Warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt

Im Zuge der Proteste nach dem gewaltsamen Tod George Floyds gibt es wieder einmal Diskussionen um Rassismus gegen weiße Menschen. Dabei gibt es den überhaupt nicht. Ein Kommentar

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Weiße Menschen müssen sich aktiv gegen Rassismus positionieren. © Angela Weiss / AFP / Getty Images

André Neumann, Oberbürgermeister in Altenburg, einer Stadt in Thüringen, twitterte am Samstag, dass man nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd auf Twitter beobachten könne, wie Schwarze Menschen den Rassismus von Weißen gegen Schwarze nutzten, um sich wiederum gegen Weiße rassistisch zu äußern. Er sprach von einer unnötigen moralischen Überhöhung. Schwarze Menschen seien schließlich keine besseren Menschen als Weiße.

Tweets zu Rassismus gegen Weiße wurden anschließend das gesamte Pfingstwochenende auf Twitter geteilt. Auch auf Instagram äußerte sich die Influencerin Sonny Loops zum Thema. Zwar fände sie es wichtig, dass über die Vorfälle in den USA gesprochen würde, aber der Rassismus gegen Weiße, den sie selbst schon erlebt habe, dürfe in dieser Diskussion nicht vergessen werde. Das sei nämlich genau dasselbe. Newsflash: Ist es nicht.

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Aber der Duden sagt doch …

Eine Diskussion um Rassismus gegen weiße Körper ist nicht komplett, wenn nicht mindestens eine Person die erste generische Definition aus dem Duden zitiert. Der definiert Rassismus wie folgt:

Lehre, Theorie, nach der Menschen beziehungsweise Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen.

Bei dieser Definition belassen es viele Menschen. Die weiterführenden Erklärungen, die auf den institutionellen und strukturellen Charakter von Rassismus aufmerksam machen, werden dabei geflissentlich ignoriert. So steht im Duden nämlich auch:

Dem Rassismus entsprechende institutionelle, gesellschaftliche oder ähnliche Strukturen, durch die Menschen beziehungsweise Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen diskriminiert werden.

Wer mir ein Beispiel nennen kann, wie und wo weiße Deutsche in diesem mehrheitlich weißen Land strukturell benachteiligt werden, bekommt einen Keks. Rassismus ist komplizierter als „Ich mag dich aufgrund deiner Hautfarbe nicht.“

Rassismus hat immer mit Macht zu tun

Die Amadeu-Antonio-Stiftung schreibt, dass Rassismus kein „einfaches“ Mobbing sei. Denn Rassismus beruhe auf einem realen Machtunterschied in unserer Gesellschaft. Rassismus ist eine Ideologie, eine Struktur, die geschaffen wurde, um Schwarze, indigene Menschen und People of Color systematisch zu unterdrücken. Der Rassismus sollte Abscheulichkeiten wie den Kolonialismus und die Sklaverei rechtfertigen. So sollten vermeintliche Menschen zweiter Klasse für den eigenen wirtschaftlichen Profit ausgebeutet werden. Weiße Menschen waren davon überzeugt, den „Wilden“ etwas Gutes zu tun. Schließlich halfen sie ihnen dabei, sich zu zivilisieren.

Wer behauptet, es gäbe Rassismus gegenüber weißen Menschen, ignoriert dabei den historischen Kontext, die Kontinuitäten, die bis in die Gegenwart reichen. Und übersieht die Strukturen, die auch heute BIPoC in der Gesellschaft benachteiligen.

Es gibt Vorurteile, ja. Es gibt Diskriminierungen und Mobbing von Schwarzen Menschen und People of Color gegenüber weißen Menschen. Rassismus ist das aber nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass Schwarze Menschen per se besser sind als weiße Menschen, sondern mit der langen Geschichte von Rassismus, dem Schwarze Menschen weltweit ausgesetzt waren und immer noch sind.

Rassismus in seiner heutigen Form ist eine weiße Erfindung. Und dass sich weiße Menschen dafür schämen, ist ein neues Phänomen. Bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts waren weiße Menschen sogar noch ziemlich stolz auf ihren Rassismus und den Zivilisationsauftrag, the white man’s burden, der sie zum Plündern und Morden in alle Teile der Welt führte.

Weiße Menschen müssten sich intensiv mit ihren eigenen internalisierten Rassismen und Privilegien auseinandersetzen. Das kann unangenehm werden.

