Warum Feminismus-T-Shirts gar nicht so feministisch sind

Gerade Fast-Fashion-Kleidung mit fetzigen Sprüchen wird meist unter den schlechtesten Bedingungen von Frauen produziert. Das scheint beim Tragen oft unwichtig.

Das Statement auf dem Shirt macht einen noch lange nicht zur Feministin oder zum Feministen. Screenshot: Instagram/imlanyr

We should all be feminists – hinter diesem Aufruf steht der gleichnamige Essay der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, in welchem sie schreibt, wie sich die Gesellschaft ändern muss, um Gleichberechtigung auf allen Ebenen zu erzielen. In T-Shirts mit genau dieser Aufschrift liefen weibliche Stars wie Natalie Portman den Women’s March letzten Januar.

Doch bei allen hippen Feminist*innen-Sprüche-Shirts, die plötzlich überall zu sehen waren, beim Herzchenvergeben auf Instagram und beim Schlangestehen an der Kasse, fragte ich mich die ganze Zeit: Fällt denn niemandem diese elende Doppelmoral auf: ein Shirt mit Feminismus-Aufruf zu tragen, das in den meisten Fällen von einer Frau, im schlimmsten Fall von einem Kind in unmenschlichen Arbeitsverhältnissen produziert wird? In Bangladesch, in Rumänien, in Marokko. Dass die Näherinnen sich bei der Arbeit an diesen Shirts dachten: „Juhu, Feminismus!“, bezweifle ich.

Vom revolutionären Original zur Mainstream-Kopie

1975 wurde Alix Dobkin von ihrer Partnerin Liza Cowan in einem T-Shirt mit dem Aufdruck The future is female fotografiert. Das Shirt war für die erste Frauen-Buchhandlung in New York, Labyris books, produziert worden, dort standen vor allem Bücher zum Thema Feminismus und Homosexualität in den Regalen.

Auf das bekannte Shirt folgten gerade in den letzten Jahren viele Nachahmer und vor allem diesen Sommer waren die feministischen Schriftzüge überall zu sehen. Stop Patriarchy, Feminist AF, Girl Power und das vielleicht bekannteste aus der High Fashion: We should all be feminists. 550 Euro für ein Oberteil aus Baumwolle und Leinen ist ein Grund, es nicht zu kaufen. Der andere ist: Marken aus der Fast- und High Fashion, die nicht transparent arbeiten, stehen für vieles, am wenigsten jedoch für faire und ökologisch korrekte Produktionsbedingungen.

Aber wenn ich als globale Marke einen Aufruf dazu starte, die Feministin in mir nach außen zu kehren – und zwar alle, bitteschön! – dann sollte doch zumindest gewährleistet sein, dass dieses T-Shirt eben nicht von Frauen unter miesen Arbeitsbedingungen in einer überfüllten, stickigen Produktionshalle genäht wurde.

Feminismus hier, faire Arbeitsbedingungen nirgendwo

Die Statement-Shirts wurden heiß diskutiert. Die einen fanden wichtig, dass Feminismus nun endlich auch in der Mode einen Platz bekam, was doch irgendwie nie so richtig zusammengepasst hatte. Gerade frühe Feministinnen sprachen sich gegen modische Schnitte aus, weil sie nicht alltagstauglich waren.

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Die anderen befürchteten gerade aufgrund der omnipräsenten Schriftzüge eine Verniedlichung des wichtigen Themas der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Dabei hätten die provokanten Sprüche doch vielmehr dafür stehen müssen, was so viele in ihrer Feminismus-Bubble übersehen haben: Wenn wir uns Feminismus, oder eher Gleichberechtigung, weltweit wünschen, dann sollte das doch bei den Herstellungsbedingungen eben jener Oberteile anfangen.

Das Original-Statement von 1975 wurde auf Shirts von American Apparel gedruckt. Die Marke war damals unter dem Gründer Dov Charney ganz anders aufgestellt als heute. „Sie war vor allem für ihre fairen Löhne und guten Arbeitsbedingungen bekannt“, sagt Madeleine Alizadeh vom Blog dariadiara, die seit Kurzem das Label éthical betreibt, das transparent und in geringer Stückzahl Fair Fashion produziert.

Die wenigsten Labels produzieren nachhaltig

Allein Amazon spuckt bei dem Suchbegriff „Feminismus-Shirt“ 395 Ergebnisse aus, darunter Kleidung, die preislich bei rund 5 Euro startet und keinen Einblick in die Herkunft des Produktes bietet. Dass hier auch nur irgendetwas nachhaltig, feministisch oder fair abläuft, ist mehr als fraglich.

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Eines der wenigen Labels, die sich einer nachhaltigen Produktion verschrieben haben, ist die Kooperation der Bloggerinnen von This is Jane Wayne mit der Ladenkette Kauf dich Glücklich. Die gemeinsame Kollektion Bonjour Simone wurde einer der bekanntesten Feministinnen, Simone de Beauvoir, gewidmet, und zwar unter fairen Herstellungsbedingungen in Europa, was vor allem eine Sache zeigte: Feminismus und Fair Fashion sollten Hand in Hand gehen.

Eine politische Message macht noch keine politische Bewegung

Ein T-Shirt mit feministischer Message zu tragen, kann man machen, vor allem, wenn es nicht ausschließlich aus einem Modehype heraus gekauft wird. Aber dann sollte man auch darauf achten, dass es auf fairem Weg produziert wurde und wissen, wo man mit der Aussage überhaupt hingehen möchte.

„Ein Statement-Shirt ist immer nur so gut wie das eigene Statement im Leben“, sagt die Bloggerin Madeleine. Denn einen politischen Satz quer über der Brust zu tragen, bedeutet noch lange nicht, eine politische Bewegung in Gang zu bringen oder sich fernab des Modetrends überhaupt mit der Message und ihrer Geschichte auseinandergesetzt zu haben. Was man stattdessen tun könnte?

Ein Statement-Shirt ist immer nur so gut wie das eigene Statement im Leben

„Den Mund aufmachen, wenn Ungerechtigkeit in Sachen Gleichberechtigung passiert. Das eigene Konsumverhalten einschränken oder generell politisch aktiv werden“, schlägt Madeleine vor.

Denn wenn die Zukunft wirklich weiblich (besser: gleichberechtigt) sein soll, dann sollten Frauen, die T-Shirts mit feministischen Aufschriften kaufen, sich doch vor allem mit genau den Frauen auseinandersetzen, die diese T-Shirts produzieren.