Warum ich die Frage „Und, wie lang studierst du noch?“ nicht mehr hören kann

Ein Studium ist mehr als der Inhalt einer Studienordnung. Ein Kommentar

Eine andere mögliche Überschrift für diesen Artikel wäre gewesen: Frag mich noch einmal, wie lange ich noch studiere, und ich breche dir diverse Knochen. Foto: Johanna Wittig/Photocase.de

Liebe Oma. Lieber Executive Creative Assistant bei Zalando, der bei der letzten WG-Party vor mir in der Kloschlange stand. Liebe zuständige Kindergeldbehörde. Ihr alle fragt mich regelmäßig, wann ich denn vorhätte, mein Bachelorstudium abzuschließen. Ich sei ja schon im fortgeschrittenen Semester.

Ich möchte dies hier ein letztes Mal beantworten, um Fragende künftig immer auf diesen Artikel verweisen zu können.

Die Regelstudienzeit-Autobahn

Für ein Studium braucht man etwa so viel Kreativität wie für ein Wurstbrot. Und zwar das ohne Gürkchen drauf. Für alles gibt es Ordnungen, Pläne, Regelwerke, Formatvorlagen. Eine Hausarbeit sollte mit 1,5-Zeilenabstand und vier Zentimeter Rand geschrieben werden. Ein Bachelorstudium sollte nach dem in der Studienordnung enthaltenen Studienverlaufsplan in sechs Semestern, sprich drei Jahren, abgeschlossen sein.

Um diesen Zeitrahmen einzuhalten, müsste ich als Philosophiestudentin jedes Semester ungefähr sieben Veranstaltungen besuchen, sprich 10,5 Stunden die Woche in der Uni verbringen. Vor- und Nachbereitungszeit sind da noch nicht mit inbegriffen. Üblicherweise wird mindestens das Doppelte der reinen Präsenz-Zeit pro Veranstaltung als wöchentliche Arbeitszeit berechnet, Fachbegriff: Workload. Schon sind wir bei mindestens 21 Stunden die Woche, wobei das natürlich je nach Fachrichtung und Universität variieren kann. Zahnmediziner*innen haben beispielsweise einen studentischen Arbeitsaufwand von etwa 42,5 Stunden die Woche.

[Außerdem bei ze.tt: Fachbegriffe und Namedropping: Uniseminare können verdammt ausgrenzend sein]

Pech haben nun diejenigen, deren Eltern zu viel verdienen, als dass sie Bafög bekommen würden, aber zu wenig, als dass ihre Eltern ihnen alles finanzieren könnten. Oder diejenigen, denen die 250 Euro, die das Bafög für Miete vorsieht, nicht ausreichen – zum Beispiel weil sie nicht in Ostbrandenburg wohnen, sondern in einer Universitätsstadt, in der die Mieten für ein WG-Zimmer fast überall über diesem Betrag liegen. Laut einer Studie des Moses Mendelssohn Instituts (MMI) zahlt man für ein WG-Zimmer in Deutschland durchschnittlich 353 Euro pro Monat.

All diejenigen, die nicht mit Eltern mit fünf Ferraris und ’nem Ferienhaus in der Schweiz gesegnet sind, müssen also nebenher arbeiten. Kalkulieren wir dafür noch mal etwa 20 Stunden die Woche ein, sind wir bei einem Gesamtworkload von zwischen 41 und 62,5 Stunden die Woche, je nach Studienfach.

Kartoffeln sind lecker

So sieht das Leben also für Studierende aus, die auf der Regelstudienzeit-Autobahn mit 200 Kilometern pro Stunde in Richtung Abschluss brettern. Das kann man natürlich so machen. Viele müssen es sogar so machen, weil sie auf Bafög-Zahlungen angewiesen sind, und das Bafög-Amt kontrolliert, dass seine Schützlinge alle schön dem Studienverlaufsplan folgen. Bei wem die Vermutung aufkommt, dass er*sie das Studium nicht in Regelstudienzeit beenden können wird – Zack, Geld weg. Und dann kommt die Vor-dem-Krieg-war-alles-besser-Fraktion der deutschen Feuilletonlandschaft und jammert rum, die Studierenden von heute wären alle nur aufs Punktesammeln aus und würden nur noch wissen wollen, was klausurrelevant ist und niemand würde sich mehr politisch engagieren. Merkt ihr selbst, ne?

Bevor ich an die Uni gegangen bin, habe ich mir sie wie eine kritische Denkschule vorgestellt. Dass dort, anders als in der Schule, auf eigenverantwortliche Individuen gesetzt wird, die sich nicht nur in ihrer Fachrichtung, sondern umfassend kritisch bilden wollen, zum Wohle der Gesellschaft. Voraussetzung dafür ist ein Studiensystem, dass einem auch die Freiheit gibt, dies zu tun. Das neben dem eigentlichen Studium beispielsweise Zeit für den Foucault-Lesekreis lässt. Für das Seminar über moderne politische Theorie, das man sich nicht anrechnen lassen kann, aber trotzdem interessant ist. Für die ehrenamtliche Nachhilfe für sozial benachteiligte Kids im Kiez. Für das Engagement bei einer linken Hochschulgruppe, die Aktionen gegen hohe Mieten organisiert. Für das Indie-Magazin, das man mit Freund*innen gegründet hat.

[Außerdem bei ze.tt: Vorlesungen sind verschwendete Lebenszeit]

Dieses System haben wir nicht. Beziehungsweise, es existiert nur für diejenigen, die Eltern haben, die diese Freiheit finanzieren oder die bereit sind, am Rande bis unter dem Existenzminimum zu leben. Ich meine: Diese Freiheit ist es wert, sich die letzte Woche des Monats nur noch von Kartoffeln zu ernähren.

Ziel der Uni sollte es nicht sein, Studierende in kürzester Zeit zum Abschluss zu befördern, sondern ihnen kritisches Denken beizubringen. Und das lernt man eventuell nicht dadurch, dass man vorschriftsmäßig die Studienordnung mit X produzierten Hausarbeiten mit 1,5-Zentimeter-Zeilenabstand und Vier-Zentimeter-Rand in drei Jahren Regelstudienzeit abstudiert hat.

Liebe Oma, lieber Executive Creative Assistant, liebe Kindergeldbehörde: Ich studiere nicht im fortgeschrittenen Semester Philosophie, weil ich lieber Bierpong spiele, als Marx zu lesen. Das tue ich zwar schon irgendwie, aber darum geht’s jetzt nicht. Ich studiere im fortgeschrittenen Semester, weil ich nebenher arbeite, weil ich mich gesellschaftlich engagiere und weil ich mich für mehr Dinge interessiere, als ich es für mein Studium müsste.

Und wenn ihr mich als nächstes fragt, ob ich nach meinem Studium Taxifahrerin werden möchte, dann: WV!!“//$“B!!