Warum es richtig ist, schon in der Kita auf Cultural Appropriation aufmerksam zu machen

In einer Hamburger Kita sind sogenannte Indianer*innen- und Scheichkostüme an Karneval unerwünscht. Nun empören sich viele über eine Verbotskultur, dabei bräuchte es viel mehr Kitas wie diese. Ein Kommentar

Karnveval

Kopf anschalten bei der Wahl des Kostüms. Foto: rawpixel.com | Pexels CC0

Aktuell herrscht Empörung über eine Entscheidung einer Kita in Hamburg. Sie wünschte sich von den Kindern, nicht im „Indianer- oder Scheichkostüm“ zu erscheinen. Der Grund: Sie würden Stereotype und Vorurteile bedienen. „Wir achten im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung“, schrieb eine Kita vor dem Faschingsfest an die Eltern. Eine Kita möchte Kinder für verschiedene Kulturen sensibilisieren? Ist eigentlich erstrebenswert.

Das finden nicht alle. Viele Medien berichten über ein Verbot oder fragen: „Muss man denn auf alles Rücksicht nehmen?“ Dabei hat es gar kein Verbot gegeben. Die Kita-Leitung hatte lediglich einen Wunsch geäußert, keine verpflichtende Vorgabe gemacht. In den sozialen Netzwerken halten sich Postende die Waage zischen teils harter Kritik und Lob für die Entscheidung. Selbst Politiker*innen haben nun etwas zu sagen. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel würde etwa ihre Kinder aus der Kita nehmen, weil ihr die Vorstöße der Erzieher*innen zu weit gegangen seien. Grigorios Aggelidis, familienpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, befindet den Wunsch der Kita als weltfremd und absurd.

Pocahontas, Inuit oder sogenannte*r Ureinwohner*in sind mehr als nur Kostüme

Wer so denkt, sollte sich zuerst mit dem eigenen privilegierten Weltbild auseinandersetzen. Was ist falsch daran, inklusiv zu sein und nicht durch Stereotype Menschen verletzen zu wollen? Denn Kostüme sind nicht nur harmlose Kostüme, egal warum man sich als Pocahontas, Inuit oder sogenannte*r Ureinwohner*in verkleidet. Derartige Kostüme ethnifizieren.

Kostüme anderer Kulturen basieren auf Stereotypen, auf pauschalisierenden Vereinfachungen, und ignorieren damit eine vielleicht problematische Geschichte, die oft mit Enteignung, Kolonialisierung, Versklavung oder sogar Ausrottung einhergeht. Nur weil manche Kulturen zum Glück davon verschont blieben, heißt das noch lange nicht, dass naives Verkleiden angebracht ist. Menschen können sich dadurch gekränkt und reduziert fühlen. Auch wenn man mit einer derartigen Verkleidung nicht unbedingt selbst zu einem rassistischen Menschen wird, sind es trotzdem rassistische Verkleidungen.

Wer Bescheid weiß, ist klüger

Die Empörung um die Entscheidung der Kita teilen übrigens die wirklich Betroffenen nicht, nämlich die Eltern der Kinder. Im Gegenteil: „Es haben sich bei der Leitung nur Eltern gemeldet, die das total gut fanden. Die haben sich gefreut, dass dafür eine Sensibilität geschaffen wurde“, sagt die pädagogische Geschäftsführerin Franziska Larrá der Deutschen Presse-Agentur. Das ist richtig. Schließlich kann man nicht früh genug damit beginnen, Menschen für andere Kulturen und deren Historie zu sensibilisieren. Die Empörer*innen wurden es offensichtlich nicht.

Selten werden so viele rassistische Klischees bedient wie im Fasching. Der harmlose Wunsch der Hamburger Kita ist daher ein Schritt in die richtige Richtung und hat hoffentlich Vorbildwirkung für andere Kitas und Eltern. Denn wer Bescheid weiß, ist klüger. Fasching macht nämlich noch mehr Spaß, wenn man ihn nicht auf Kosten anderer Kulturen begeht.


Wenn du mehr über das Konzept Kultureller Aneignung an Karneval wissen möchtest, empfehlen wir dir den Artikel Warum du dich zum Karneval weder als Pocahontas noch als Inuit verkleiden solltest.