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Warum ich erst spät einschritt, als eine Frau sexuell belästigt wurde

Auf einer Busfahrt in Laos habe ich lange nicht eingegriffen, als eine Frau belästigt wurde. Ich schäme mich dafür, habe aber auch etwas daraus gelernt. Eine Selbstanklage

"Warum habe ich erst so spät eingegriffen?" Stocksnap I CC0-Lizenz

Seit knapp zwei Wochen bin ich in Laos unterwegs, aber auch hier hat mich die Debatte um #metoo erreicht. Nicht durch irgendwelche Artikel im Netz, sondern ganz konkret und hautnah – auf einer Busreise. Wir waren schon 13 Stunden unterwegs, der ursprünglich volle Bus hatte sich bereits deutlich geleert, wir waren nur noch etwa zehn Leute: eine Frau, der Rest Männer. Dann fing der Ticketverkäufer an, diese eine Frau sexuell zu belästigen und ich habe erst mal nicht mehr gemacht als zugesehen. Warum?

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Am Anfang war ich vor allem unsicher, ob es wirklich sexuelle Belästigung ist. Die Frau und der Ticketmensch hatten sich vorher unterhalten – auf Laotisch. Deshalb verstand ich kein Wort, hielt es aber für möglich, dass sie sich dann vielleicht sogar kennen. Außerdem war das Licht im Bus aus, ich habe kaum etwas gesehen, was zu meiner Unsicherheit noch beitrug.

Und doch meinte ich mitzubekommen, wie der Frau das Gespräch immer unangenehmer wurde. Als sie nicht mehr antwortete, sondern nur noch zurückwich, während der Ticket-Typ ihr immer näherkam, hätte für mich eigentlich alles klar sein müssen. Aber ich war wie erstarrt und immer noch unsicher. Vielleicht waren ja beide doch voll in Ordnung damit? Jetzt, wo ich das schreibe, kommt mir der Gedanke völlig absurd vor. Aber erst als sich der Ticketverkäufer langsam auf ihren Sitz setzte und sie deshalb immer weiter auf den Sitz neben sich zurückwich – auf dem allerdings ihre Sachen lagen, weshalb sie letztendlich stand, das Gesicht von ihm weg gewandt – war mir klar: Da stimmt definitiv was nicht. Und: Ich muss irgendwas tun.

Ich saß da wie versteinert

Also habe ich mich fast direkt neben den Ticket-Typen gesetzt, nur der schmale Mittelgang trennte uns. Ich dachte: Wenn er mitbekommt, dass ihn jemand bei seinen Handlungen beobachtet, ist es ihm vielleicht unangenehm. Doch Fehlanzeige, er machte weiter. Dann tippte ich ihn an und tat so, als wollte ich eine Auskunft von ihm, denn der Bus hatte hoffnungslos Verspätung. „When will we arrive?“, fragte ich ihn. Aber auch das war nicht von Erfolg gekrönt: Er machte nur eine abwertende Geste, sagte: „No, no!“, und blieb weiter auf dem Sitz, auf dem eigentlich die junge Frau saß.

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Und ich? Saß da wie versteinert und fühlte mich absolut machtlos. Wenn er auf sozialen Druck nicht reagiert, worauf reagiert er dann überhaupt, fragte ich mich. Muss ich erst eine Szene machen? Aber er gehört zum Busteam, er könnte mich jederzeit einfach aus dem Bus werfen. Um kurz nach Mitternacht, mitten im Nirgendwo, in einem Land, in dem ich mich nicht auskenne, die lokale Sprache nicht spreche, in der nur ab und an mal ein Licht die Straße erhellt. Aber vor allem: Er könnte auch die Frau rauswerfen wegen etwas, für das ich verantwortlich bin.

Ich verachtete die anderen Männer – und war selbst doch nicht besser

Vielleicht war es die Aufregung, aber es brauchte ein paar Minuten, bis mir klar wurde: Wenn sie weiter sexuell belästigt wird, ist das für sie wahrscheinlich schlimmer, als aus dem Bus geworfen zu werden. Trotzdem saß ich weiter da und fühlte mich ziemlich hilflos. Aber wie hilflos muss sich die Frau erst fühlen, dachte ich dann sofort. Denn auch keiner der anderen Männer im Bus, die übrigens alle die Landessprache beherrschten, zeigte auch nur einen Hauch von Interesse, obwohl einer auf dem Platz direkt vor der Frau saß, und auch er sich einige Minuten vorher noch mit ihr unterhalten hatte. Ich verachtete diese Männer für ihr Nichtstun, aber machte selbst auch nichts. Immerhin passe ich auf, dass der Typ die Frau nicht auch noch begrapscht, so rechtfertigte ich mein Nichtstun vor mir selbst, und wenn er sie begrapscht, dann schreite ich garantiert ein. Ganz bestimmt. Jetzt denke ich: Warum eigentlich erst dann?

Wenn er sie begrapscht, dann schreite ich garantiert ein.“

Immer wieder schaute ich, so gut es in der Dunkelheit ging, auf die Hände des Ticketverkäufers. Doch der Typ saß tatsächlich einfach nur auf dem Sitz der Frau und schlief, zum Glück. Trotzdem wusste ich irgendwie, dass das, was ich da mache, eigentlich nicht reicht. Nicht im Geringsten. Ich müsste jetzt etwas unternehmen. Ich versuchte Blickkontakt zur Frau aufzubauen, wollte ihr bedeuten, dass sie mit zu mir kommen kann, sich wegsetzen soll. Es war vergeblich, sie schaute nicht in meine Richtung. Also blieb ich weiter sitzen bis auf einmal das Licht wieder anging.

Nur ein Wort: No!

