Warum es nicht peinlich ist, das Dschungelcamp zu gucken

Heute startet die zwölfte Staffel von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! und ich werde gespannt vorm Fernseher sitzen. Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Ein Kommentar

Auch dieses Jahr moderieren wieder Daniel Hartwich und Sonja Zietlow. © MG RTL D / Stefan Menne

Wer guckt eigentlich das Dschungelcamp? Ich. Die kommenden zwei Wochen sind rot im Kalender markiert: Abends, so ab 22:15 Uhr, bin ich vorübergehend nicht mehr ansprechbar und schaue diversen Möchtegern-Promis beim Lästern und Leiden im australischen Dschungel zu. Wenn man das aber vor anderen Menschen ausspricht und sich als begeisterte*r Zuschauer*in des RTL-Dschungelcamps zu erkennen gibt, erntet man auch 13 Jahre nach der deutschen Erstausstrahlung des Formats noch immer strafende Blicke und darf sich anhören, dass diese Show ja wohl total peinlich, das Allerletzte, ekelhaft und die reinste Trash-Unterhaltung sei: „So was kann man sich doch echt nicht anschauen!“ Ich sage: Doch, kann man.

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Ich fühle mich extrem gut unterhalten, wenn jedes Jahr aufs Neue Prominente aus der C- bis Z-Liga in das Camp ziehen, von denen nicht einmal alle einen eigenen Wikipedia-Artikel besitzen. Viele der Camper*innen kennt man vor der Show gar nicht (mehr): Entweder weil sie vor mehreren Jahrzehnten mal einen Hit in den Charts hatten, eine längst abgesetzte Show moderierten oder in irgendeiner der unzähligen Castingsendungen durchs Bild gelaufen sind. Für all diese Prominenten oder jene, die es gerne wären, bietet der Dschungel eine perfekte Gelegenheit, um mal wieder das eigene Gesicht in die Kamera zu halten, um möglichst viel der kostbaren Sendezeit zu generieren, um mal wieder für ein paar Skandale zu sorgen oder um ein bisschen Kohle auf das leere Konto zu scheffeln – denn Malle ist nur einmal im Jahr und im Winter geht nicht sonderlich viel im Megapark oder Bierkönig. Da ist das Dschungelcamp quasi die langersehnte Petrischale für bankrotte, aufmerksamkeitsliebende Persönlichkeiten der deutschen Unterhaltungsindustrie. Manch einem*r ehemaligen Teilnehmer*in eröffnet das Camp sogar erst die Möglichkeit, in den mallorquinischen Clubs und Bars angetrunkene Tourist*innen mit deutschem Schlager zu unterhalten.

Krokodilpenis und Känguruhoden

Machen wir uns nichts vor: Natürlich ist Ich bin ein Star – holt mich hier raus! letztlich eine riesige Selbstvermarktungsplattform. Und auch in diesem Jahr werden die zwölf mehr oder weniger prominenten Teilnehmer*innen alles tun, um ihre 15 Minutes of Fame zu bekommen. Sie werden wie wild um die Aufmerksamkeit und die Sympathie der Zuschauer*innen buhlen. Sie werden Krokodilpenis und Känguruhoden runterwürgen, Kotzfrucht und Wurm-Shakes trinken, in Kakerlaken baden oder sich mit Schleim begießen lassen. Das vordergründige Ziel, in den Dschungelprüfungen Sterne für das Team zu sammeln, ist dabei nur ein Alibi. Am Ende bleibt im Gedächtnis, wer das meiste Drama macht, die unerwartetsten Geständnisse vom Stapel lässt, bei der Nachtwache am Lagerfeuer am giftigsten gegen die Mit-Camper*innen schießt oder am offensivsten mit anderen Teilnehmer*innen anbandelt. Und gerade diese Selbstdarstellung, dieses Profilierungsbedürfnis macht die Show so unterhaltsam.

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Oft hört und liest man, dass die Kandidat*innen sich ja schon vor dem Einzug ins Camp eine Strategie ausgedacht hätten, dass sie ganz kalkuliert ihre Feldbetten beziehen würden und genau wüssten, wie sie sich zu verhalten hätten. Ich glaube, das stimmt nur bedingt. Natürlich betritt wahrscheinlich kein*e Kandidat*in das Camp, ohne sich vorher überlegt zu haben, wie man sich darstellen möchte. Das eigentlich Interessante ist doch die Frage: Gelingt das auch? Gerade die Motivation und die damit verbundene Fallhöhe der Dschungelbewohner*innen ist spannend.

