damit sie gar nicht erst auf den Gedanken kommt, ihre zukünftige Version, nämlich mich, mit Träumen zu vernebeln, die sich nicht bewahrheiten lassen.

Alles ist möglich – jeden Tag

Ich komme zu dem Schluss, dass mein vergangenes Ich etwas Wichtiges nicht bedacht hat: Träume und Wünsche können sich ändern. Mein vergangenes Ich hat Erwartungen aufgebaut, aber die will ich heute gar nicht mehr alle genau so erfüllen. Die Zukunft ist nun einmal anders, als ich früher dachte. Im Grunde genommen ist das auch gut so, denn unzählige Möglichkeiten entstehen daraus. Nichts ist vorhersehbar oder einem Plan unterworfen, nichts unveränderbar oder für alle Zeiten festgesetzt. Ich kann mich jeden Tag neu entscheiden, wer ich sein will, was mich glücklich macht und wie ich mein Leben gestalte. Passt das Gestern nicht zum Heute, oder das Heute nicht zum Morgen, plane ich eben um – kein Problem. Darum ist die Planlosigkeit, die mein Leben begleitet, eine riesige Chance. Ich bin der Zukunft aus der Kindesperspektive dankbar, dass sie nicht eingetreten ist. Dass mir diese Freiheit einmal so wichtig werden würde, konnte ich mir als Kind eben noch nicht vorstellen.

Trotz aller Überraschungen sind mir manche Träume bis heute erhalten geblieben. Der, bis zu meinem Lebensende die ganze Erde bereist zu haben, ist zum Beispiel noch da, und auch der Wunsch, die Welt zu bewegen, ist nicht verloschen. Einige Träume haben sich dagegen verabschiedet und anderen Platz gemacht. Wann immer ich das Gefühl habe, die Richtung passt nicht mehr, schlage ich einen anderen Weg ein. Die Freiheit für diese Möglichkeit ist mein Wegweiser. Und was ist das Leben sonst, wenn nicht ein Weg und eine ständige Entwicklung?

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Außerdem habe ich in über 30 Jahren voller Unvorhergesehenem gelernt, dass ich in Bezug auf die Erfüllung meiner Wünsche sehr flexibel sein muss. Es kommt nicht so, wie ich es mir erhoffe, sondern anders, und häufig sogar um ein Vielfaches besser. Darum ist Offenheit mitunter das größte Gut, das ich besitze.

Jeder Tag kann meinem Leben eine andere Richtung geben, jede Begegnung kann mein Gefühlsleben durcheinanderwirbeln. Die Zukunft beginnt jetzt und beginnt morgen und übermorgen – in jeder Sekunde. Dass alles irgendwann so ist, wie als Kind erhofft, will ich heute gar nicht mehr. Mein Leben soll spannend bleiben und mich auf eine Art und Weise erfüllen, die ich mir als kleines Mädchen nicht vorstellen konnte. Und vor allem will ich keinem festen Plan folgen, sondern als erwachsene Frau, die immer noch ein bisschen Kind ist, mein weiteres Leben gestalten.

So gesehen ist die Zukunft gar nicht so enttäuschend. Darum träume weiter, kleines Vergangenheits-Ich, träume von der schönsten Zukunft, die es geben kann.