Warum es heuchlerisch ist, sich plötzlich über die Zustände in Schlachthöfen aufzuregen

Seit Schlachthöfe zu Corona-Brennpunkten geworden sind, reden wir über die dortigen Arbeitsbedingungen. Dabei existieren die Probleme schon viel länger. Ein Kommentar

Meat Production In Germany
Vielleicht doch Vegetarier*in werden? Foto: © Ralph Orlowski / Getty Images

Nachdem Anfang Mai bereits ein Betrieb in Nordrhein-Westfalen vorübergehend schließen musste, stoppte nun auch in Dissen, im Landkreis Osnabrück, ein Schlachthof seine Produktion. 92 Mitarbeiter*innen waren dort positiv auf Covid-19 getestet worden. Bereits zuvor hatten noch weitere Schlachthöfe etwa in Bayern und Schleswig-Holstein infizierte Arbeiter*innen gemeldet. Überraschende Entwicklungen? Eher nicht. Doch plötzlich fühlen sich Karnivor*innen verunsichert.

„Kann ich mich über kontaminiertes Fleisch mit dem Coronavirus anstecken?“, lautet so eine besorgte Frage. Oder auch: „Ist unser Fleisch zu billig?“ Es scheint, als würde erst durch die eigene Betroffenheit das Konsumverhalten in Frage gestellt. Dabei herrschen die Zustände in den Betrieben nicht erst seit der Pandemie.

Lange weggeschaut

„Kontrollberichte bestätigen immer wieder aufs Neue, dass in Schlachthöfen nicht nur Tiere, sondern auch Menschen ausgebeutet werden“, schreibt etwa die Tierschutzorganisation peta auf ihrer Website. Die Arbeiter*innen in den Betrieben stehen oft dicht gedrängt nebeneinander, teils sind sie zudem in Sammelunterkünften untergebracht, die aktuellen Hygienemaßnahmen können sie nicht einhalten. Viele von ihnen stammen aus Osteuropa, vor allem Rumänien und Bulgarien, sie sind über Werkverträge bei Subunternehmen angestellt und arbeiten häufig unter Mindestlohn.

Wem bei diesen Fakten auf einmal das Steak nicht mehr schmeckt, der*die hat lange gekonnt weggeschaut.

Doch nicht nur Fleischesser*innen sind besorgt. Auch die Politik wacht plötzlich auf und will nun „in der Branche aufräumen“. Lange genug haben Politiker*innen die Gegebenheiten ignoriert, wie unter anderem die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in einem Brief an die Bundesregierung feststellt: „Die Zustände über unbezahlte Arbeitsstunden, verkeimte, zum Teil baufällige und überteuerten Unterkünfte sind Branchenkennern und auch den Behörden seit Jahren bekannt.“ Eine öffentliche Debatte ist also längst überfällig.

Sollte ich noch Spargel essen?

Wie sich urplötzlich die Perspektive verschieben kann, zeigt auch der Diskurs über die Spargel-Erntehelfer*innen. Sie erhielten durch die Einreisebeschränkungen während der Corona-Krise ebenfalls verstärkt mediale Aufmerksamkeit. Doch wer dieses Jahr auf einmal ein schlechtes Gewissen dabei hatte, der Deutschen liebstes Frühlingsgemüse zu kaufen, aber weiterhin fröhlich unter ausbeuterischen Bedingungen produzierte Tomaten aus Spanien schnabulierte, macht(e) sich selbst etwas vor – wenngleich sich die Arbeitsbedingungen durch die aktuelle Situation ohne Frage noch einmal verschärft haben.

Zum einen fußt das System Erntehelfer*in in Deutschland nicht erst seit diesem Jahr auf billigen Arbeitskräften aus wirtschaftlich schwächeren Ländern, die auf das Geld angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren. Tatsächlich kommen jährlich knapp 300.000 Saisonkräfte, meist aus Osteuropa, nach Deutschland, um sowohl für frischen Spargel und Erdbeeren, aber auch Tomaten, Gurken, Äpfel und Birnen in unseren Supermärkten zu sorgen.

Unter welchen Arbeitsbedingungen die Erntehelfer*innen oft arbeiten, zeigte sich zuletzt beispielsweise auf einem Erdbeer- und Spargelhof in Bornheim, Nordrhein-Westfalen. Dort hatten Arbeiter*innen gegen Lohnausfall, eine beengte und unzureichende Unterbringung sowie unzulängliche Verpflegung protestiert, wie unter anderem die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Genaueres Hinsehen, bitte

Zum anderen zeigt auch dieses Beispiel, dass wir bei allen Produkten, die wir konsumieren, hinterfragen sollten, woher sie kommen, wer dafür wie arbeiten musste und wer davon profitiert. Sei es beim Spargel aus Brandenburg, den Tomaten aus Spanien oder der Wurst aus Bayern. Leider lässt sich das nicht immer genau nachverfolgen und selbst Prädikate wie „regional“ und „saisonal“ sagen per se noch nichts über die Produktionsbedingungen aus. Dementsprechend ist nicht nur der*die Einzelne in seinem*ihren Handeln gefragt, sondern auch die Politik sollte genauer hinschauen, für bessere Rahmenbedingungen und mehr Transparenz sorgen.

Am Mittwoch will das Corona-Kabinett der Bundesregierung über die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen diskutieren. Traurig, dass es offensichtlich erst eine Pandemie brauchte, um ein seit Jahren bestehendes Problem anzugehen.

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