Warum ich als Frau auf ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbar*innen pfeife

Belästigungen und Grenzüberschreitungen gehören zum Nachbarschaftsalltag, sagt unsere Autorin. Sie will kein freundschaftliches, sondern eine kritisches Miteinander.

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"Behaltet eure Sprüche, Zettel und Blicke für euch. Seid euch bewusst, dass das Zuhause die intimste und angreifbarste Sphäre eines Menschen ist." Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Eines Nachts taumeln zwei Freundinnen und ich nach beschwingten Stunden in der Bar in meine Wohnung. Wir übersehen beinahe den Zettel, der in meinem Flur liegt, nicht weit von der Haustüre. Ein Fremdkörper. Jemand muss ihn durch den Türschlitz in die Wohnung geschoben haben. Für einige Augenblicke hoffe ich noch auf eine formelle Information der Hausverwaltung, die unergründlicherweise eine Nachtschicht eingelegt hat. Doch als ich den zweifach gefalteten Zettel in die Hand nehme, verfliegt meine Hoffnung, denn er strömt einen ungewohnt süßlich-scharfen Geruch aus: Parfum. Flach atmend entfalte ich das karierte Blatt, auf dem einige sorgfältig geschriebene Zeilen aus blauer Kulimine stehen: „Hallo, ich habe Sie bei uns im Haus gesehen und finde Sie attraktiv. Melden Sie sich bei mir.“ Dazu eine Handynummer.

Wären meine Freundinnen nicht zu Besuch, würde ich meine Sachen packen und ins nächste Taxi springen. Jemand hat mich beobachtet, denke ich, jemand, der weiß, wo ich wohne. Jemand hat einen Zettel geschrieben, ihn parfümiert und in meine Wohnung geschoben, ist wortwörtlich in meinen privaten Raum eingedrungen, ungefragt und mit salopp-selbstgefälliger Ansage. Ich breche in Tränen aus. Der Parfumgeruch bleibt noch tagelang in meiner Wohnung haften.

Hätte ich Lust auf unkalkulierbare, alltägliche Aufdringlichkeiten gehabt, wäre ich in eine WG gezogen.

Ich bin Anfang 20 und es ist meine erste eigene Wohnung. Seit meinem Einzug sind erst wenige Wochen vergangen. Das Gebäude, in dem meine 33 Quadratmeter untergebracht sind, ist ein typischer liebloser Nachkriegsbau. Es erinnert an einen überdimensionalen, in die Höhe geschossenen Bunker, dem man gleichsam aus Pflichtgefühl noch einige Fensterreihen eingesetzt hat. Auf fünf Stockwerken leben fast 50 Parteien, knapp zehn auf jeder Etage. Die Korridore sind dunkel und lang, mit einem grünlichen, fleckigen Fußbodenteppich ausgestattet, der irgendwann verschwindet, als das Haus renoviert wird, aber der miefige Geruch bleibt. Doch ich liebe meine Wohnung und liebe dieses Haus. Wenn das Licht im kahlen Flur manchmal flackert, kommt es mir so vor, als würde ich in einer schrillen Großstadtdystopie leben, so wie in Blade Runner. Der Hauptbahnhof ist nur wenige Gehminuten entfernt. Dennoch wirkt das Haus still und zurückgezogen.

Frieden in der Anonymität zu finden, ist ein Privileg

Hätte ich Lust auf unkalkulierbare, alltägliche Aufdringlichkeiten gehabt, wäre ich in eine WG gezogen. Doch ich habe mich für diese, für meine Wohnung entschieden, weil ich Zurückgezogenheit brauche, um mental zur Ruhe zu kommen, um zu arbeiten. Frieden in der Anonymität zu finden, ist jedoch ein Privileg. Es genießen Menschen, die als unnahbar wahrgenommen werden, deren Autonomie und Integrität respektiert werden – also meist weiße heterosexuelle cis Männer ohne Behinderung. Für andere Menschen kann es eher bedeuten, mit einem mulmigen Gefühl durch die Flure zu laufen. Ich als Frau muss etwa damit rechnen, dass hinter einer der Türen jemand leben könnte, der aus meinem Frausein schließt, ich müsste in solch einem Maße verfügbar sein, dass zwei Sätze aus unbekannter Hand reichen, damit ich – zwecks ja was eigentlich? – gleich um eine Verabredung bitte. Da spricht nichts als Frauenverachtung. Diese Menschen machen mir Angst.