Der Bus hielt an, weil Sachen eingeladen werden sollten. Der Fahrer rief dafür seinen übergriffigen Kollegen zu Hilfe und dieser stand vom Sitz der Frau auf, als sei nichts gewesen. Ich war so glücklich. Kurz. Denn als wir weiterfuhren, ging das Licht erneut aus und auch der Ticket-Typ kam wieder zurück. Er quatschte die Frau wieder dumm von der Seite an. Dieser war es wieder unangenehm. Und wieder drängte er sich immer näher an sie heran. Jetzt reicht’s, dachte ich. Ich fasste den Typen am Arm, und sagte zu ihm in eindringlichem Ton nur ein Wort: „No!“ Denn obwohl er kein Englisch verstand oder vielleicht auch nur so tat: Das gleiche Wort hatte er zu mir gesagt, als ich ihn das erste Mal von der Frau abbringen wollte. Er schien also auf jeden Fall zu wissen, was No bedeutet.

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Und tatsächlich: Er war irritiert. Kurz. Dann wollte er weitermachen. Aber ich sagte wieder, laut und deutlich: „No!“ Jetzt zweimal. Und dann deutete ich auf den Sitz vor mir, wo der Typ gesessen hatte, bevor er anfing, die Frau zu belästigen. „Here!“, sagte ich und erst später fiel mir auf, dass er das vielleicht gar nicht verstehen konnte, aber ich war so aufgeregt, dass ich darüber gar nicht nachdachte. „Here“, sagte ich noch mal, meinen Finger weiter auf den Sitz gerichtet. Und zu meinem großen Erstaunen, aber vor allem zu meiner großen Erleichterung, ließ er von der Frau ab. Zwar meckerte er etwas auf Laotisch, aber doch setzte er sich schließlich auf den Sitz, auf den ich gedeutet hatte. Lange, vielleicht noch nie zuvor, ist mir nicht mehr so ein großer Stein vom Herzen gefallen.

Für die Frau muss sich mein Zögern angefühlt haben wie eine Ewigkeit

Trotzdem musste ich noch den ganzen Rest der Busfahrt, es waren immerhin noch drei Stunden, über den Vorfall nachdenken. Weil ich mich so über mich selber geärgert habe. Und auch über mich erschrocken war: Warum habe ich erst so spät eingegriffen? Ausgerechnet ich, der sich selbst als Feminist bezeichnet. Der in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gelesen hat, wie alltäglich die Belästigungen sind, und wie schlimm. Und der sich selbst dann immer gefragt hat, wie so etwas passieren kann, wenn so viele dabei waren, so viele davon wussten.

Warum habe ich erst so spät eingegriffen?“

Aber auch ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich eingegriffen habe. Für die Frau muss es sich angefühlt haben wie eine Ewigkeit. Rückblickend hätte ich viel früher helfen können, helfen müssen. Aber ich habe es zunächst nicht getan, denn ich hatte Angst. Angst, dass die Frau oder ich oder wir beide am Ende aus dem Bus geworfen werden. Dass diese Angst einigermaßen dumm war, ist mir in der Aufregung erst nach und nach klar geworden. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, war es eine andere Angst, die mich noch viel länger hat zögern lassen: die Angst, den Ticketverkäufer zu Unrecht in aller Öffentlichkeit der sexuellen Belästigung zu verdächtigen.

Lieber einmal zu oft etwas sagen als einmal zu wenig

Ich weiß: Meine Angst hier in den Vordergrund zu stellen, ist ziemlich lächerlich. Wie viel Angst muss diese Frau gehabt haben, allein in einem Bus voller Männer, in dem niemand etwas dagegen unternimmt, wenn einer von ihnen übergriffig wird. Aber auch aus einem anderen Grund ist meine Angst unbegründet: Es wäre sicher nicht schön gewesen, jemand zu Unrecht in der Öffentlichkeit der sexuellen Belästigung zu verdächtigen, vor allem nicht für den, der zu Unrecht verdächtigt wird. Aber wie viel schlimmer ist es für eine Frau, wenn niemand eingreift, während sie sexuell belästigt wird? Und wie leicht ist es im Vergleich dazu, klarzumachen, dass eine Verdächtigung falsch ist und niemand sexuell belästigt wird, sondern alles mit Einverständnis der Frau geschieht?

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Natürlich ist mein Erlebnis nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar. Ich war der einzige Mensch im Bus, der nicht aus Laos war, sondern aus einem im Vergleich extrem wohlhabenden und mächtigen Land. Ich vermute, das hat eine Rolle dabei gespielt, wie schnell der Täter von der Frau abgelassen hat. Vielleicht wäre die gleiche Situation in Deutschland oder einem anderen Land ganz anders ausgegangen, vielleicht hätte ich ordentlich aufs Maul bekommen. Trotzdem habe ich für mich vor allem eines gelernt: Wenn ich in Laos, Deutschland oder wo auch immer auf der Welt wieder in eine Situation komme, in der ich glaube, dass ein Mann gerade etwas mit einer Frau macht, das sie nicht will, melde ich mich lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zu Wort.

Am allerliebsten wäre mir gewesen, mit der Frau selbst zu sprechen, schon während des Übergriffs, aber vor allem danach. Aber sie sprach kein Wort Englisch und ich kein Wort Laotisch. Als wir nach der Fahrt um halb vier morgens am Busbahnhof standen, zehn Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, habe ich noch versucht, mit ihr zu reden. Aber auch mit Händen und Füßen verstanden wir uns nicht. Als ich ins Tuk Tuk stieg und sie in den nächsten Bus, trennten sich unsere Wege. So bleibt mir nur die Hoffnung, dass wenn sie das nächste Mal sexuell belästigt wird, jemand schneller und mutiger ist, als ich es in dieser Nacht war.

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