Warum ich „Avengers: Endgame“ mag, obwohl mich Marvel-Filme nerven

Mit Avengers: Endgame schließt Marvel die epische Held*innen-Saga um Iron Man und Captain America vorerst ab. Das Actionfeuerwerk dürfte selbst Kritiker*innen der bisherigen 22 Streifen zufrieden stellen. Eine Filmkritik

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Die Avengers müssen noch einmal ran, um Thanos zu besiegen. Foto: Marvel/Disney

Achtung: Dieser Beitrag enthält moderate Spoiler zur Story von Endgame.

Es ist nicht so, als könnte ich Filmen aus dem Marvel-Kosmos überhaupt nichts abgewinnen. Mit den X-Men-Filmen von Bryan Singer bin ich quasi aufgewachsen. Ant-Man, Iron Man und Guardians of the Galaxy haben mich meist prächtig unterhalten. Logan ist eine unterschätzte Perle. Und selten habe ich so hart im Kino gelacht wie in Deadpool 2. Trotzdem bin ich bei meinen Freund*innen als der Marvel-Hasser abgespeichert. Weil ich den Großteil des Marvel Cinematic Universe, kurz MCU, und besonders seine Avengers-Sammelfilme absolut nicht leiden kann.

Der erste Avengers-Teil (2012) langweilte mich. Nach Age of Ultron (2015) war ich fast diebisch zufrieden, dass endlich einige Kritiker*innen auf den Trichter kamen, dass das Käse war. Infinity War (2018) habe ich mir schließlich nur noch wegen eines besonders militanten MCU-Fanboys in meinem Freundeskreis angesehen, und oh Boy, er bekam nicht die Bekehrungsreaktion, die er sich erhoffte.

Die CGI-Plastikschlachten sahen in meiner Fantasie als kleiner, Actionfiguren zusammenhauender Junge besser aus. Die deplatzierten Witze zündeten bei mir nicht, weil sie sich in meinen Augen eher lustig machten über das epische Unterfangen. Thanos war durchaus ein interessanter Bösewicht, interessanter aber waren Thanos Car und die Milliarde anderer Memes, die er befeuerte.

Anders ist es nun bei Avengers: Endgame. Der Held*innen-Film ist ein gelungener Abschluss des MCU, nicht nur für Überfans, sondern auch für Gelegenheitsschauer*innen wie mich. Warum hatte ich nun ausgerechnet mit dem drei Stunden langen Finale der 22 Filme umfassenden Marvel-Gelddruckmaschine meinen Spaß? Weil Endgame vieles besser macht als seine Vorgängerfilme.

Die starken Heldinnen treten hervor

Rückblick: In Avengers: Infinity War hat Bösewicht Thanos die Hälfte der Population des Universums mit einem Fingerschnips dank Infinity Stone-Handschuh zu grauem Konfetti zerfallen lassen. Black Panther, Spider-Man, Doctor Strange und und und – alle verpufft und weggeweht. Im zweiten Teil rotten sich jetzt die verbliebenen Held*innen zusammen, um – Achtung, Spoiler – in den ältesten Hut der Filmgeschichte zu greifen, mit dem beliebte Charaktere wiederbelebt werden können: Zeitreise. In Teams ziehen Iron Man (Robert Downey Jr.), Captain America (Chris Evans), Thor (Chris Hemsworth), Black Widow (Scarlett Johansson), eine weirde CGI-Hulk-Bruce-Banner-Hybridform (Mark Ruffalo) und Co dank Ant-Mans schrottiger Zeitmaschine in die Vergangenheit. Ihr Ziel – Achtung, ein weiterer Spoiler: Sie wollen an die Infinity Stones kommen, bevor es Thanos gelingt.

Dadurch ergibt sich ein gemütliches Team on a Mission-Gefühl, ein Roadmovie in die Vergangenheit. Neben einigen feinen Anspielungen auf die Comics gibt es auch nette und sogar bewegende Szenen. Etwa wenn – Achtung, noch mehr Spoiler – Tony Stark auf seinen Vater trifft oder Captain America mit seinem früheren Ich kämpft. Dass dabei einige etablierte Zeitreiseregeln über Bord geworfen werden und Logiklöcher entstehen: geschenkt. Im Gegensatz zu Infinity War wirkt Endgame dadurch sogar geerdeter. Ein entscheidender Nebenplot um Thanos‘ (Josh Brolin) Töchter Nebula (Karen Gillan) und Gamora (Zoe Saldana) lässt zudem starke Heldinnen hervortreten, sodass der Film nicht zu einer Muckiwürstchensuppe der üblichen Mackerhelden verkommt.

Die kleinen und die eine große Schlacht in Endgame wirken wesentlich aufgeräumter und übersichtlicher als das Effektgewitter im Vorgänger. Das Verhältnis aus auflockernden Witzen und dem betonten Ernst der Lage ist diesmal gut austariert und die emotionalen Momente im Finale dürften auch bei Skeptiker*innen der Filmsaga zünden. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert. Es fühlt sich wie ein rundes Ende an, und das Fehlen der weithin bekannten Post-Credit-Szene nach dem Abspann lässt hoffen, dass Endgame seinem Titel treu bleibt und dieses Ende wirklich eines bleibt.

Endgame krankt an den üblichen Filmwehwehchen

Letztlich krankt Endgame allein an den üblichen Comicheld*innenfilmwehwehchen. Zum Beispiel an beizeiten arg platten Sprüchen – diesmal vor allem befeuert durch Thor. Die eigentlich spannende Geschichte der Thanos-Familie wird zu wenig beleuchtet. Besonders das erste Drittel des Films fährt zudem wieder so viel Pathos mit dramatischen Kameraschwenks zu Orchestermusik auf, wie es ein Werbefilm der US-amerikanischen Armee nicht besser hinkriegen würde. Man muss den Zuschauer*innen wirklich nicht alle paar Minuten die Epik wie eine zehnstöckige Hochzeitstorte ins Gesicht schmeißen, liebe MCU-Macher*innen.

Meinen Freund*innen, denen ich als Marvel-Hasser bekannt bin, habe ich per WhatsApp mitgeteilt, dass ich Endgame gut fand. Sieben von zehn Punkte habe ich gegeben. Der oben erwähnte MCU-Überfan kommentierte das nicht mal. Aber auch er war nach der Mitternachtspreview zufrieden – und hofft trotz seiner Leidenschaft jetzt ebenso auf ein etwas weniger großspuriges Umsichgreifen des Marvel-Kinos.