Warum glauben Leute, dass Männer kompetenter wären als Frauen?

Null Frauen im Vorstand – das ist bei der Mehrheit deutscher Unternehmen nicht nur Realität, sondern sogar erklärtes Ziel, „die richtige Besetzung“. Aber woher kommt die Annahme, dass Männer kompetenter wären als Frauen?

Männer sind kompetenter als Frauen – wer glaubt denn den Quatsch?

Männer sind kompetenter als Frauen – wer glaubt denn den Quatsch? Foto: javiindy/Photocase

Großer Wirbel um den aktuellen Bericht der AllBright-Stiftung Die Macht hinter den Kulissen. Demnach liegt der Frauenanteil in deutschen Vorständen nur bei 8,8 Prozent, laut Bericht „so wenig wie in kaum einem anderen westlichen Industrieland“. Und nicht nur das.

Firmen wie Zalando, Xing, Freenet, Rocket Internet, HelloFresh, Fielmann und Sixt haben demnach ausdrücklich das Ziel „null Frauen“ in ihre Geschäftsberichte geschrieben. Hintergrund: Laut Gesetz müssen sich börsennotierte Unternehmen „eigene Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils“ in den höchsten Führungsebenen setzen und diese Ziele in ihrem Lagebericht veröffentlichen. Das ist die sogenannte Zielgrößenverpflichtung.

Die allerdings sieht kein Minimum vor. Und so kommt es, dass in den Berichten von über 50 deutschen Börsenunternehmen Frauen = 0 steht. Diese Firmen wollen bis 2022 die rein aus Männern bestehenden Vorstandskonstellationen nicht ändern. Tja.

Die richtige Besetzung ist … männlich?

Zalando hat gerade erst Anfang dieses Jahres den Vorstand um zwei zusätzliche Männer erweitert. Dem Spiegel sagte das Unternehmen damals: „Wir sind überzeugt, die richtige Besetzung zu haben. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass unser Führungsteam größtenteils aus Männern besteht, und arbeiten daran, dies zu ändern.“ Glaubt man dem Bericht, dann aber keinesfalls vor 2022.

Die „richtige Besetzung“, die aus Männern besteht, weil … sie einfach besser sind, klüger, rationaler, umfassender ausgebildet? Woher kommt die gängige Annahme, dass Männer nun mal kompetenter als Frauen wären und lediglich deshalb befördert würden?

Mann stellt Mann ein, der einen Mann einstellt, der …

Dr. Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der AllBright-Stiftung, erklärt das so: „Leider wissen wir, dass bei den Beförderungen viel mehr Bauchgefühl im Spiel ist, als gut und gerecht wäre. Die Männer in den Entscheidungspositionen sehen Kompetenz vor allem bei Personen, die ihnen in Alter, Herkunft und Ausbildung ähnlich sind. Sie denken: ‘Der ist wie ich – was ich kann, das kann der auch.‘ Studien dokumentieren, dass Frauen tatsächlich schlechter beurteilt und seltener für Führungspositionen vorgeschlagen werden als Männer; auch, wenn sie mindestens so gute Ergebnisse abliefern.“

Es ist sozusagen das psychologisch begründete Perpetuum Mobile der eindimensionalen Postenbesetzung. Das sieht auch Sabine Stamer vom Verein ProQuote ähnlich: „Menschen bevorzugen die Zusammenarbeit mit ähnlichen Menschen. Männer fördern deshalb gerne Männer. Damit fühlen sie sich auf der unkomplizierten und sicheren Seite. Sie merken nicht, welche Chancen sie damit vergeben: Mehrere Untersuchungen haben inzwischen erwiesen, dass gemischte Führungsteams positiven Einfluss auf die Geschäfte ausüben.“

Doch es geht nicht nur um Ähnlichkeit, Vertrauen und Netzwerke. Hinter der Annahme, dass Männer kompetenter als Frauen wären, steckt noch mehr.

Das Problem sitzt in den Köpfen

Wenn oberste Führungsebenen allergrößtenteils aus Männern bestehen, ist der Hauptgrund nicht ihre überragende Kompetenz. Kritische Stimmen entgegnen darauf häufig: „Ja, aber sollen wir den nicht einstellen, obwohl er top ist – nur, weil er ein Mann ist? Das ist ungerecht!“

Doch darum geht es nicht. Sondern: Frauen kommen meist erst gar nicht in die Position, vergleichbare Kompetenz zeigen zu können – Erklärung siehe oben. Das alles ist insgesamt ein ziemlich komplexes und vielschichtiges Thema. Aber ein Grund dafür ist auch die gesellschaftliche Struktur beziehungsweise das allgemein verbreitete Rollenverständnis.

„Der männliche Chef ist in Deutschland immer noch die Norm und unser aller Bild vom Chef ist stark davon geprägt“, sagt Dr. Wiebke Ankersen. „Und die Medien zementieren das: Schon im Kinderfernsehen sind neun von zehn Personen, die die Welt erklären, Männer. Im Ergebnis haben wir an Männer und Frauen ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen: Männer erklären und entscheiden, Frauen sind hübsch und nett und kümmern sich um die Familie. Alles, was sich davon unterscheidet, irritiert. Diese unbewussten Vorurteile spielen eine zentrale Rolle.“

Unter anderem deshalb gelten Männer als kompetent und Frauen eher als emotional. Das sitzt sehr tief in sehr vielen Köpfen und wirkt sich logischerweise mehr oder weniger unbewusst auch auf Einstellungsentscheidungen aus. Und darum sehen nicht nur Männer auf der Führungsebene andere Männer als „die richtige Besetzung“.

Mehr als null Frauen

Eine Patentlösung mit Sofortwirkung gibt es nicht; im ersten Schritt wäre es aber vielleicht eine prima Idee für Börsenunternehmen, aus der Null im Feldchen Zielgrößenverpflichtung eine andere Zahl zu machen.

„Die Quote ist dazu da, kompetenten Frauen die Chance auf eine Führungsposition zu ermöglichen. Meine Güte, es gibt so viele inkompetente Männer auf Chefsesseln, die wesentlich mehr Anlass zur Aufregung bieten“, sagt auch Sabine Stamer. „Je mehr Frauen Gelegenheit haben, ihre Kompetenz auf Chefsesseln zu beweisen, desto mehr werden sie als role model dienen und althergebrachte Vorurteile aus dem Weg räumen.“

Es ist noch ein weiter Weg, Vorurteile, die Männer kompetenter als Frauen einschätzen, aus dem Weg zu räumen. Auch, wenn sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan hat. Entscheidend ist ein tiefergehendes Umdenken. „Talent und Qualifikation verteilen sich in Deutschland ja nicht nur auf männliche westdeutsche Wirtschaftswissenschaftler Mitte fünfzig – und doch setzen sich die Führungsteams fast ausschließlich aus dieser Personengruppe zusammen“, sagt Dr. Ankersen. „Es wäre ja schön, wenn man wirklich ohne Vorurteile nach Kompetenz entscheiden würde – da hätte man nämlich automatisch vielfältigere Teams.“

Denn Diversität bereichert. Sie schenkt neue Perspektiven, ein toleranteres Miteinander, kreativere Lösungen, bessere Produkte und Services und mehr Kompetenz. Nicht nur, was Geschlechter angeht. Und erst recht nicht nur im Job.