Wie Feminismus Pornos besser macht

Pornos sind im Internet allgegenwärtig, aber meistens meilenweit von dem Sex entfernt, den Menschen im echten Leben haben. Zwei studentische Projekte aus Freiburg und Münster wollen das ändern.

Diese studentischen Projekte setzen sich für eine faire Porno-Szene ein

Symbolfoto Porno-Po. Foto: Charles / Unsplash | CC0

Es ist Freitag, der 21. Dezember, und die 28-jährige Studentin Ragna Spargel hat zum gemeinschaftlichen Porno-Gucken eingeladen. In einem Club in Münster präsentiert sie auf einer öffentlichen Veranstaltung gemeinsam mit ihrer Crew und den Darsteller*innen ihren ersten feministischen Porno mit dem Namen Cum as you are. Nach dem Abend wird das gezeigte Material nirgendwo veröffentlicht. Die Schlange vor der Tür ist bereits vor dem Einlass lang. Aufgeregt blicken sich alle Besucher*innen im Club um, erkennen Freund*innen, Bekannte und grinsen sich gegenseitig an. Niemand weiß so ganz genau, was einen hier heute erwartet. Der Raum ist voll. Sollen wir sitzen oder stehen? Gibt es Popcorn?

Die Produzentin und die Darsteller*innen sind in erotische rote Outfits gehüllt, strahlen und stehlen nur einander die Aufmerksamkeit. Ragna studiert Soziale Arbeit und hat eine Weiterbildung zur Sexualpädagogin gemacht, während der sie sich mit Pornografie beschäftigte. Als Abschlussarbeit hat sie sich überlegt, einen eigenen feministischen Porno zu drehen, um einen Gegenpol zu dem zu setzen, was im Netz in großer Zahl existiert.

Frauen im Porno sind mehr als Babysitterinnen und Sekretärinnen

Mainstream-Pornografie hat mit echter Sexualität meistens wenig zu tun. In den schlimmen Fällen, die einen großen Teil der Filme ausmachen, werden Frauen erniedrigt, beleidigt oder sogar misshandelt. Eingebettet wird der Sex in flache Geschichten wie die des helfenden Nachbarn, der Mann, der ein Auto repariert oder die Casting-Couch. Alles Situationen, in denen ein klarer Machtvorsprung bei den Männern liegt.

Jetzt nicht falsch verstehen: Natürlich darf Sex schmutzig sein! Soll er sogar. Oder auch nicht. Jede*r soll genau das machen dürfen, was ihr*ihm gefällt. Das Problem der meisten Pornoproduktionen aber ist, dass sie aus einer ausschließlich männlichen Perspektive gedreht werden. Männer stehen hinter der Kamera, führen Regie, schreiben die Drehbücher, mischen den Ton und schneiden den Film. Die weiblichen Darstellerinnen sind die Objekte, die dominiert werden. Es wird ein Frauenbild vermittelt, das wenig mit dem 21. Jahrhundert zu tun hat. Wer das nicht glauben möchte, dem*der sei die Netflix-Serie Hot Girls Wanted nahe gelegt, in der nüchtern die Umstände der amerikanischen Pornoindustrie abgebildet werden.

Schluss mit dem Male Gaze

Gegen diese Objektifizierung und für gleichberechtigte Pornos tritt deshalb das Genre der feministischen Pornografie ein. Pionierin auf diesem Feld ist die Schwedin Erika Hallqvist, die unter dem Namen Erika Lust pornografische Indie-Filme in Barcelona produziert. Erfolgreich ist sie insbesondere mit ihrem Projekt X-Confessions, in welchem sie Fantasien von weltweiten Zuschauerinnen verfilmt. Auch das Start-up Arthouse Vienna, das von der Opernsängerin Adrineh Simonian und Patrick Catuz, dem Autor von Feminismus fickt, gegründet wurde, setzt auf feministische Pornos. Die beiden möchten mit ihren Filmen einen „neuen, feministischen und ästhetischen Zugang zur Pornografie“ ermöglichen.

Erika Lust erklärt die Werte ihrer Filme anhand von vier Prinzipien. Erstens soll die weibliche Lust mit in den Fokus des Pornos integriert und eingefangen werden. Frauen sollen nicht nur dafür zuständig sein, dass der Mann zum Orgasmus kommt, sondern selbst Lust er- und ausleben dürfen. Zweitens sollen Erwachsenenfilme ihrer Meinung nach auch cineastische Werte beinhalten. Lust erhebt den Anspruch, Indie-Filme zu produzieren, die abgesehen vom Sex auch eine anregende, erotische Geschichte erzählen. Außerdem möchte sie Menschen mit verschiedenen Körpertypen, Hautfarben sowie verschiedenen Alters vor der Kamera sehen. Und schließlich muss der Filmprozess aus einer ethischen Perspektive betrachtet werden.