Als mein Freund bei der angegebenen Nummer anruft, ist der Typ am anderen Ende der Leitung nicht so gesprächig. Ich habe nie herausgefunden, wer es war, und der Verfasser blieb ein Gespenst, das die nächsten zwei Jahre über jeder Heimkehr schwebte. Meine Mutter sagt immer, dass gute Nachbarschaftsverhältnisse manchmal wertvoller sind als gute Freund*innen. Die hat aber auch leicht reden, denn in ihrer Vorortsnachbarschaft leben hauptsächlich nette Seniorinnen, die sich im Flur über Blumen- und Balkonpflege austauschen. Sie wirken so harmlos, dass sie mit weiten Augen vor Schreck erstarren, wenn ich mal die Haustüre meiner Mutter mit einer Kreditkarte öffnen muss, weil sie die Schlüssel drin vergessen hat. Im Falle meiner Mutter bin ich dankbar für Frau Weber und Frau Bianchi, die auf sie und aufeinander achtgeben. Mir ist auch klar, dass viele Alleinerziehende oder Menschen mit Behinderung auf Unterstützung aus der Nachbarschaft angewiesen sind.

Deine Nachbar*innen können auch scheiße sein, wenn sie höflich lächeln

Alle paar Wochen verirren sich Flugblätter in meinen Briefkasten: Menschen rufen zu Kennenlerntreffen in der Nachbarschaft auf, einige Zeit wurde für ein Onlinenetzwerk namens nebenan.de geworben. Gemeinschaft! Freundschaft! Harmonie! Ich schmeiße die Dinger weg. Erstens muss nicht gleich der halbe Kiez wissen, wo ich genau wohne. Zweitens ist Hilfbereitschaft unter Nachbar*innen eine Selbstverständlichkeit, aber dazu muss ich nicht mit ihnen befreundet sein, sie angeblich näher kennenlernen oder sympathisch finden. Ganz im Gegenteil: Ich glaube an das Konzept der kritischen Nachbarschaft.

Wir leben nicht nur in einer Kultur der Übergriffigkeit, sondern auch des Wegschauens, letzteres ist für manche Menschen lebensbedrohlich. Daher begegne ich meinen Nachbar*innen mit dem größten Misstrauen.

Fast 139.000 Fälle häuslicher Gewalt wurden etwa im Jahre 2017 in Deutschland gezählt, und das sind nur die gemeldeten, die von der Polizei erfasst wurden. 82 Prozent dieser Menschen, die von ihren Partner*innen misshandelt, bedroht oder sogar getötet wurden, waren Frauen. Und wenn ich dann in den Nachrichten sehe, wie vermeintlich überraschte Nachbar*innen den Fernsehteams sagen „Ja, aber der war doch so freundlich! So hätte ich ihn niemals eingeschätzt“ will ich die Glotze am liebsten gleich durch die Wand in die benachbarte Wohnung treten. Wir leben nicht nur in einer Kultur der Übergriffigkeit, sondern auch des Wegschauens, letzteres ist für manche Menschen lebensbedrohlich. Daher begegne ich meinen Nachbar*innen mit dem größten Misstrauen, auch wenn sie nett lächeln oder fleißig Pakete für mich annehmen.

Einige Monate nach der Zettelaktion in meiner ersten Wohnung, sitze ich an einem Nachmittag am Schreibtisch und tippe an einem Text, als ich das Aufheulen einer Stimme bemerke, die ich als weiblich wahrnehme. Die Person weint und kreischt, ich öffne die Wohnungstür, laufe in Pantoffeln den Korridor entlang und stelle fest, dass die Stimme aus einer Wohnung kommt, die zwei Türen weiter liegt. Dort lebt ein Mann mittleren Alters, dem ich manchmal im Aufzug begegne, und der höflich grüßt. In den anderen Wohnungen regt sich nichts, obwohl ich mir sicher bin, dass mehr Leute an diesem Sonntag zu Hause sind. Also kehre ich zurück in meine Wohnung, krame mein Pfefferspray heraus, und klopfte an die Nachbarstür, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich höre ein Rascheln, jemand bewegt sich am Türspion, eine von mir männlich gelesene Stimme macht „Psssscht“, die weinende Stimme verstummt und niemand öffnet. Also rufe ich die Polizei.

