Warum es problematisch sein kann, wenn eine weiße Person ein Emoji mit dunkler Haut benutzt

Unsere Autorin erklärt, warum wir rassistische Strukturen auch online hinterfragen müssen. Ein Kommentar

Warum es problematisch ist, wenn eine weiße Person ein Emoji mit dunkler Haut benutzt

Denk nochmal drüber nach. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Eine Beyoncé mit hochgezogenen Augenbrauen, Rapper Tupac in richtiger Gangster-Manier: Das sind Bilder, die in der Verwendung von weißen* Menschen dann ein Problem sind, wenn sie Schwarze** Stereotype verkörpern und visuell reproduzieren. Memes, GIFS und Emojis sind für viele Menschen ein fester Teil ihrer Kommunikation. Soziale Strukturen und Hierarchien spielen dabei eine Rolle. Vor allem dann, wenn wir die Darstellung von Schwarzen Menschen und PoC betrachten. Die Rede ist von Digital Blackface, der visuellen Aneignung in virtuellen Räumen.

Blackfacing – was war das nochmal?

Blackfacing, also „Gesichtsschwärze“, ist in Deutschland zum Beispiel an Karneval oder Halloween zu beobachten. Hierbei handelt es sich um eine traditionsreiche, rassistische Verkleidungspraxis. In den USA des späten 19. Jahrhunderts waren sogenannte Minstrel Shows populär. Hierbei wurde sich über weiße Schauspieler*innen amüsiert, die sich als dümmliche, lüsterne, naive und arglose Schwarze verkleideten. Mimik und Gebaren waren hierbei meistens plump und einfältig, das Gesicht geschwärzt mit markant hervorgehobenem rotem Mund. Schwarze Menschen wurden dadurch stereotypisiert und verhöhnt. Alles, um ein paar gut situierte Zuschauer*innen kräftig zum Lachen zu bringen.

Die Praxis ist rassistisch, führt Menschen vor und wird auch heute noch im Rahmen von Verkleidungspartys oder zu Fasching rücksichtslos praktiziert. Eine Kostümierung als Michael Jordan oder Missy Elliott wird zu diesen Anlässen gerne mit Blackface versehen. Noch brutaler sind Verkleidungen als vemeintliche*r Afrikanische*r Ureinwohner*in oder Dschungelkönig*in mit geschwärztem Gesicht.

Sich digital verkleiden, geht das überhaupt? Jain. Tatsächlich steht beim Digital Blackface, neben dem gesendeten Bild, auch die Botschaft im Vordergrund. Laut BuzzFeed News war das beste Meme 2016 das des Schwarzen Rappers Conceited, der mit einem roten Becher in der Hand sein Gegenüber mustert, verurteilend die Lippen schürzt und die Stirn runzelt. Auch bei weiteren Rankings von BuzzFeed, Harper’s Bazaar oder Thrillist sind viele Gifs und Memes mit Schwarzen Menschen besetzt. Nutzer*innen können so ihre Emotionen online mit einer um sich schlagenden Schwarzen Frau ausdrücken oder Cardi B sich die Haare in den Nacken werfen lassen. Was erstmal harmlos klingt, ist tatsächlich sehr problematisch.

Immer dieselben Stereotype in Serien und Filmen

Dramatische Schwarze Menschen und PoC, hitzig und schnippisch mit ordentlicher attitude sind ein medial häufig gesehenes Szenario – zum Beispiel in vielen Filmen und Serien wie Honey (2003), Grey’s Anatomy (2005-heute) oder Das verschwundene Kind, dem Tatort mit Florence Kasumba, der im Februar ausgestrahlt wurde. Nicht nur attitude ist ein beliebtes Motiv, sondern auch Urbanität oder Realness. So ein richtiger Gangster ist für viele eben mit dunkler Haut gekennzeichnet. Eine fortwährende Stereotypisierung, die diese Bilder zur Gewohnheit werden lässt. Filmklassiker in diese Richtung sind Boys in the Hood, American Gangster oder Freedom Writers.

Schwarze Menschen abseits von gängigen Klischees sind in der internationalen Medienwelt noch immer keine Selbstverständlichkeit. In einer Analyse rassistischer Stereotype in Hollywood untersuchte Kira Schacht für Deutsche Welle die Repräsentation Schwarzer, asiatisch gelesener oder Latinx*** Charaktere in Filmen der vergangenen 90 Jahre. Während explizites Blackfacing seit den 60ern in Filmen immer seltener auftritt, hatte vor allem die sogenannte Sassy Black Woman um das Jahr 2001 ihre Hochphase. Gerne gesehen bis heute: Die beste Freundin der*des weißen Protagonist*in in einer Schwarzen Besetzung, noch beliebter ist nur der böse Schwarze Mann oder der frühe Tod des einzigen Schwarzen Charakters im Film.

