Warum es völlig okay ist, nach dem Abitur noch keinen Plan für die Zukunft zu haben

Nach dem Abi wussten anscheinend alle, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte – nur ich nicht. Sieben Erkenntnisse halfen mir, trotzdem die Ruhe zu bewahren.

Unsere Autorin Debbie auf ihrem Abiball / © Caroline Schmitt

Nun war ich endlich fertig mit der Schule und feierte auf dem Abiball die gewonnene Freiheit. Doch die Feierlaune hielt nicht lange an. Mit dem Schulabschluss begann für mich eine Zeit der Unsicherheit.

Die Anderen aus meinem Jahrgang wussten anscheinend genau, was sie wollten, und verfolgten ihre Träume. Sie entschieden sich für ein (duales) Studium, eine Ausbildung oder einen Freiwilligendienst. Manche taten sich zusammen und reisten umher. Meine Familie, Lehrer*innen und Bekannten schienen zu erwarten, dass auch ich nun sofort etwas Vernünftiges machen würde, also ein Studium beginne oder zumindest eine Ausbildung.

Ich wusste nicht, wie ich diese Erwartung erfüllen sollte. Ich fühlte mich antriebslos und hatte vor vielem Angst. Ich hatte Angst davor, zu lange zuhause zu wohnen und kein eigenes Leben aufzubauen. Ich hatte Angst davor, später meiner Familie zur Last zu fallen, sollte ich mich für den falschen Plan vom Leben entscheiden und noch einmal von vorne anfangen müssen.

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Vor allem aber hatte ich Angst davor, eine übereilte Entscheidung zu treffen. Ich wollte nicht dem Druck nachgeben, der von Anderen und teilweise auch von mir selbst kam, und ein Studium nur um des Studiums Willen beginnen. Ich wollte mich nicht sofort darauf konzentrieren, wie ich in dieser Gesellschaft möglichst leistungsstark funktioniere. Als ob mich das zu einem guten Menschen machen würde.

Neun Monate liegt mein Abi nun zurück und ich habe mich immer noch nicht festgelegt, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. In dieser Zeit habe ich ein paar Dinge gelernt, die mir geholfen haben, mit dem Druck und der Unsicherheit klarzukommen.

1. Einfach mal ausprobieren

Nach dem Abiball ließ ich mir die Haare abschneiden. Neuer Lebensabschnitt, neuer Haarschnitt. Ich fuhr nach Berlin zu meiner Schwester, mit der ich in Begleitung meiner Mama einen Roadtrip durch Andalusien machte. Im Mai reiste ich nach Nairobi und verbrachte dort drei Monate mit Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind und mit denen ich ein Fotoprojekt umsetzte. Dort beschloss ich auch, mich in Zukunft als Botschafterin für Jugend Rettet einzusetzen. Anschließend machte ich mich gemeinsam mit Freund*innen per Interrail auf den Weg nach Osteuropa. Im September und Oktober arbeitete ich bei meinen Großeltern in einem Hotel. Der November war ein Monat für mich selbst, meine Freund*innen, Familie und für Organisatorisches. Danach zog ich erstmal nach Berlin.

Kurz: Ich habe einfach verdammt viel ausprobiert und hatte sogar noch ganz andere Ideen, aus denen nichts wurde: Praktika in einer Musiksendung und Talkshow, als Kurierfahrerin oder auf einem Schiff jobben, Freiwilligendienste im In- und Ausland oder tatsächlich studieren. In den vergangenen neun Monaten habe ich erst gemerkt, wie viele Möglichkeiten es nach dem Schulabschluss gibt.

2. Reden hilft

Die Frage „Und, was machst du jetzt so nach dem Abi?“ nervt, weil allein im Tonfall schon so viel Erwartung auf eine klare Antwort liegt. Dennoch liegt in dieser Frage auch eine Chance. Nachdem ich zugegeben hatte, dass ich noch keinen Plan habe, ergab sich meist ein hilfreiches Gespräch. Schließlich hat jede*r was dazu zu sagen, wenn jemand noch nicht genau weiß, wo sie beruflich hin will. Obwohl ich meistens nach gar keinem Weg fragte, wurde mir meist einer vorgeschlagen, woraufhin sich oft ein Widerstand in mir aufbaute. Letztlich war auch das gut, um zu erkennen, was ich gar nicht will, was überhaupt nicht zu mir passt und wie ich auf gar keinen Fall werden will.

Die Gespräche waren zudem abwechslungsreich. Nicht alle waren geprägt von Leistungsdruck und gesellschaftlichen oder persönlichen Erwartungen. Einige ermutigten und beruhigten mich inmitten des Chaos. Ich glaube für sowas hat man Großmütter. Mit ihr zu sprechen machte mich in letzter Zeit besonders glücklich.