Es ist wahrscheinlich ein wenig hochgegriffen, das Camp als eine kleine Sozialstudie zu bezeichnen, doch es ist ziemlich interessant zu beobachten, wenn diese unterschiedlichen Charaktere aufeinander prallen. Wenn die jungen Teilnehmer*innen, die erst wenig Erfahrung mit dem Leben in der Öffentlichkeit haben, auf alte Hasen aus dem Business treffen. Wenn Reality-Sternchen erklären müssen, was sie eigentlich so machen und womit sie ihr Geld verdienen. Oder wenn die einzige Berechtigung der Teilnahme mancher Camper*in darin begründet liegt, dass sie ein berühmtes Familienmitglied haben. Und aus diesem Potpourri aus Kandidat*innen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, suchen wir, die Zuschauer*innen, uns dann die Favorit*innen aus. Am spannendsten wird es, wenn eine Entwicklung zu erkennen ist. Wenn die High-Society-Lady am Ende keine Skrupel hat, sich die Hände schmutzig zu machen. Oder wenn der Macho-Typ am Lagerfeuer in Tränen ausbricht. Auch wenn das zum Teil vielleicht nur Show ist, erfüllt sie ihren Zweck.

Zuschauer*innen wollen zuschauen

Und kommt mir jetzt bitte nicht damit, dass dieses Format doch menschenverachtend und unter aller Würde sei. Es ist nämlich nicht so, dass die Kandidat*innen nicht wüssten, worauf sie sich einlassen. Sie wissen es ganz genau. Jedes Jahr nimmt das Moderations-Duo bestehend aus Sonja Zietlow und Daniel Hartwich kein Blatt vor den Mund und kommentiert das Geschehen mal plump, mal intelligent von oben herab. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendein Campmitglied ernsthaft glaubt, dass die RTL-Redakteur*innen davor zurückschrecken, jedwede Peinlichkeiten in die Sendung zu schneiden. Darum geht es doch. Die Zuschauer*innen wollen zuschauen, wollen Voyeur*innen sein und freuen sich, wenn die Kandidat*innen leiden. Warum sonst werden die Promis, die sich am wehleidigsten geben, immer wieder in die Prüfungen gewählt? Bestimmt nicht weil die geneigte Zuschauer*in dem*der Kandidat*in eine weitere Chance geben möchte, um sich doch noch zu beweisen.

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Ich liebe das Drama, die große Show. Wenn man Menschen, die unbedingt berühmt sein wollen oder die unbedingt Geld brauchen, für knapp zwei Wochen in ein Camp sperrt, dann kommt da Stoff raus, wie ihn sich die besten Telenovela-Autor*innen nicht ausdenken können. Es wird gelitten, es wird sich verbrüdert, es werden Lager gebildet, es fließen Tränen, es wird geknutscht. An dieser Stelle möchte ich auch nochmal betonen: Das Dschungelcamp ist alles, nur kein Bildungsfernsehen.Wer sich weiterbilden möchte, vielleicht etwas über die Landschaft Australiens lernen möchte, ist hier falsch. Das Dschungelcamp ist eine Unterhaltungssendung – und zwar eine sehr erfolgreiche. Laut der AGF/GfK-Fernsehforschung und Media Control waren im vergangenen Jahr 7,72 Millionen Zuschauer*innen dabei, als Marc Terenzi zum Dschungelkönig gekrönt wurde. Der Marktanteil in der jungen Zielgruppe lag bei fast 50 Prozent. Und zum Schluss will es wieder niemand gesehen haben? Ich denke, die Quoten sprechen für sich.

Natürlich kann ich jeden Menschen verstehen, für den diese Form der Unterhaltung nichts ist. Aber verurteilt mich nicht für meine Vorliebe für trashige TV-Formate. Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!: Entweder man liebt es oder man hasst es. Ich werde die nächsten zwei Wochen jedenfalls mit tiefen Augenringen zur Arbeit kommen.