Warum es kein Kompliment ist, Vietnames*innen als fleißig zu loben

Fleißig, höflich und gut integriert: Die Vorurteile gegenüber Vietnames*innen wirken wie Komplimente. Dabei sind sie rassistisch motiviert. Ein Kommentar

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Die Voruteile über Vietnames*innen stammen aus kolonialen Zeiten. Foto: Korie Cull / Unsplash | CC0

Nicht selten schließen Menschen von meinem ostasiatischen Aussehen auf meine Kompetenzen. Das Bild von fleißigen Ostasiat*innen, die mathematische Genies seien oder bis spät in die Nacht auf die Klaviertasten schlagen, zieht sich durch die gesamte westliche Gesellschaft.

In meiner Kindheit war der Erwartungsdruck hoch: Ich wurde oft mit einem anderen Maß gemessen und gerügt, wenn ich mich dem stereotypen Bild nicht fügte. Als ich in der siebten Klasse meine erste schlechte Note schrieb, nahm mich ein Lehrer beiseite und sagte: „Ich bin enttäuscht von dir. Gerade du solltest dir Mühe geben.“

Vietnames*innen werden in Deutschland zur Modellminderheit verklärt. Sie arbeiten hart und beklagen sich nicht, sie seien unterwürfig und brav, so die Vorurteile. Bestärkt wird dieses Bild von der romantisierenden Berichterstattung deutscher Medien. „Die Vorzeigemigranten“ titelte Deutschlandfunk Nova 2017, Der Spiegel schrieb 2010 von „vietnamesischen Musterschülern“ in der zweiten Generation.

Dabei ist die Prämisse, dass das Potenzial eines Menschen von seiner Herkunft abhänge, zutiefst rassistisch. Sie bricht People of Color auf homogene Gruppen herunter und reduziert die Menschen auf wenige Eigenschaften. Es macht dabei keinen Unterschied, ob die Stereotype positiv wirken, denn die Logik bleibt dieselbe.

Fast hundert Jahre französische Kolonialherrschaft

Der Mythos der Modellminderheit stammt noch aus der Kolonialzeit. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als Französ*innen die ersten Gebiete Vietnams gewaltsam besetzten, entstanden die ersten Stereotype. Das Bild der hart arbeitenden, aber unzivilisierten Vietnames*innen, die von einer Kolonialisierung angeblich profitieren, diente vor allem einer Sache: die Hegemonie weißer Kolonialherren zu festigen.

Die Französ*innen besetzten fast hundert Jahre lang Vietnam. Heute hallen die kolonialen Klischees im Westen nach: In weiten Teilen der westlichen Gesellschaft wird die vietnamesische Minderheit weiterhin über ihre Leistung definiert.

Gastarbeitende in der DDR

Im Osten Deutschlands leben derzeit die meisten vietnamesischen Einwander*innen. Viele von ihnen kamen in den 70er- und 80er-Jahren über Verträge in die DDR, um in den damaligen Fabriken und Großbetrieben zu arbeiten. Knapp 59.000 Vietnames*innen waren noch bis 1989 zu Niedriglöhnen angestellt. Ihre Existenz wurde auf ihre Leistung reduziert.

„Die Situation für Gastarbeitende in der DDR war menschenunwürdig“, sagt Jörg Engelbert, Professor für Vietnamistik an der Uni Hamburg. „Es war unerwünscht, dass vietnamesische Menschen zu Deutschen Beziehungen pflegten. Schwangere Frauen haben abgetrieben, um nicht gekündigt zu werden.“

Nach der Wende, sagt Engelbert, hielten die ehemaligen Vertragsarbeitenden als Sündenböcke her. „Viele Deutsche fürchteten damals um ihre Sozialgelder“, so Engelbert; der Frust über den Industrieverfall und die Massenarbeitslosigkeit habe sich auf die Vietnames*innen entladen. Fremdenfeindliche Gewalttaten wie der Anschlag 1992 in Rostock-Lichtenhagen bezeugten dies.

Die Situation für Gastarbeitende in der DDR war menschenunwürdig.

Jörg Engelbert

Um ihre Existenzgrundlage zu sichern, rettete sich ein Großteil der Vietnames*innen nach dem Mauerfall in die Selbstständigkeit. Sie eröffneten Kleinbetriebe wie Nagelstudios, Asiamärkte und Imbissbuden und passten ihr Angebot den Bedürfnissen Deutscher an. Der mangelnde Bildungsgrad sowie die angespannte Stimmung in der Gesellschaft ließen nur wenige Optionen zu.

Die Überlebensstrategie lautete, nicht negativ aufzufallen, um bleiben zu dürfen. Ein Leben in Vietnam war für viele Vertragsarbeitende in der DDR sowie Kriegsgeflüchtete in Westdeutschland nicht mehr vorstellbar. Viele fühlten sich deshalb dazu gezwungen, sich den rassistischen Erwartungen anderer anzupassen. So wurde der Mythos der Modellminderheit zum Maßstab für Zehntausende Vietnames*innen in Deutschland.

Depression und Burnout

Entsprechend streng erzog man uns Kinder der späteren Generation. Wir sollten es besser haben und ein Leben in Würde durch gute Noten absichern. Es gab einen regelrechten Wettbewerb zwischen unseren Eltern, wessen Kind den besten Notenschnitt vorwies.

Die Schulleistungen vietdeutscher Kinder gelten bis heute als überdurchschnittlich: Etwa 59 Prozent besuchen dem Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling zufolge bundesweit ein Gymnasium. Bei den Deutschen sind es nur 43 Prozent. Beuchling errechnete die Zahlen 2010 aus Daten des Statistischen Bundesamtes – er schätzt, dass sich an diesen auch fast zehn Jahre später wenig geändert hat.

Nicht alle Vietnames*innen sind freiwillig in die Rolle der hart arbeitenden Modellminderheit geschlüpft. Viele taten es, weil sie keine andere Wahl hatten. Und das geht teilweise mit hohen Kosten einher: An der Berliner Charité gibt es eine Spezialambulanz für vietnamesische Menschen. Dort landen jedes Jahr zahlreiche Patient*innen, die aufgrund von Überarbeitung und Stress seelische Erkrankungen entwickelt haben. Zu den häufigsten psychischen Störungen zählen Depression – und Burnout.

Vietnames*innen als Vorzeigeobjekte

In den USA hat der Mythos der Modellminderheit längst einen Keil zwischen verschiedene People of Color getrieben: Ost- und südasiatisch aussehende Menschen gelten dort als fleißig und vorbildlich, Schwarze Bürger*innen und Latinx als wenig erfolgreich. Dem Pew Research Center zufolge haben asiatische Migrant*innen eine dreifach höhere Chance auf eine Greencard als andere Minderheiten.

Dabei legitimieren sogenannte Vorzeigevietnames*innen Systeme, die diskriminierend sind: Sie verhüllen, dass ebenjene Systeme andere Minderheiten weiterhin unterdrücken. Der Mythos der Modellminderheit führt zu dem Trugschluss, dass es in unserer Gesellschaft keine rassistischen Strukturen gebe und andere Minderheiten lediglich Problemgruppen wären. Das diskriminierende sowie versagende Bildungssystem wird dadurch totgeschwiegen.

Vietnames*innen werden geduldet, solange sie sich alten Hierarchien fügen. Ich dulde es aber nicht länger, wenn andere Personen meinen menschlichen Wert auf meine Hautfarbe oder meine Leistung reduzieren. Denn das Bild der fleißigen Vietnames*innen endet letztlich dort, wo es begonnen hat: beim Rassismus.