Warum es nichts Gutes heißen muss, wenn dein Date dich vergöttert

Ob eine Person wirklich an uns interessiert ist, machen wir oft am Grad ihrer Begeisterung für uns fest. Dabei bedeutet sie oft rein gar nichts. Ein Essay

„Du bist meine Traumfrau" will man nicht schon beim zweiten Date hören. Oder doch? © Pexels/CC0

Er*sie ruft nicht an? Schreibt nicht? Und wenn doch, dann ohne Kuss-Smileys? Klarer Fall von „Er*sie steht einfach nicht auf dich“. Man mag von Sex and the City halten, was man will, zumindest das hat uns die Serie in Sachen mangelndes Engagement gelehrt. Pauschalisierungen sind von vorgestern, klar. Und dennoch wird niemand bestreiten, dass es eindeutige Hinweise auf Interesse an unserer Person anders aussehen: Er*sie ruft an. Schreibt nettes Zeug. Womöglich sogar mit Kuss-Smileys.

Zugegeben, echten Überschwang sind die meisten von uns in dieser Hinsicht nicht gewöhnt. Wenn wir eine Person daten, erwarten wir ihn auch nicht. Legt sich jemand so richtig ins Zeug für uns, fragen wir uns als erstes, ob irgendetwas mit ihm*ihr nicht stimmt. Fährt jemand beispielsweise für ein Date durch die halbe Republik, nur um uns drei Stunden lang sehen zu können, schreien wir normalerweise nicht laut „Hurra!“. Stattdessen grübeln wir, welcher Mensch denn bitte so verzweifelt sein kann. Schließlich haben wir Tinder und Globalisierung sei Dank die ganze Welt zu unseren Füßen liegen. Dennoch haben solche Aktionen auf uns manchmal die gleiche Wirkung wie der Gesang der Loreley auf hilflose Seefahrer: Wir können uns ihrer nicht verwehren. Denn jede*r von uns sehnt sich insgeheim danach, etwas Besonderes zu sein. Und das tun wir erst recht, wenn wir den*die andere*n ebenfalls für halbwegs begehrenswert halten.

Von Anfang an voll dabei

So geschah es kürzlich einer meiner Freundinnen, nennen wir sie Laura. Der Typ, den sie datete, war in mehrfacher Hinsicht toll: witzig, beruflich mega erfolgreich und verantwortlich für Lauras krasseste Orgasmen ever. Außerdem sah er aus wie Klaus Kinski in jungen Jahren. Mehr konnte man echt nicht wollen. Er aber setzte noch was oben drauf – Tankerladungen voll Süßholz nämlich. „Ich sehe so vieles anders, seit ich dich kenne. Du hast mein Leben verändert“, sagte er bei ihrem zweiten Treffen, und Lauras Augen weiteren sich vor lauter Glück. Denn wer verdammt will nicht das Leben eines solchen Top-Typen aus den Angeln heben? Laura sei die erste Frau, mit der er sich ernsthaft eine Zukunft vorstellen könne, schmiss er beim nächsten Date hinterher und bei dem danach schlug er ihr einen gemeinsamen Urlaub vor. „Endlich mal jemand, der sich wirklich einlässt“, sagte Laura. „Ich habe so was von die Schnauze voll von all den Typen, die zu cool zum Verlieben sind.“

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Während der Klaus-Kinski-Verschnitt Lauras peinlichste Sonnenuntergangsfantasien wahr werden ließ, verknallte sich auch eine andere Freundin, nennen wir sie Cathleen. Ihr Kollege fand, sie sei die Gescheiteste im ganzen Land und die Schönste gleich dazu. Und wie toll erst der Sex mit ihr wäre! Das schrieb er ihr jedenfalls in ungefähr hundert Nachrichten am Tag. Cathleen war schon ganz benebelt davon, so ein geniales Exemplar Mensch zu sein – zumindest für diesen einen Mann. Aber das reichte ja für den Anfang.

„Passt auf euch auf“, warnte eine befreundete Psychotherapeutin. „Wenn euch jemand derart schnell auf einen Sockel hebt, dann kann er euch da genau so schnell wieder runter holen.“ Plausibel eigentlich. Aber sowohl Laura als auch Cathleen ordneten ihren Kommentar in die Missgünstigen-Ecke und verdrängten ihn so schnell wie möglich. So ein Glück wie sie konnte ja nicht jede*r haben.

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt

Leider stellte sich dennoch bald heraus, dass auch ihr Glück eine fragile Angelegenheit war: Laura entdeckte nach einigen Wochen, dass sie nicht die einzige war, die von ihrem Angebeteten hofiert wurde. Und Cathleen fand sich plötzlich in der absoluten Slut-Shaming-Hölle wieder, nachdem ihrem Kollegen aufgegangen war, dass auch andere sie zuweilen als schön und gescheit einstuften. Hätten die beiden auf die befreundete Therapeutin hören und die Beine in die Hand nehmen sollen? Doppeltes, nein, dreifaches Nein.

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, sagt man. Und obwohl ich beides bezweifeln möchte, so ergibt es sich doch häufig, dass Menschen im Zuge von Liebesanbahnungen dazu neigen, mit allen Waffen zu kämpfen. Dass sie sich aus Fenstern lehnen, um hinterher festzustellen, dass es da draußen doch zu zugig ist. Dass sie Dinge sagen, die sie gewiss so fühlen, aber vielleicht auch nur, weil sie es so wollen. Dass sie auf die Kacke hauen, weil das eben den stärksten Effekt hat. Wir alle neigen zum Idealisieren, wenn wir verliebt sind. Das gehört zur Natur der Sache.

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Meine subjektive Beobachtung ist, dass Beziehungen, in denen sich die Zuneigung langsam aufbaut, tendenziell zukunftsfähiger sind. Weil man sich hier wirklich auf einander einlässt, statt auf die projizierte Vergötterung seiner*ihrer selbst. Aber in der Liebe kann man nie wissen. Ich selbst bin da das beste Beispiel. Immerhin bin ich schon seit sieben Jahren mit dem Kerl zusammen, der für ein zweites Date mit mir halb Deutschland durchquerte. Darum kommt hier die gute Nachricht: Es muss nichts Gutes heißen, wenn dein Date sich für dich ins Zeug legt. Aber es kann.