„Warum gelten Merkmale, die 90 Prozent aller Frauen aufweisen, als Schönheitsfehler?“

Was schön ist und was nicht, das wird uns meist von Massenmedien diktiert – die Fotografin Sung-Hee Seewald räumt mit gängigen Stereotypen auf und zeigt den weiblichen Körper so, wie er ist.

Um mehr Bewusstsein für den weiblichen Körper zu schaffen, hat die Fotografin Sung-Hee Seewald das Fotoprojekt Female Diversity gestartet. Damit will sie einen realen Blick auf den weiblichen Körper ermöglichen und gegen konventionelle Klischees und Stereotype vorgehen.

Sung-Hee setzt einen Gegenpol zu dem Schönheitsideal, das durch Werbung und Medien vermittelt wird und vielen Frauen das Gefühl gibt, möglichst schlank und makellos sein zu müssen. Im Interview erzählt Sung-Hee über ihr Verständnis von Motivation, Inspiration und Diversity.

Was hat dich zu deinen Bildern inspiriert?

© Sung-Hee Seewald

Vor einigen Jahren empfand ich ein großes Ungleichgewicht in der Darstellung weiblicher Schönheit in der Fotografie und den Medien im Vergleich zur Schönheit, die ich täglich um mich herum beobachten kann, bei Freundinnen oder Frauen, denen ich begegne. Ich habe mich gefragt: Warum ist die Definition weiblicher Schönheit in den Bildern, die wir ständig sehen, so eingeschränkt? Und warum sind bestimmte Merkmale, die 90 Prozent der Frauen aufweisen, vermeintliche Schönheitsfehler? Aus diesen Fragen heraus habe ich mein fotografisches Projekt Female Diversity gestartet, in dem ich mich mit der Darstellung des weiblichen Körpers auseinandersetze.

© Sung-Hee Seewald

Meine Bilder sollen zeigen, dass Schönheit auch dort zu finden ist, wo sie oft nicht vermutet wird.“

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Bildern senden?

Wir sollten die Definition von Schönheit nicht mehr den Medien überlassen, sondern uns selbst. Schönheit ist vielseitig, das gängige Verständnis davon leider sehr begrenzt. Meine Bilder sollen zeigen, dass Schönheit auch dort zu finden ist, wo sie oft nicht vermutet wird. Jenseits des Diktats von Jugend, Schlankheit, Hautfarbe oder Körperform.

© Sung-Hee Seewald

Ich versuche jede Altersklasse, Körpergröße oder Hautfarbe zu repräsentieren.“

Wie findest du deine Models?

Viele meiner Musen stammen aus meinem Freund*innen- und Bekanntenkreis. Manche Frauen habe ich über Instagram entdeckt und angeschrieben. Ich gehe ganz nach meinem Gefühl, manche Frauen inspirieren mich sofort und dann frage ich sie einfach, ob sie Teil meines Projekts werden möchten. Ich versuche jede Altersklasse, Körpergröße oder Hautfarbe zu repräsentieren. Ein paar fehlen mir noch.

© Sung-Hee Seewald

Ich finde es schön zu sehen, wie viel Vertrauen mir die Frauen entgegenbringen.“

Viele Frauen wollen nicht, dass die Gesellschaft ihre vermeintlichen Makel sieht. Wie überzeugst du sie vom Gegenteil?

Das war zu Beginn des Projekts besonders schwierig, denn ich musste ohne vorhandenes Bildmaterial mein Konzept erklären und damit überzeugen. Zuerst habe ich viele Absagen erhalten, irgendwann konnte ich dann meine erste Protagonistin überzeugen. Für ihren Mut bin ich ihr sehr dankbar. Die anderen Frauen konnten sich dann an dem vorhandenen Bildmaterial orientieren und waren dadurch sehr positiv eingestellt. Ich finde es schön zu sehen, wie viel Vertrauen mir die Frauen entgegenbringen. Mittlerweile schreiben mich viele auch an, weil sie Teil des Projekts werden möchten.

© Sung-Hee Seewald

Ich zeige auch Dinge, die üblicherweise kaschiert oder retuschiert werden, das ist für viele noch sehr ungewohnt.“

Welche Reaktionen hast du bisher erhalten?

Ich finde es lustig, mich bei einer Ausstellung anonym neben meine Arbeiten zu stellen um den Gesprächen der Gäste zuzuhören. Da bekommt man einen sehr ehrlichen Eindruck. Ich freue mich natürlich, wenn ich mit den Bildern inspirieren kann, trotzdem bin ich für jede Meinung offen.

Frauen sprechen mir oft positiv zu und bedanken sich für meine Arbeit, manchen Männern hingegen gefallen die Bilder weniger gut. Ich zeige auch Dinge, die üblicherweise kaschiert oder retuschiert werden, das ist für viele noch sehr ungewohnt.

Hier findet ihr weitere Bilder der Fotografin.


von Alina Hoppe auf EDITION F

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