Was genau in der Wohnung los war, habe ich nie erfahren, am Ende könnte es auch sein, dass das Geschrei einen anderen Grund hatte als etwa körperliche Gewalt. Das war mir aber schnuppe. Das mit den guten Nachbarschaftsbeziehungen wurde dann natürlich nichts mehr. Der Nachbar konnte sicherlich eins und eins zusammenzählen, als die Beamt*innen an seiner Tür klopften. Wer sollte die Polizei gerufen haben, wenn nicht ich, die Person, die er durch den Türspion gesehen hat? Ein paar mal sind er und ich noch gemeinsam Aufzug gefahren, unsere Blicke weichten sich aus, die paar Sekunden haben sich immer wie Ewigkeiten angefühlt. 

Grenzüberschreitungen gehören zum Nachbarschaftsalltag

Nein, das war alles nicht Zufall oder ein verwunschenes Haus. Diese Erfahrungen habe ich an allen Orten gemacht, an denen ich gewohnt habe. Und ich kenne lauter solcher Geschichten von anderen Menschen. Belästigungen und Grenzüberschreitungen gehören zum Nachbarschaftsalltag.

Meine darauffolgende Wohnung war in einem schönen Altbau, vielleicht zehn Hausparteien, zum Eingang gelangte man durch einen niedlichen Innenhof. Nun gab es nebenan einen Späti, vor dem sich einige Männer bei gutem Wetter nach Feierabend versammelten, um ein paar Biere zu kippen. Jedes Mal war der Gang zu dem Laden ein Spießrutenlauf, sexistische Sprüche hagelten von allen Seiten auf mich ein. Irgendwann bin ich nicht mehr dorthin gegangen. Stattdessen bin ich auf dem Heimweg monatelang Umwege gelaufen, um nicht an dem Späti vorbeizulaufen. Als ich es dann doch mal tat, bereute ich es schnell. Zwei Männer saßen davor, einer begrüßte mich mit „Na, Schnecke?“, der andere sagte: „Ich weiß, wo die wohnt. Ich komme später bei dir klingeln.“

Behaltet eure Sprüche, Zettel und Blicke für euch. Seid euch bewusst, dass das Zuhause die intimste und angreifbarste Sphäre eines Menschen ist.

Umwege laufe ich seitdem übrigens nicht mehr nur um das Haus, sondern auch im Haus. Fahre ich etwa mit einem Nachbarn im Aufzug hinauf und muss in meiner Etage aussteigen, laufe ich manchmal erst einmal in die falsche Richtung, damit er nicht erahnen kann, in welcher der Wohnungen ich lebe. Das Gefühl der Sicherheit wartet dann erst drinnen, in meiner Wohnung. Was würde mir helfen? Ein Netzwerk aus anderen kritischen Nachbar*innen, die sich gegenseitig schützen? Ja, vielleicht.

Aber in Frieden wohnen zu können, ist ein Recht, um das ich nicht kämpfen will. Meine Wohnung ist der Ort, an dem ich Kraft tanke, mein Safe Space. Ich kann nicht auch noch Energie darauf verwenden, mich in meiner Freizeit für seinen Schutz, der selbstverständlich sein sollte, einzusetzen und zu mobilisieren. Daher mein Appell an alle Nachbar*innen auf dieser Welt: Behaltet eure Sprüche, Zettel und Blicke für euch. Seid euch bewusst, dass das Zuhause die intimste und angreifbarste Sphäre eines Menschen ist. Seid hilfsbereit, einfach, weil es menschlich ist, ohne eure Hilfe aufzudrängen. Seid kritisch miteinander. Und gebt endlich einfach Ruhe.