Warum es so schwer ist, nachhaltige Kleidung zu designen

Auf dem Bekleidungsmarkt gibt es nur wenige Konzepte für Nachhaltigkeit. Während der Arbeit an ihrer Abschlusskollektion erkannte Modedesignstudentin Rebecca den Ursprung des Problems. Gibt es eine Lösung?

Nachhaltige Mode

Fair produziert? Und aus welchen Materialien? Foto: Markus Loke / Unsplash | CC0

Mit jedem Nadelstich nimmt das Kleidungsstück aus neongelbem Stoff an der Schneiderpuppe mehr Form an. Rebecca Quack geht einen Schritt zurück, betrachtet ihr Werk und steckt dann eine weitere Nadel an den Saum von dem, was mal ein Bikinihöschen werden soll. „Wenn man zu lange auf diese Farbe guckt, wird man echt blind“, scherzt sie. Das Neongelb ist grell. Es strahlt geradezu und reflektiert an den Wänden des kahlen Ateliers.

Welches Mittel dem Stoff zu dieser Farbe verholfen hat, weiß Rebecca nicht genau. Die 23-Jährige studiert im letzten Semester Modedesign am Fashion Design Institute in Düsseldorf. Sie hat viele Kollektionen entworfen, unzählige Stoffe bearbeitet. Trotzdem weiß sie wenig über die Materialien, die sie verwendet.

Viele Informationen seien schlicht nicht verfügbar, sagt sie. Der neongelbe Bikini ist Teil von Rebeccas Abschlusskollektion. „Ich hatte erst überlegt, eine Kollektion zu machen, die aus nachhaltigen Stoffen besteht, aber habe den Gedanken ziemlich schnell wieder verworfen“, sagt sie. Zu schwierig sei es gewesen, etwas über die Stoffe in Erfahrung zu bringen. „Das höchste der Gefühle war, dass ich mal Bio-Baumwolle finden konnte. Aber eine Kollektion kann ja nicht nur aus Baumwolle bestehen.“

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Bild: Sarah Sendner

Nachhaltigkeit, das ist ein häufig genutzter Begriff. Er beschreibt die Schnittmenge aus sozialer, ökologischer und ökonomischer Verantwortung. Im Supermarkt oder in der Drogerie ist es den Verbraucher*innen durchaus möglich, nachhaltig einzukaufen. Es gibt Produkte, die sind bio, fair gehandelt oder recycelt. Sie stammen aus regionalem Anbau oder tragen Siegel, die verraten, nach welchen Standards die Ware produziert wurde.

Auf dem Textilmarkt ist diese Klarheit selten. In Stoffgeschäften gibt es ab und an mal ein Etikett mit Siegel. Keines dieser Siegel deckt allerdings die Aspekte ab, die Nachhaltigkeit definieren. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) möchte mit dem sogenannten Grünen Knopf ab Juli ein Textilsiegel einführen, das „perspektivisch den gesamten Textil-Kreislauf abbilden soll“, schreibt das Entwicklungsministerium auf Anfrage. Nur Unternehmen, die „ihrer unternehmerischen Sorgfaltspflicht nachkommen“, sollen das Siegel tragen dürfen. Das beziehe sich besonders auf die Achtung der Menschenrechte entlang der Lieferketten.

Kritik am Siegel

Noch ist aber unklar, nach welchen konkreten Kriterien das Siegel vergeben wird. Viele Modeunternehmen kritisieren Müllers Vorhaben deshalb. Zu viele Fragen sind aus ihrer Sicht offen. Zudem halten sie den Plan eines umfassenden Siegels für zu ambitioniert. Sie bezweifeln, dass sich viele Dutzend Arbeitsschritte bei der Herstellung eines Kleidungsstücks prüfen lassen. Auch Rebecca hatte Probleme an eindeutige Informationen zu kommen, als sie Stoffe für ihre Kollektion suchte: „Wenn man in einen Stoffladen geht und ein paar Nachfragen anstellt, wissen die Verkäufer*innen meist nicht so richtig Bescheid. Natürlich ist klar, aus welchem Material der Stoff besteht. Aber: Woher die Baumwolle kommt, wie der Stoff gebleicht und gefärbt wurde oder in welchen Ländern er verarbeitet wurde – das ist völlig intransparent.“ Denn Hersteller*innen müssen nicht jeden Schritt der Lieferkette offen legen.

Natürlich ist klar, aus welchem Material der Stoff besteht, aber woher die Baumwolle kommt, wie der Stoff gebleicht und gefärbt wurde oder in welchen Ländern er verarbeitet wurde – das ist völlig intransparent.

Rebecca Quack

In jedem Schritt ein Nachhaltigkeitsproblem

Monika Eigenstetter, Professorin für Arbeitspsychologie und Corporate Social Responsibility-Management an der Hochschule Niederrhein, erforscht nachhaltige Konzepte im Textilmarkt. Sie sagt: „In der Mode haben wir es mit einer unglaublich komplexen Wertschöpfungskette zu tun. Ein einzelner kleiner Designer hat da kaum Chancen, an umfassende Informationen über den gesamten Herstellungsprozess zu kommen.“

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„Jetzt, ganz am Ende meines Studiums, wird das Thema Nachhaltigkeit in Form einer Vortragsreihe behandelt“, sagt Rebecca. Bild: Sarah Sendner

„In quasi jedem Schritt der Wertschöpfungskette gibt es ein Nachhaltigkeitsproblem, beginnend bei der Faser: Da gibt es zum einen Baumwolle. Die kommt meist aus einer sehr schädlichen Landwirtschaft mit einem hohen Pestizid- und Wassereinsatz“, sagt Eigenstetter. „Zum anderen kann man chemisch hergestellte Fasern nutzen. Da erzeugt man oft ein Mikroplastikproblem.“ Für die Herstellung von Kunststofffasern ist Erdöl nötig. Außerdem verlieren Textilien aus Kunstfaser, wie zum Beispiel Polyester, bei jeder Wäsche Mikroplastik, das in die Umwelt gelangt.