3. Schweigen und Stille sind auch cool

Manchmal bewirkte Kommunikation auch das Gegenteil. Zu viel Input von Anderen und zu viele Rechtfertigungen meinerseits ließen mich mutlos werden. Dann war jedes „Wie fühlst du dich im Moment eigentlich so?“ zu viel. Alle Ratschläge empfand ich auf einmal als Meinungen von Besserwissern, die sich um ihr eigenes Leben kümmern sollten. Dann musste ich abschalten und mich zurückzuziehen, bis ich wieder aufnahmefähig war.

In manchen Phasen versuchte ich auch, über nichts nachzudenken, was mit Berufsfindung zu tun hatte. Das tat gut und setzte  Energie frei für die Zeit danach, in der es wieder darum ging, Bewerbungen zu verschicken und sich Klarheit zu verschaffen. Die klarsten Gedanken kamen oft, als ich mir gerade nicht einredete, ich müsse jetzt endlich mein Leben in den Griff kriegen, sondern losließ und mir meine Zukunft als Möglichkeit der unbegrenzten Selbstentfaltung vorstellte.

4. Leidenschaft kann sich entwickeln

In den vergangenen Monaten habe ich nach meiner Leidenschaft gesucht. Ich wollte was Langfristiges finden, was mich früh aufstehen und spät ins Bett gehen lässt. Irgendetwas, für das ich Auswendiglernen in Kauf nehmen würde, obwohl ich es hasse.

Manchmal glaubte ich, eine Leidenschaft gefunden zu haben, dann verlor ich sie wieder oder ließ sie los. Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass sich die Begeisterung für etwas auch mit der Zeit entwickeln kann und es wichtig ist, mit kleinen Interessen und Fähigkeiten anzufangen. So lernte ich, nicht jede Idee zu zerdenken und jeden Funken sofort auszulöschen.

Und wenn ich tatsächlich keine Leidenschaft finde? Dann hab ich wenigstens einen längeren Schlaf und lerne weniger auswendig, auch nicht schlimm.

5. Andere wissen auch nicht weiter

Irgendwann stellte ich fest, dass viele Andere auch keinen Plan haben, bei dem es immer nur geradeaus geht. Viele starten ein Studium und brechen dann ab, weil es eben doch nicht das richtige für sie war. Unzählige studieren etwas und arbeiten danach in einem Bereich, den sie sich niemals zugetraut hätten oder den sie gar nicht vor Augen hatten. Der Weg, den sie beschreiten, erschließt sich ihnen erst unterwegs.

So kann jeder Umweg Teil des Weges werden. Letztlich ist alles dein Weg und wer sagt denn, dass er gerade und komplett durchgeplant sein muss, um gut zu sein?

6. Ein Dank an die Freundschaft

Freund*innen waren und sind meine besten Berufsberater*innen. Für sie geht es nicht darum, mich möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zu schubsen. Sie kümmert es nicht, ob ich wenig oder viel verdiene, solange es ausreicht. Oder ob ich im Büro, Zu Hause oder im Freien arbeite, solange es mir Spaß macht. Es ist ihnen egal, ob ich jetzt studiere oder doch erst nächstes Jahr oder überhaupt nicht, solange ich es mir ausgesucht habe.

Meine Freund*innen wissen, wie viel Druck ich mir selbst mache und erhöhen ihn nicht unnötig. Sie scherzen mir über ein unorganisiertes, planloses Leben, in dem ich so frei entscheiden kann wie noch nie zuvor. Freundschaft betrifft unseren Charakter und nicht unsere Leistung.

7. Den perfekten Plan fürs Leben gibt es gar nicht

Ich sollte etwas Vernünftiges nach der Schule machen. Und dann sollte mich das auch noch in einen dauerhaften Zustand des Glücks versetzen. Dem ging ich erstmal nicht nach, weder der Ausbildung noch der Illusion, ich könne dauerhaft glücklich sein, wenn ich doch nur das passende Studium fände.

Stattdessen begann ich, einfach auszuprobieren. Den Zwang zur Perfektion und reibungslosen Entwicklung versuchte ich dabei aufzugeben. Ich gestand mir ein, dass ich nicht nach dem großen Glück auf der Welt suchen muss, nach dem alle streben. Ich beschäftigte mich stattdessen damit, wie ich mein Leben in die Hand nehme und Entscheidungen treffe, hinter denen ich stehe, unabhängig davon, wer und ob jemand neben mir steht.

Ein Berufsberater sagte mal zu mir: „Gut, du findest also in jeder Suppe ein Haar. Jetzt geht es darum, zu überlegen, welches dir am besten schmeckt.“ Nach einem kurzen Moment des resignierten „Joa“ dachte ich wütend „es wird auf dieser großen weiten Welt mit diesen vielen Möglichkeiten ja wohl auch irgendeine Suppe geben, in der sich kein Haar befindet, oder eines, dass sich entfernen lässt. Oder es macht mir einfach nix mehr aus, weil mir diese Suppe so gut schmeckt.“ Vielleicht steige ich auch auf ein ganz anderes Gericht um, ich bin sowieso kein leidenschaftlicher Suppenesser.