Warum es Quatsch ist, wenn Unis Kurse fürs Erwachsensein anbieten

An der Universität in Berkeley gibt es seit Kurzem einen Adulting-Kurs. Auch viele private Unternehmen bieten mittlerweile Kurse an, in denen man das Erwachsensein lernt. Das haben wir nicht nötig. Ein Kommentar

erwachsen sein

Kann man Erwachsensein lernen? Foto: Elements 5 Digital / Unsplash | CC0

Ganz früher, also als-unsere-Eltern-noch-jung-waren-früher, da wurden Menschen noch automatisch erwachsen. Man wurde halt 18 oder 21 und dann gab es nicht mehr viel Diskussion, Erwachsensein hatte einfach etwas mit dem Vergehen von Zeit zu tun. Nicht mehr so ganz früher, aber immer noch früher, als wir selbst in dieses Erwachsenenalter kamen, sah das schon anders aus. Am Kiosk lag plötzlich ein Heft, das hatte „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ zum Claim, und ja, das hatte Neon ziemlich gut getroffen damals, denn so fühlte es sich tatsächlich an. Erwachsenwerden schien wie ein Luxus, den man noch ein wenig aufschieben konnte. Doch mittlerweile ist Erwachsensein längst kein Automatismus mehr, ein Luxus erst recht nicht, und Neon wurde auch eingestellt.

Wer fühlt sich denn noch erwachsen?

Heute gibt es zwar noch den Begriff erwachsen, aber wer unter 40 fühlt sich denn davon noch angesprochen? Sich erwachsen fühlen ist für viele junge Menschen nicht mal mehr in Reichweite, davon spricht zumindest die Popularität von Adulting-Kursen. Denn zumindest im englischsprachigen Raum gibt es immer mehr Angebote, die versprechen, dass Erwachsensein erlernbar ist. Sie richten sich explizit an Millennials und tragen meist das Adulting im Titel. Adulting ist so populär, dass selbst an der renommierten Universität Berkeley ein Adulting-Kurs angeboten wird, die Kursplätze waren im Nu belegt. Was auf dem Lehrplan steht? Umgang mit Finanzen, DIY, Beziehungstipps und Fragen rund ums Arbeitsleben. Die Adulting School bietet Kurse zu „So kannst du dein Zimmer ausmisten“, „Kochen – die Grundlagen“ und „Wie du dein Zimmer streichst.“

Und ja, stimmt schon, diese Fähigkeiten zugrundegelegt, sieht es bei Millennials wohl tatsächlich anders aus als noch bei ihren Eltern. In einer Umfrage unter 2.000 Teilnehmer*innen des britischen Gesundheitsunternehmens Bupa stellte sich heraus, dass die Ü-55er*innen viele solcher Haushaltsaufgaben (besser) beherrschen. Dinge wie Schuhe putzen, Flecken entfernen, Knöpfe annähen. Aber das hat natürlich Gründe. Denn unsere Großeltern- und Elterngeneration sind in einer Zeit groß geworden, in der Hauswirtschaft und Kochen noch auf Lehrplänen stand, einer Zeit, in der DIY nicht DIY hieß und ein eigenes Pinterest-Board hatte, sondern in dem Wollreste ohne viel Aufhebens zu Decken verstrickt wurden. Ganz ohne Hashtag. Und in einer Zeit, in der andere Marker des Erwachsenseins wie Hauskauf, Heirat und Kinder sehr viel früher im Leben passierten als heute. Wenn sie heute überhaupt noch passieren.

Wer Erwachsensein mit Haushaltstätigkeiten gleichsetzt, den treibt wohl vor allem die Sehnsucht nach einer Welt, in der das größte Problem der misslungene Sonntagsbraten ist.

Anders gesagt: Unsere Leben sehen heute ganz anders aus als die Leben unserer Eltern, als sie so alt waren wie wir. Die offiziellen Marker des Erwachsenseins scheinen zu fehlen und, schlimmer noch, manchmal wohl auch die grundlegenden Fähigkeiten, dieses Leben dennoch zu meistern. Wie eine Schülerin sich vor ein paar Jahren beschwerte: In Schulen werde Gedichtinterpretation gelernt, aber keine Steuererklärung.

