Warum die Zahl der Frauen mit Genitalverstümmelung in Deutschland steigt

Mehr und mehr Frauen in Deutschland haben ein verstümmeltes Geschlechtsorgan.

Mehr und mehr Frauen in Deutschland haben ein verstümmeltes Geschlecht. Dass man es wieder herstellen kann, ist die gute Nachricht.

Zwei Jugendliche an einer Schule in Uganda, die Kinder aufnimmt, die vor Genitalverstümmelung geflohen sind. Foto: © Yasuyoshi Chiba/ AFP/ Getty Images

Wer beim Sex Schmerzen empfindet, möchte auch keinen haben. Weil Menschen aus einigen afrikanischen und asiatischen Ländern die Kontrolle über die Sexualität der jungen Frauen haben wollen, werden viele von ihnen beschnitten. Die Jungfräulichkeit bis zur Ehe und die Treue zum Ehemann ist traditionell gewünscht.

Immer mehr Mädchen und Frauen in Deutschland sind von Genitalverstümmelung betroffen. Das ergab eine aktuelle Studie der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF). Etwa 65.000 Mädchen und Frauen leben laut Nachforschungen mit einem verstümmelten Geschlechtsorgan, das sind zwölf Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Das liege vor allem daran, dass seit einigen Jahren viele Menschen aus Ländern wie dem Irak und Somalia, in denen die Praktik sehr verbreitet ist, nach Deutschland kommen, erklärt Charlotte Weil von TdF. Traditionelle Beschneider*innen entfernen die Klitoris oder auch innere und äußere Schamlippen. Im schlimmsten Fall wird das Geschlechtsorgan nach dem Wegschneiden zugenäht.

Ein Großteil der in Deutschland betroffenen Frauen stammt laut der Studie aus Eritrea (13.000) und Indonesien (9000). Die meisten von ihnen sind bereits volljährig. Gefährdet, auch verstümmelt zu werden, sind vor allem ihre Töchter. Traditionsbewussten Eltern ist es oft wichtig, ihre Kultur fortzusetzen. Genitalverstümmelungen werden meist zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr durchgeführt. 15.500 hier lebende Mädchen stuft TdF als gefährdet ein.

Wer verstümmelt die Mädchen?

Es ist nicht bekannt, dass Genitalverstümmelungen auch in Deutschland vorgenommen werden. Meist fahren die Familien dafür in ihr Herkunftsland. „Am Anfang der Sommerferien wird der Eingriff durchgeführt, dann kann die Wunde verheilen und die Mädchen können wieder in die Schule gehen, wenn sie wiederkommen“, sagt Weil. Die Eltern hoffen, dass dadurch niemand etwas bemerkt.

[Außerdem auf ze.tt: Statt in die Sommerferien zur weiblichen Genitalverstümmelung]

Mittlerweile sind aber auch einige europäische Städte bekannt, in deren Untergrund Eingriffe an Mädchen durchgeführt werden, wie Paris oder Amsterdam. In einigen Ländern wie Ägypten oder Indonesien werden die Eingriffe vermehrt in Krankenhäusern vorgenommen, in den meisten aber nach wie vor von traditionellen Beschneider*innen.

Wo gibt’s Hilfe?

Charlotte Weil hat auch gute Nachrichten: In Deutschland gibt es zwei Kliniken, die die Klitoris verstümmelter Frauen wieder so herstellen, dass sie trotzdem voll empfinden können, das Desert Flower Center in Berlin und das Luisenhospital Aachen. „Die Klitoris ist glücklicherweise ein großes Organ. Der innere Teil kann wieder so angehoben werden, dass Frauen wieder voll empfinden können“.

TdF und andere Beratungsstellen versuchen, die einzelnen Gemeinschaften über die Risiken und auch Strafen der weiblichen Genitalverstümmelung aufzuklären. Dabei helfe, dass in Deutschland bis zu 15 Jahre Haft darauf bestehen, ein Kind verstümmeln zu lassen, sagt Weil. Ein Erfolg sei vor allem, dass in den Gemeinschaften über das Thema gesprochen und somit ein lang verschlossenes Tabu aufgebrochen würde.