Während wir PET-Flaschen schon seit Jahrzehnten recyceln, ist das in der Textilindustrie eher selten. Das Problem: Stoffe sind nicht sortenrein – das müssten sie aber sein, um daraus wieder nutzbare neue Fasern zu erstellen. Oft umfasst die Liste auf dem Etikett eines T-Shirts drei oder mehr Materialien. „Die Mischungen wieder sortenrein aufzuspalten, ist fast unmöglich“, erklärt Eigenstetter. „Das wäre ein komplexer chemischer Prozess, der dann selbst wieder per se nicht nachhaltig ist, da er oft viel Energie und Wasser braucht.“

Wenige Lösungen für ein gewaltiges Problem

Die Kund*innen tragen zusätzlich zum Problem bei. Jede*r Deutsche kauft im Durchschnitt jedes Jahr etwa 60 Kleidungsstücke und trägt sie nur halb so lange wie noch vor 15 Jahren. So hat es die Umweltschutzorganisation Greenpeace 2016 herausgefunden. Marktanalysten des Studienportals Statista schätzen den Umsatz des Bekleidungsmarktes in Deutschland 2019 auf 64 Milliarden Euro. Die Kund*innen haben sich daran gewöhnt, nicht nur zwei Kollektionen im Jahr zu sehen – alle paar Wochen statten die Modeketten ihre Läden mit neuen Designs aus. Diese Fast-Fashion-Industrie lässt den Markt weiterwachsen – und belastet die Umwelt massiv.

Im Fashion Design Institute holt Rebecca ein weißes Spitzenkleid aus einem Nebenzimmer und stülpt es langsam über die Schneiderpuppe mit Neonbikini. In Rebeccas Studium waren Nachhaltigkeitsthemen bisher nur ein kleiner Teil des Lehrplans. „Jetzt, ganz am Ende meines Studiums, wird das Thema in Form einer Vortragsreihe behandelt“, sagt Rebecca. Sie sieht das Problem auch in der Modeindustrie selbst. Nachhaltige Kleidung sei ihrer Meinung nach nicht immer modisch. „Die Modebranche muss da umdenken. Ich glaube, viele Labels denken, dass die Leute etwas kaufen werden, nur weil es nachhaltig ist. Aber so funktioniert das nicht. Die Leute kaufen natürlich in erster Linie das, was sie ihnen gefällt. Und erst dann kommt das gute Gewissen.“

Nachhaltigkeit muss beim Design anfangen. Die Designer müssen dafür aber umdenken.

Monika Eigenstetter

Es gebe durchaus Kleidung, die mehr Nachhaltigkeitskriterien erfülle, betont Monika Eigenstetter. Aber nicht in dem Umfang, den Kund*innen aus anderen Branchen gewöhnt seien. „Nachhaltigkeit muss beim Design anfangen. Die Designer müssen dafür aber umdenken. Dann gibt es eben nicht mehr alle Stoffe, nicht mehr alle Farben, keine Mischprodukte aus Kunststoff- und Naturfasern.“

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Bild: Sarah Sendner

Einige kleinere Labels haben es geschafft, nachhaltige Kleidung herzustellen. Sie begleiten den Herstellungsprozess direkt, kennen ihre Lieferant*innen und besuchen die Fabriken und Zwischenhändler*innen im Ausland selbst. Das Kölner Label Armedangels gibt auf seiner Webseite ausführliche Informationen zu der Herkunft der Stoffe und den Herstellungsprozess. Die Transparenz bleibt allerdings eine Seltenheit, die man bei großen Modekonzernen nicht findet. Die sogenannte Kampagne für Saubere Kleidung fordert deswegen große Labels dazu auf, ihre Lieferketten offenzulegen und versucht so, die Intransparenz in der Modebranche zu bekämpfen.

Auch alle, die die Kleidung kaufen, tragen Verantwortung. „Verbraucher müssen in erster Linie viel, viel weniger kaufen. Und zwar viel hochwertigere Kleidung. Das kostet dann aber auch entsprechend mehr Geld“, sagt Eigenstetter. Doch auch dieser Ansatz kann wieder Probleme enthalten. „Nachhaltigkeit ist nie schwarz und weiß. Mit jedem Schritt, den man glaubt, besser zu machen als vorher, kommt wieder ein Rückschritt“, sagt sie.

Ein Beispiel: Wenn wir in Deutschland alle sofort aufhörten, Kleidung zu kaufen, würde das zwar einige Umweltprobleme lösen. Aber Näher*innen – beispielsweise in Bangladesch – würden ihre Arbeit verlieren. „Das ist auch nicht nachhaltig“, sagt Eigenstetter. Vor einigen Jahren hat die westliche Welt auf die Schattenseite der Modeindustrie geschaut: als die Nähfabrik Rana Plaza in Bangladesch einstürzte und mehr als 1.000 Menschen starben. Diese Katastrophe jährte sich im April zum sechsten Mal.

Viel geändert habe sich seitdem nicht, sagt Monika Eigenstetter: „Wir reden nur mehr darüber.“