Haben wir also einfach nie gelernt, erwachsen zu sein?

Ich halte das für Quatsch. Und damit will ich nicht sagen, dass ich es nicht für eine unerlässliche Fähigkeit halte, die eigenen Finanzen selbst im Griff zu haben, oder zu wissen, dass man rote Socken besser nicht mit weißen Hemden wäscht. Was mich stört, ist, dass Erwachsensein in dem Kontext zum Marketing-Gag verkommt. Was mich also stört, ist, dass der Begriff dabei nur als Vehikel dient, jungen Menschen klarzumachen, was ihnen alles so fehlt im Leben und durch welche App und welchen Onlinekurs sie das aber schnell beheben könnten. Vor allem Singles wissen, wovon ich rede.

Was mich außerdem stört, ist, dass Adulting-Kurse dabei etwas so wahnsinnig Regressives an sich haben. Denn wer Erwachsensein mit Haushaltstätigkeiten gleichsetzt, den*die treibt wohl vor allem die Sehnsucht nach einer Welt, in der das größte Problem der misslungene Sonntagsbraten ist. Und nicht die befristete Stelle, die Nicht-Beziehung, die Klimakrise. Klar, wir haben alle das Bedürfnis, in dieser Welt zurechtzukommen. Und manchmal wünschen wir uns auch nichts sehnlicher, als dass der misslungene (vegane) Sonntagsbraten unser größtes Problem sei. Und wenn uns Bücher und das Internet dabei helfen, mit Hilfe von Kochtipps und Radreparatur-Tutorials ein bisschen Sicherheit und Unabhängigkeit zu erlangen, dann sollten wir uns ausnahmslos beglückwünschen.

Aber wir sollten zugleich aufhören, uns einzureden – einreden zu lassen – dass wir immer (!) noch (!) nicht (!) erwachsen sind. Denn wer glaubt, mit ein paar DIY-Skills und einem Workshop zu Gehaltverhandlungen wäre man im Erwachsensein angekommen, der*die ist vor allem der Ungenügsamkeitsindustrie auf den Leim gegangen. Einer Industrie, die ganz herausragend davon lebt, uns als Mängelwesen abzustempeln, und zugleich aus naheliegenden Gründen gar kein Interesse daran hat, uns WIRKLICH beizubringen, wie man sein Gehalt verhandelt oder wie man Socken stopft. Denn daraus wäre die Konsequenz zu radikal, nämlich dass sich die Arbeitswelt endlich nachhaltig ändert (nein, nicht durch noch mehr Gratis-Bananen) und wir alle deutlich weniger konsumieren.

Die Welt hat sich stark verändert in den vergangenen Jahrzehnten. Und wenn unsere Eltern nicht im Schnitt schon so etabliert in ihren jeweiligen Leben wären, sondern unsere Leben meistern müssten, bin ich sicher, dass sie mit ihren angeblich so erwachsenen Fähigkeiten nur sehr schlecht zurechtkämen. Junge Menschen sollten sich nicht länger einreden lassen, ein möglichst reibungsloses Funktionieren in dieser Welt sei ein Meilenstein des Erwachsenseins. Ist es nicht! Erwachsensein bedeutet nämlich nicht, die Leben unserer Eltern zu kopieren. Noch deren Fähigkeitsportfolio. Erwachsensein bedeutet anzuerkennen, dass wir mit neuen Fähigkeiten in der Welt bestehen lernen müssen. Mit neuen Fähigkeiten und mit anderen Lebensmodellen. Wer sich erwachsen fühlen will, der*die braucht keine Bedienungsanleitung zum Bohrerset, keinen Bausparvertrag, keine Telleruntersetzer und auch kein Reihenhaus mit Ehepartner*in und Kindern. Erwachsen ist, wer verstanden hat, dass das Leben niemals an einen Punkt kommen wird, wo es fertig ist. Wo wir uns komplett fühlen können, weil wir A und B und C auf der vermeintlichen To-do-Liste des Erwachsenseins abhaken konnten. Erwachsensein ist kein Diplom. Es ist vielleicht vielmehr die Erkenntnis, dass wir die Entscheidung darüber, wer wir sind, selber tragen sollten.