Warum es nicht egal ist, was wir Kindern vorlesen

Jungs erleben Abenteuer, Mädchen helfen Mama. Kinderbücher bilden noch immer zu oft Stereotype ab. Das muss sich ändern, findet unsere Kolumnistin.

Vorlesen ist nicht nur schön, sondern auch Bildung und Erziehung. Foto: Picsea / Unsplash | CC0

„Ein schönes Vorlesebuch zum sechsten Geburtstag“, war mein Wunsch an die Buchhändlerin. „Wir haben jetzt nur noch die schlechten“, seufzte sie, es war kurz vor Weihnachten und die Buchhandlung beinahe leer gekauft. Mit „schlecht“ meinte sie Bücher mit Geschlechterklischees. „Ich bin ja froh, dass sie ein Kinderbuch suchen und nicht eins für Mädchen oder für Jungen.“ Wieder ein Seufzer. Also suchten wir zu zweit lange nach einem Buch, in dem der Protagonistin nicht die Rolle der hübschen Prinzessin zugeschrieben wird oder dem Protagonisten die Heldenrolle. „Es gibt ja fast keine Kinderbücher mit Protagonistinnen“, sagte die Buchhändlerin.

Um herauszufinden, wie klischeebeladen deutsche Kinderbücher wirklich sind, hat die Süddeutsche Zeitung den Katalog der größten Fachbibliothek für Kinderliteratur untersucht. In der Bibliothek für Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt am Main sind etwa 50.000 deutschsprachige Bilder-, Kinder- und Jugendbücher erfasst. Nach Analyse der SZ erleben Kinderbuch-Helden im Schnitt weit mehr als doppelt so viele Abenteuer wie Kinderbuch-Heldinnen. „Mädchen, das muss man daraus schließen, haben bei einem richtigen Abenteuer nichts verloren“, so heißt es im Artikel zur Recherche.

Warum uns das nicht egal sein sollte, ist ganz einfach: „Im Alter von zwei, drei Jahren bilden sich Geschlechtsvorstellung von Kindern aus“, sagt Elementarpädagoge Lars Burghardt. Kinder beginnen zu begreifen, was ein Junge und was ein Mädchen ist. Und fragen sich: Was bin ich eigentlich selbst? Was macht mich aus? Die Antworten finden sie im Abgleich mit ihrer Lebensrealität, die aus dem persönlichen Umfeld besteht, aber auch aus den Medien, die sie konsumieren. Im besten Fall auch aus Kinderbüchern – selbst wenn in 30 Prozent der Familien mit Kindern im Vorlesealter von zwei bis acht Jahren selten oder gar nicht vorgelesen wird.

Kinderbücher als Bestandteil von Erziehung und Bildung

Kinderbücher begleiten Kinder, auch bei der Identitätsfindung. Wenn diese Identität eingeschränkt abgebildet ist, sieht auch das Kind nicht so viele Möglichkeiten für sich selbst. Wenn also Mädchen in Kinderbüchern nur mit langen Haaren und rosa Kleidern zu sehen sind, kann ein Mädchen dann auch mit kurzen Haaren und Hosen ein Mädchen sein? Selbstverständlich – aber wenn es sich nicht wiederfindet, kann es durchaus Zweifel bekommen. Aus Kinderbüchern konstruieren Kinder ihr Bild von sich selbst und von anderen Menschen. Wenn es nur einheitlich ist, können sich Kinder auch nur einheitlich entwickeln. Kinderbücher sind Bestandteil von Erziehung und Bildung. Gerade deshalb ist es wichtig, dass sie gut sind.

Stereotype finden sich in Kinderbüchern nicht nur in Bezug auf Geschlechter. Kinder möchten sich selbst wiederfinden in den Büchern, möchten sich identifizieren können mit den Held*innen in den Büchern, auch was andere Merkmale ihres Lebens angeht. Familienkonstellationen sind ein anderes Beispiel. Die Erzählung der heteronormativen Kleinfamilie hat ausgedient, die am schnellsten wachsende Familienform ist aktuell die der Ein-Eltern-Familie. Daher gibt es noch nicht genug, aber immer mehr Kinderbücher, die das abbilden. Und manchmal machen es Betroffene einfach selbst. Wie die Autorin Mirna Funk, die gerade das per Crowdfunding finanzierte Buch Wo ist Papa? veröffentlicht hat.