Der Whataboutism soll ablenken

Der Whataboutism, den André Neumann und Sonny Loops nutzen, ist eine Ablenkungstaktik. Die Schwarze Schriftstellerin Toni Morrison schrieb dazu einst:

„Die Funktion, die sehr ernste Funktion des Rassismus, ist Ablenkung. Er hält dich von deiner Arbeit ab. Er sorgt dafür, dass du immer und wieder erklärst, warum du bist, wer du bist. Jemand sagt, du hättest keine Sprache. Also verbringst du zwanzig Jahre damit, zu beweisen, dass du sie hast. Jemand sagt, dass dein Kopf nicht die richtige Form habe, also lässt du Wissenschaftler*innen beweisen, dass das nicht der Fall ist. Jemand sagt, du hast keine Kunst, also baggerst du welche aus. Jemand sagt, du hast keine Königreiche, also baggerst du auch diese aus. Nichts davon ist notwendig. Es wird immer noch eine weitere Sache geben.“

Anstatt sich mit dem sehr realen Anti-Schwarzen-Rassismus zu beschäftigen, wird durch Diskussionen um Rassismus gegen weiße Personen, um All Lives Matter, der Fokus auf ein praktisch nicht existentes Problem gelenkt.

Nochmal: Rassismus hat immer mit Macht zu tun. Wer sitzt am Hebel, wer entscheidet und über welche Themen wird gesprochen? Mit solchen Aussagen reißen weiße Menschen die Diskurs-Hoheit wieder an sich. Manchmal erscheint es fast, als könnten sie es nicht ertragen, wenn sich das Narrativ mal nicht um sie dreht, wenn sie mal nicht mitreden können.

Anstatt anderen zuzuhören, zu lernen und sich weiterzubilden, heißt es dann: „Ja, ich habe Freund*innen, die in der Karibik mal als weiß beschimpft wurden“ oder auch: „Die haben viel mehr Geld von mir verlangt beim Urlaub in Kenia, nur weil ich weiß bin.“ Wie tragisch. Diese Argumentation ist nichts als zynisch, wenn man bedenkt, dass Schwarze Menschen weltweit derzeit protestieren, weil ihnen regelmäßig physische und psychische Gewalt angetan wird, weil sie getötet werden – und das von den Institutionen, die angeblich zu ihrem Schutz existieren.

Weiße Menschen, denen es ernst ist mit ihren Solidaritätsbekundungen, sollten sich daran gewöhnen, sich in Diskussionen um Rassismus weniger in den Mittelpunkt zu stellen.

Immer wieder Südafrika

Ein Argument, das in der Diskussion um Rassismus gegen weiße Menschen nicht fehlen darf, ist der Hinweis auf die Morde an weißen Farmer*innen in Südafrika. Oft heißt es, dort würden weiße Menschen systematisch von Schwarzen Südafrikaner*innen umgebracht. Ganz harte Kaliber sprechen sogar von einem „weißen Genozid“.

Ich habe in Südafrika gelebt. Wer ernsthaft glaubt, weiße Menschen seien dort einer systematischen Diskriminierung ausgesetzt, offenbart nur, dass er*sie sich noch nie mit der Geschichte des Landes beschäftigt hat. Südafrika hat ein Kriminalitätsproblem. Das ist nicht zu bestreiten. Das trifft aber nicht nur eine Bevölkerungsgruppe, sondern alle. Farmer*innen werden nicht aufgrund ihrer Hautfarbe getötet, sondern aufgrund ihres Besitzes.

Wer sich jetzt fragt, warum das überdurchschnittlich viele weiße Farmer*innen betrifft: 70 Prozent der privaten Ackerflächen des Landes sind auch knapp 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer in weißem Besitz. Weiße Südafrikaner*innen machen aber nur knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Sie sind im Durchschnitt wohlhabender als ihre Schwarzen Landsleute und profitieren bis heute von dem Wohlstand, den ihre Vorfahr*innen durch die Ausbeutung der Schwarzen Bevölkerung erlangt haben. Systematisches Unterdrücktwerden sieht anders aus.

Einfach mal zuhören

Die Bekämpfung von strukturellem Rassismus verlangt ein Umdenken von uns allen. US-Bürgerrechtlerin Angela Davis erklärte einst, dass es in einer rassistischen Gesellschaft nicht genug sei, nicht rassistisch zu sein. Wir müssten alle antirassistisch sein. Uns also aktiv gegen Rassismus einsetzen.

Dies zu akzeptieren, würde aber bedeuten, dass vornehmlich weiße Menschen erkennen müssten, dass es nicht ausreicht zu sagen: „Nazis finde ich scheiße.“ Sie müssten sich intensiv mit ihren eigenen internalisierten Rassismen und Privilegien auseinandersetzen. Das kann unangenehm werden. Einfacher ist es, mit dem Finger auf die vermeintlichen Einzeltäter*innen – also die rassistische Ausnahme in der scheinbar nicht rassistischen Normalität – zu zeigen.

Weiße Menschen, denen es ernst ist mit ihren Solidaritätsbekundungen, sollten sich daran gewöhnen, sich in Diskussionen um Rassismus weniger in den Mittelpunkt zu stellen. In diesen Zeiten sollten sie sich darauf konzentrieren, Schwarzen Stimmen zuzuhören. Über sie wurde schon lange genug gesprochen.