Eine Fetischisierung von Schwarzen Körpern

Was passiert, wenn weiße Menschen sich mit Gifs, Memes oder Emojis an stereotypen Darstellungen von BPoC bedienen? Es ist eine Fetischisierung des Schwarzen Körpers. Eine gewisse Tonalität und ein gewisser Habitus werden dabei verdeutlicht. Geschriebenes soll lustiger, prägnanter gestaltet werden oder eine gewisse Art zu sprechen wird in den Vordergrund gerückt. Weiße Menschen versuchen, sich für den Moment mit Schwarz gelesenen Attributen zu schmücken. Sie sind dann besonders frech oder zickig, lässig oder haben eine vermeintliche attitude.

Das Problem liegt bei den abgebildeten, als Schwarz empfundenen Verhaltensweisen. Diese werden zwar erstmal nur in der jeweiligen Situation genutzt. Manifestiert wird jedoch gleichzeitig, wie BPoC gelesen werden – auch abseits von WhatsApp und Instagram. Wer Schwarze Memes und Gifs benutzt, ist noch lange kein* Rassist*in. Allerdings bewegt er*sie sich, bewusst oder unbewusst, innerhalb eines rassistischen Gefüges, das BPoC auf bestimmte Weise deutet und stereotypisiert.

Wenn du weiß bist, ist der Emoji mit der dunklen Haut, der ins Mikro singt, nicht für dich gedacht.

Diese Stereotype können sich für betroffene Gruppen negativ auswirken. So fanden die Forscher Carl O.Word, Mark P. Zanna und Joel Cooper schon 1974 heraus, dass die Aktivierung eines Stereotyps in sozialen Interaktionen nachweisliche Folgen für Betroffene haben kann. Die passen sich nämlich an stereotype Erwartung an. Beispiel: Im Rahmen der Untersuchung der sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung zeigten sie, dass weiße Personaler*innen sich aufgrund negativer Erwartungen gegenüber Schwarzen Bewerber*innen weniger freundlich und unterstützend verhielten. Ihr Verhalten im Bewerbungsgespräch fiel im Vergleich zu jenen mit weißen Bewerber*innen deutlich negativer aus. Ihr Verhalten gegenüber den Schwarzen Bewerber*innen war quasi vorprogrammiert und resultierte aus einem manifestierten Bild von eben Schwarzen Menschen.

Schwarz sein ist kein Kostüm

Auch die mediale Darstellung bestimmter Personen ist verantwortlich dafür, wie wir marginalisierte Gruppen lesen und einschätzen. Stereotype, die sich in realen Lebenswelten bilden, werden medial reproduziert und für verschiedene Kommunikationsprozesse genutzt.

BPoC sind aber keine Symbole für exzessive emotionale Regungen. Schon gar nicht, wenn Stereotype wie die Angry Black Woman oder ein Gangster noch immer tagesaktuelle Problematiken in unserer Medienlandschaft sind. Letztendlich tragen sie zu der Verbreitung von Pauschalisierungen bei und können sich negativ auf reale Lebenswelten von BPoC auswirken, indem sie regelmäßig mit den gleichen fetischisierenden Zuschreibungen konfrontiert werden. Frecher, sexier, mehr Straße – auch was die Nutzung von Emojis angeht.

Wenn du weiß bist, ist der Emoji mit der dunklen Haut, der ins Mikro singt, nicht für dich gedacht. Auch nicht für den Moment. Auch nicht, wenn es gar nicht böse gemeint ist. Dunkle Haut ist, online wie offline, keine Verkleidung die man an- und wieder abstreift. Dunkle Haut ist eine Lebensrealität, ein gesellschaftliches Stigma und wird niemals ein Kostüm sein.

Online schreiben und mit Bewegtbild oder Emojis in Netzwerken kommunizieren: Diese Prozesse finden häufig ohne böse Intentionen oder Missgunst statt. Am Ende will sich kaum jemand etwas verbieten lassen und auch noch in seiner Onlinekommunikation politisch sein. Dürfen weiße Menschen jetzt keine Schwarzen Memes und Gifs mehr verwenden? Natürlich dürfen sie. Im besten Fall aber erst dann, wenn sie Intention, Humor und Botschaft des kleinen Bildwitzes hinterfragt haben. Vielleicht kommen sie dabei darauf, dass das ausgewählte Stück ein rassistisches Stereotyp bedient. Im Zweifel sollte man sich das arglose Teilen jedes X-beliebigen Inhaltes zwei Mal überlegen.


*Weiß: Der Begriff beschreibt die tatsächliche Einstufung der Hautfarbe, die kein gesellschaftlich-soziales Konstrukt bedient.

**Schwarz: Der Begriff beschreibt in diesem Fall nicht die Hautfarbe als Farbe, sondern ist als gesellschaftlich-soziales Konstrukt zu verstehen, in welchem Schwarze und Indigene People of Color Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sind.

***Latinx: Die genderneutrale Bezeichnung für Latino/Latina.