Warum ich die Hoffnung in das Fernsehen noch nicht verloren habe

Am Welttag des Fernsehens soll bewusst dem TV-Programm gedacht werden. Doch dort laufen Markus Lanz, Silvies Dessous Models und Dantes Inferno. Trotzdem werde ich meinen Fernseher auch in Zukunft nicht abschaffen. Ein Kommentar

Warum ich die Hoffnung in das Fernsehen noch nicht verloren habe

Das deutsche Fernsehen: eine Mischung aus Einöde und Müll. Foto: Camille Villanueva / Unsplash | CC0

Als Kind war Fernsehen für mich ein Highlight. Ich erinnere mich noch daran, wie die Ferienbesuche bei meinen Großeltern in Leipzig abliefen. Nach dem Aufstehen stand für mich Frühstücksfernsehen auf dem Programm. Besonders die Serien Schloß-Einstein und The Tribe hatten es mir angetan. Die Schönheit des Fernsehens lag für mich in dem Mix aus Scripted-Reality und Postapokalypse. Auf MTV sahen meine unschuldigen Augen, wie der Rapper Flavor Flav ein Luxusanwesen mit jungen Frauen füllte, die sich um das Herz des Protze-Promis gegenseitig angifteten. Ich erinnere mich noch daran, wie Kandidatin „New York“ einer Kontrahentin ins Gesicht spuckte.

Auch Müll kann bilden

Aus Unterhaltungszwecken würde ich Flavor of Love heute nicht mehr anschalten. Das aber auch Müll bilden kann, weiß ich spätestens seit meinem abgeschlossenem Bachelorstudium der Medienwissenschaft. Denn wenn man davon ausgeht, dass das Medium die eigentliche Nachricht ist und das alles ein Medium ist, ergeben sich auch aus den spuckenden It-Girls gesellschaftliche Fragen: Bin ich selbst voyeuristisch? Ist es schön, anderen Menschen beim Scheitern zuzusehen? Was genau macht mich als Zuschauer*in besser als die Teilnehmer*innen?

Lagerfeuer statt Binge-Watching?

Flavor of Love war im Vergleich zu House of Cards nicht zu jeder Zeit abrufbar. Streamingdienste wie Netflix und Amazon haben es geschafft, unser Verhältnis zu Filmen und Serien zu revolutionieren. Geguckt wird jetzt schneller und mehr Content denn je zu vor. Doch den Lagerfeuereffekt, es sich zu einer bestimmten Zeit vor dem Bildschirm hochfokussiert gemütlich zu machen, können Mediatheken meiner Meinung nach auf Dauer nicht leisten.

Man sollte sich daher nicht nur fragen, was man guckt, sondern auch wann und wie viel. Was macht das Komagucken im Netz lohnenswerter als das wöchentliche Verharren vor dem Fernsehgerät? Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich mit der ganzen Familie zur Prime-Time von Anke Engelke, Stefan Raab und anderen Entertainer*innen unterhalten lassen hat.

Früher gab es doch nichts Schöneres als auf eine neue Folge zu warten – wenigstens für einen Tag. Heute lassen sich Serien und Sendungen innerhalb von ein bis zwei Tagen regelrecht verkonsumieren. Klar, man kann zur jeder Zeit an jedem Ort seinen Lieblingsheld*innen zuschauen. Mit Entschleunigung hat Binge-Watching aber wenig zutun. Mittlerweile besitzen Smart-TVs die Funktion im Zeitstrahl des Fernsehprogramms zurückzuspringen. Mein Tipp: Ignoriert sie! Versucht den Fernseher zur Abwechslung wieder als lineares Medium begreifen – man schaltet das Gerät an, lässt sich eine Geschichte erzählen und schaltet wieder ab.

Die Stimme von Markus Lanz kann beruhigen

In den deutschen Talkshows von Lanz, Maischberger und Co. sitzen Woche für Woche die selben Gesichter. Von Diversität oder Meinungspluralität fehlt hier oft die Spur. Es gibt ein paar Politiker*innen, die ihre Parteipolitik auf Teufel komm raus verteidigen, ein Mensch, der Kunst macht und etwas Frische reinbringen soll und ein Extremsportler-Paar, das eine ganz verrückte Reise zu einem Vulkan gemacht hat. Insgesamt sind es mehr Männer als Frauen, mehr Weiße als People of Color und wenige junge Menschen mit Visionen.

Wenn man sich das also alles nicht mehr angucken kann, dann ist der Fernseher manchmal auch ein gutes Mittel der Hintergrundbeschallung. So reicht es mir aus zu wissen, dass es neben dem Ton auch ein Bild gibt, das ich im Notfall anstarren könnte. Wenn gerade mal kein Hörspiel zur Hand ist, dann einfach mal Markus Lanz während dem Schreiben einer Hausarbeit quasseln oder zum Einschlafen Klavier spielen lassen. Das ist wie Fahrstuhlmusik – ganz nett und tut niemandem weh.

Die Simpsons gibt es nach wie vor

Ein Blick in die TV-Zeitschrift hat mir außerdem verraten, dass nicht alles im Fernsehen Trash oder langweilig ist. Den chaotischen Geschichten von Bart und Lisa Simpson kann ich weiterhin von 18:10 bis 19:05 Uhr folgen. Der Tatortreiniger läuft zudem ab dem 18. Dezember endlich wieder an. Außerdem freue ich mich auf die Comedy-Serie The Corporate, die im Januar ihre Premiere auf Comedy Central feiern wirdEin kurzer Blick in die erste Folge von Sylvies Dessous Models sollte heute Abend zudem offenbaren, ob es noch pietätsloser als Germanys Next Top Model, Bauer sucht Frau oder Flavor of Love geht. Die Chance, dass ich rüber auf Arte zur Doku Dantes Inferno schalten werde, scheint nicht gering.