It’s time for porn to change | Erika Lust | TEDxVienna

Erregt in Münster

Zurück in Münster steht Ragna vor der Aufführung ihres eigenen feministischen Pornos auf der Bühne und lächelt über beide Ohren. Das Publikum klatscht und klatscht. Es ist schon begeistert, bevor der Film überhaupt gezeigt wurde. Viele Freund*innen und die Familie sind gekommen, um den Film zu sehen. „Ich habe das große Glück, sehr tolerante und offene Eltern zu haben. Sie haben mich von Anfang an bei diesem Projekt unterstützt“, wird sie später sagen. Vor dem Film, erzählt sie, habe sie die Darsteller*innen über Freundesfreund*innen auf sozialen Netzwerken und über ihre Webseite gesucht. Die endgültigen Darstellenden hat sie schließlich aufgrund der gemeinsamen Werte und Grundüberzeugungen ausgewählt. Sie wünscht viel Spaß beim Film und hofft, dass er erregt, denn dafür ist er da.

Pornos sollen erregen und inspirieren. Aber natürlich müssen sie aufgrund ihrer Omnipräsenz und Zugänglichkeit durch das Internet auch erziehen. Sie sind in Zeiten der Digitalisierung zwangsläufig ein großer Teil der Sexualerziehung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, und zwar eins, das von der Gesellschaft tabuisiert wird. Denn auch im Erwachsenenalter gibt es viele Männer und Frauen, die pornografische Filme konsumieren, um nach dem Höhepunkt peinlich berührt ihr Gerät zuzuklappen. Es ist ihnen peinlich, was sie soeben konsumiert haben.

Sex in aller Munde

Feminist*in sein und Pornos gucken muss dabei aber kein Widerspruch sein, meinen auch Leon und Kira von dem studentischen Porno-Start-up feuer.zeug aus Freiburg. Sie sagen: „Als feministische*r Pornokonsument*in sollte ich mich jedoch fragen, welche Art von Pornografie mit meinen Werten vereinbar ist. Entspricht das Gezeigte meinem Verständnis gleichberechtigter Sexualität? Weiß ich, dass alle am Dreh Beteiligten die Szenen auch so wollten?“Auf ihrer Internetseite plädieren sie außerdem dafür, „das Thema Porno zum Gegenstand gewöhnlicher Gespräche zu machen und so endlich aus der beschränkten Tabuzone zu holen“. Ihre eigenen Filme sollen fair und anders sein, weil sie finden, „dass die Inhalte der Mainstream-Porno-Industrie ethisch meistens, ästhetisch oft und pädagogisch eigentlich immer völlig daneben sind.“

Leon von feuer.zeug im Radiointerview bei uni.FM 88,4

Die feministische, kommerzielle Pornografie ist nicht kostenlos zugänglich. Die Produzent*innen haben hohe Ansprüche daran, dass sich alle am Set wohlfühlen, partizipieren und die Darstellenden gerecht bezahlt werden. Sie sind sich der Verantwortung bewusst, dass Pornografie einen großen Einfluss auf das Sex-, wie auch das Alltagsleben unserer und kommender Generationen hat. Aus diesem Grund streben sie an, transparent und wertebasiert zu arbeiten.

Nach einer knappen halben Stunde ist der Film vorbei. Das Publikum klatscht respektvoll, bejubelt die Darsteller*innen, die nach einer weiteren halben Stunde Bonusmaterial auf die Bühne kommen, und stellt viele Fragen. Die Hauptdarstellerin streicht mit Nachdruck heraus, wie wichtig der Kampf für die Gleichberechtigung in unserer Zeit sei, aber dass es nichts damit zu tun habe, auf was er*sie im Schlafzimmer stehe. Natürlich sei man immer noch Feminist*in, wenn man darauf stehe, geschlagen zu werden. Das Wichtige sei, dass beide Sexualpartner*innen damit einverstanden seien.

Ein guter Anfang mit Verbesserungspotenzial

Kritik an Ragnas Film gibt es dafür, dass der Grundsatz der Body Positivity nicht umgesetzt worden sei. Im Film schlafen zwei nach der Norm attraktive Menschen miteinander. Außerdem wurde nur heterosexueller Sex gezeigt, was wiederum den Großteil des Mainstreams ausmache. Ragna Spargel entgegnet darauf, dass sie sich bewusst sei, dass nicht alle Grundideen des feministischen Pornos umgesetzt wurden.

Allerdings funktioniert das natürlich nicht in einem einzigen Film, betont sie: „Body Positivity inkludiert alle Menschen. Es geht darum, sich wohl im eigenen Körper zu fühlen. Wir konnten nur mit denjenigen arbeiten, die bereit waren, dieses Projekt mitzumachen und unsere feministischen Werte teilen.“ 2019 möchte sich Ragna mit dem ganzen Team zusammensetzen und überlegen, ob man in Zukunft weitere, möglicherweise kommerzielle Filme produzieren werde.

Ein Pilotfilm von Kira und Leon feierte im Januar in Freiburg Premiere, bevor er auf einer Streaming-Plattform veröffentlicht wurde. Die Nachfrage besteht.


Von Paul Stegemann auf sai.

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