Warum Hunderte italienische Pflegekräfte in Busse der Hoffnung steigen

Hunderte verzweifelte Italiener*innen auf der Suche nach einer festen Stelle nehmen einen Bewerbungsmarathon zum Low-Budget-Preis auf sich. Denn für einen Job als Krankenpfleger*in reicht es schon lange nicht mehr, nur in der Nähe zu suchen.

Vom Norden in den Süden in den Bussen der Hoffnung. Quelle: Pexels / CC0

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit beschäftigt Italien stark – wie sich auch im Ausgang der Parlamentswahlen zeigt. Auf viele Bewerber*innen kommen wenige Stellen. Zwei junge Italiener hatten eine außergewöhnliche Idee und bieten mit Bus to go jetzt Bustouren an: quer durch das Land und die Provinzen, um Hunderte junge Pflegekräfte einzusammeln und zu Bewerbungsverfahren zu bringen – ihre letzte Hoffnung.

Monatlich starten Busse im Süden Italiens, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist, und fahren in den Norden – durch Salerno, Cava, Nocera, Neapel, Caserta oder Rom bis hoch nach Parma. Haltestellen gibt es auch in kleineren Orten, um möglichst viele arbeitslose junge Menschen an Bord zu holen. Die Italiener*innen nennen sie pathetisch Pendler*innen der Hoffnung. Die ganze Nacht sind sie unterwegs, um sich am Morgen für eine Stelle im Norden des Landes vorzustellen.

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Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien lag im November 2017 bei 32,7 Prozent. Das Land ist in dieser Hinsicht geteilt, denn den Süden trifft es besonders stark: Kalabrien hatte vor einem Jahr mit 58,7 Prozent jugendlichen Arbeitslosen die höchste Rate in ganz Europa. Selbst Studierende planen fest ein, nach dem Abschluss ins Ausland zu gehen. Trotz einer Million neuer Arbeitsplätze, die durch den Jobs Act der bisherigen Regierungspartei Partito Democratico vor einigen Jahren entstanden sind, steht die Politik unter Druck. So hat vor wenigen Tagen die Protestbewegung Movimento 5 Stelle die Wahlen gewonnen.

Rückfahrt inklusive: Die Chancen stehen schlecht

Entstanden ist die Idee für den Sammeltransport im Jahr 2015. Die Krankenpfleger Raffaele Di Sieno und Umberto Formisano aus Salerno, damals 26 und 27 Jahre alt, waren selbst auf der Suche nach einer festen Stelle: „Wir hatten die Idee, einen Bus zu mieten, um hohe Kosten für Zugfahrt und Unterkunft einzusparen“, erzählt Raffaele Di Sieno der Zeitung La Repubblica. Dank der sozialen Medien sei daraus bald etwas Größeres geworden. Seitdem haben rund 3.000 Italiener*innen den Service genutzt. Jetzt will das Unternehmen sich vergrößern und bald auch Auswahlverfahren für den Polizeidienst ansteuern.

Für je 60 Euro verkauft das Unternehmen die Tickets, mit denen junge Krankenpfleger*innen zu einem Auswahlverfahren kommen – Rückfahrt inklusive. Die Aussichten, eine Bewerbung erfolgreich abzuschließen, stehen schlecht. Oft sind es über 800 Bewerber*innen für eine Hand voll Stellen. Bei einem Termin in Parma kommen auf eine einzige Stelle sogar Tausende Bewerbungen. Vier Busse aus Neapel und Salerno hat Bus to go hier hingeschickt.

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In einem davon sitzt Nicola Marotta, seit 15 Monaten immer wieder auf Reisen. Der 29-Jährige nennt es einen Beweis für seine Ausdauer. „Ich habe nur das Nötigste dabei: Brötchen, Wasser, Kekse. Wenn wir morgens ankommen, sind wir schon müde und gestresst“, erzählt er La Repubblica. In den vergangenen Monaten habe er selbst Mütter mit kleinen Kindern in den Bussen gesehen.

Gründer Umberto Formisano erklärt den Erfolg seiner Idee: „Die Leute wollen für so einen Bewerbungstermin möglichst wenig Geld ausgeben – auch weil es so aussichtslos ist“, sagt er dem Deutschlandfunk. Er selbst hat nach 15 Versuchen endlich Erfolg gehabt und als einer von 15.000 Bewerber*innen eine feste Stelle nördlich von Pisa bekommen.