Warum es so schwer ist, sich zu entschuldigen

Es tut mir leid – vier kleine Worte mit großer Wirkung. Doch viele Menschen haben in Konflikten Probleme, sich Fehler einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen. Warum ist das so?

Warum es so schwer ist, sich zu entschuldigen

Einer aufrichtigen Entschuldigung steht oft das eigene Selbstwertgefühl im Weg. Foto: Austin Guevara / Pexels | CC0

Eigentlich sind die Spielregeln leicht: Habe ich einen Fehler gemacht, dann entschuldige ich mich dafür. Egal, ob bei Partner*innen, Freund*innen oder sonstigen Personen. Allerdings sieht das in einem Konflikt häufig anders aus. Während wir zu jeder Gelegenheit mit bedeutungslosen Floskeln wie sorry um uns werfen, gehen uns bei ernsten Konflikten Sätze wie „Es tut mir leid“ nur schwer über die Lippen. Manchen Menschen auch gar nicht. Haben wir verlernt, wie man sich richtig entschuldigt?

Stephanie Hollstein, psychologische Beraterin aus Düsseldorf, ist von dieser Entwicklung überzeugt: „Das liegt an der zunehmenden Ellbogenmentalität in unserer Gesellschaft“, sagt sie. Vielen Menschen fehle es an Empathie, die Probleme und Bedürfnisse anderer in einem Konflikt wahrzunehmen. „Diese Menschen legen ihren Fokus nur auf sich selbst“, sagt Hollstein. Nur das eigene Empfinden zählt.

Die Angst, sich Fehler einzugestehen

Aber nicht nur fehlende Empathie steht einer aufrichtigen Entschuldigung im Weg. Häufig geht es auch um ein geringes Selbstwertgefühl. „Wer sich entschuldigt, gesteht sich ein, einen Fehler gemacht zu haben“, sagt Stephanie Hollstein. Für selbstbewusste Menschen ist das kein Problem. Sie stehen über ihrem Fehltritt. Doch für unsichere Personen ist dieses Eingeständnis ein weiterer Kratzer am ohnehin schon schlechten Selbstbild. Deshalb versuchen sie, krampfhaft recht zu behalten und flüchten sich in Rechtfertigungen oder Kontravorwürfe. Alles mit dem Ziel, sich keinen Fehler eingestehen zu müssen. Denn aus ihrer Perspektive kommt eine Entschuldigung einer Selbsterniedrigung gleich. Doch das Gegenteil ist der Fall: „Wer um Verzeihung bittet, zeigt Größe“, sagt Hollstein.

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Bei diesem Problem geht es nicht um Rationalität. „Die Entscheidung über die eigene Konfliktstrategie fällt unterbewusst“, erklärt Hollstein. Dabei werden die jeweiligen Konsequenzen abgewogen, um die aus eigener Sicht beste Strategie zu finden. Selbst ein Kontaktabbruch kann aus diesem Blickwinkel vielversprechender als eine Entschuldigung erscheinen.

Menschen lassen sich nicht ändern

Die Ursachen für dieses Verhalten liegen oft in der Kindheit. Wurden Konflikte in der Familie unter den Teppich gekehrt oder nicht gelöst, wirken diese Erfahrungen auch auf die Streitkultur als Erwachsene*r. Wer zum Beispiel als Kind immer recht bekommen hat, hat nie gelernt, mit Gegenwind umzugehen. Wem es in der Kindheit an Selbstvertrauen mangelte, wird auch später noch damit kämpfen. Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Doch wie lassen sich dann Konflikte am besten lösen?

Der erste Schritt dazu ist Akzeptanz. Statt auf eine 180-Grad-Wende zu bestehen, rät Hollstein, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Nicht zuletzt auch, weil unsere Wahrnehmung in einem Konflikt immer subjektiv ist. Statt auf eine Entschuldigung zu bestehen, sollte das Verhalten der anderen Person hinterfragt werden. Was sind die Ursachen für sein*ihr Handeln? Warum glaubt er*sie, dass er*sie recht hat? Vorwürfe sollten dabei vermieden werden. Stattdessen sollten Bitten und Ich-Botschaften vermittelt werden: „Ich fühle mich verletzt“ statt „Du bist ein rücksichtsloser Egoist“ und „Bitte versuche, dich das nächste Mal in meine Lage zu versetzen“ statt „Mach das nicht noch einmal“. Das verhindert auch eine Eskalation.

Zukünftige Konflikte vermeiden

Doch ob Entschuldigung oder nicht – wirklich wiedergutmachen lassen sich Fehler ohnehin nicht. „Eine Entschuldigung macht den Fehler nicht ungeschehen“, sagt Stephanie Hollstein. Auch wenn es wichtig ist, nach einem Fehler Reue zu zeigen, geht es eher darum, ähnliche Streitereien für die Zukunft zu vermeiden. Bei Kleinigkeiten mag es schon reichen, potenzielle Konfliktsituationen zu vermeiden.

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Bei größeren Problemen, die mit seelischen Verletzungen einhergehen, wird das jedoch kaum funktionieren. Dann hilft nur reden. Ohne harte Vorwürfe, sondern in Ruhe und auf Augenhöhe. Wenn nötig auch mit einem*r neutralen Vermittler*in. Sollte das auch nicht funktionieren, bleiben nicht mehr viele Optionen übrig. „Irgendwann sollte man die Beziehung zu der Person hinterfragen“ sagt Stephanie Hollstein. Nämlich dann, wenn es trotz aller Gespräche immer wieder zu denselben verletzenden Konflikten kommt.

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