Als alleinerziehende Mutter fand sie sich in den meisten Büchern nicht wieder, die sie ihrer Tochter Etta vorlas – und entwickelte selbst eine Kinderbuchgeschichte, die unterschiedlichste Familienkonstellationen abbildet. „Es ist aber kein Buch für Alleinerziehende“, sagt sie. „Es ist ein Buch für jede Form von Familie.“ Und so erzählt sie darin von einer Wölfin, die sich für eine Samenspende entscheidet und von schwulen Gebirgsgazellen, die eine Schildkröte adoptiert haben.

Es gibt immer mehr Bestrebungen, auch von renommierten Verlagen, Vielfalt in Kinderbüchern abzubilden. Im besten Fall drehen sich ihre Geschichte nicht explizit um ein Merkmal. Behinderung, kulturelle Herkunft oder Familienkonstellationen kommen ganz selbstverständlich vor. Auch, um den omnipräsenten Connis, die mit ihrer Mutter backen und aufräumen, und den ebenso omnipräsenten Abenteurern etwas entgegen zu setzen.

Bücher für Kinder, statt Bücher für Mädchen oder Jungen

Warum es die Bücher mit Connis und Abenteurern nach wie vor so oft gibt, ist übrigens schnell erklärt: Marketing. Vor allem Kinderbücher ab dem Grundschulalter richten sich an die zwei binären Geschlechter. Auf dem Cover steht dann sogar manchmal „Für Mädchen“ oder „Für Jungen“ – die einen natürlich in Rosa, die anderen in Blau. Wie mir die Buchhändlerin bestätigte, geht dieses Konzept leider nach wie vor auf. Immer wieder kämen Menschen zu ihr und fragten nach „Büchern für Mädchen“ oder „Bücher für Jungen“. Ihre Antwortet laute dann: „Wir haben nur Bücher für Kinder.“

Es liegt also auch an uns, wie die Kinderbücher der Zukunft aussehen. Die Nachfrage bestimmt den Markt. Unterstützung bei der Suche gibt es im Internet. So stellt das Kinderbuchkritikblog Buuu.ch ausschließlich Kinderbücher vor, die Vielfalt abbilden. „Ein Buch kann vielleicht nicht die ganze Welt verändern, aber die Welt der Menschen, die es lesen“, sagt Carla Heher. Die studierte Grundschullehrerin betreibt gemeinsam mit zwei Mitstreiter*innen seit fünf Jahren das Blog, das auch den #diverseKinderbücher initiiert hat.

Ein Buch kann vielleicht nicht die ganze Welt verändern, aber die Welt der Menschen, die es lesen.

Kriterien für die Auswahl von diversen Kinderbüchern hat die Fachstelle Kinderwelten entwickelt. Die Fachstelle empfiehlt Bücher, in denen sich Kinder mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Familienkulturen identifizieren können. Bücher sollen Beispiele enthalten, die Mut machen, sich gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu wehren. Die vorurteilsbewussten Kinderbücher können in Berlin ausgeliehen werden.

Es wird Zeit, dass nicht nur die Politik menschliche Vielfalt anerkennt, sondern auch der Kinderbuchmarkt – auch über das Merkmal Geschlecht hinaus. Damit wir unseren Kindern Bücher vorlesen können, die von menschlicher Vielfalt erzählen, ganz selbstverständlich. Von Protagonist*innen mit Behinderungen, die in unterschiedlichen Familienkonstellationen leben. Bücher, die von Armut und Reichtum erzählen, von Prinzessinnen in Matschhosen und Verbrecherjägern in rosa Kleidern. Damit sich alle Kinder in Büchern wiederfinden können.

Entschieden habe ich mich kurz vor Weihnachten für ein Buch mit einer Maus, die ins All fliegt. Tiere funktionieren ja nicht nur im Internet, sondern auch in Kinderbüchern. Und sind einer von vielen Wegen, Protagonist*innen von Stereotypen zu lösen. Zum Glück nicht der einzige.


Alle Texte der Kolumne Klein und groß.