Warum „Ich hab einen Freund“ keine gute Abfuhr ist

Zu sagen, man sei in einer Beziehung, ist oft der einfachste Weg, um eine Anmache abzuwimmeln. Was sagt das über den Stand der Gleichberechtigung aus? Nichts Gutes.

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Sie hat keinen Bock. Foto: Brooke Cagle / Unsplash | CC0

Neulich schlenderte ich an einer Bar vorbei, vor mir lief eine Männergruppe. Einer von ihnen setzte dazu an, eine Frau anzubaggern, die draußen an den Tischen saß. Ihr wurde es schnell sichtlich unangenehm. Sie verzog das Gesicht, blieb aber still. Ihr für alle sichtbarer Widerwille beeindruckte den Mann herzlich wenig. Er kam ihr immer näher und legte ihr, während er eindringlich weiter auf sie einredete, eine Hand auf die Schulter.

Ihr Begleiter wollte nun offensichtlich helfen. Doch statt einfach zu sagen „Hör auf damit“, sagte er: „Mach sie nicht so blöd an, sie hat einen Freund.“ Der Baggernde stutzte, nahm seine Hand von ihrer Schulter und entschuldigte sich. Aber nicht bei der Frau, die schon sehr deutlich gezeigt hatte, dass sie keine Lust auf die Anmache hatte und sie trotzdem ertragen hatte, sondern bei dem Typen, der ihn gemaßregelt hat. Was sie will oder nicht, spielte nicht die geringste Rolle, man klärte es „unter sich“. Nicht verfügbar, stand jetzt an dem Objekt, das vorher offensichtlich noch als Mitnehmware in der Ladentheke gewähnt wurde.

Ein Nein reicht oft nicht

Es ist für viele wahrscheinlich keine überraschende Szene – zumindest für jemanden mit einer weiblichen Biografie. Ich und meine Freundinnen haben als junge Frauen jedenfalls schnell herausgefunden, dass Männer, die in Bars, auf der Straße, in Clubs oder in der Bibliothek nicht von einem ablassen, obwohl man Nein sagt und keine Lust auf ein Gespräch oder ein Date hat, am effektivsten mit dem Satz „Ich habe einen Freund“ abgewimmelt werden. Erst einmal waren wir vor allem froh über diese Wirkung, wir hatten schließlich eine Art Zauberformel gefunden, um aus unangenehmen oder auch potenziell bedrohlichen Situationen recht einfach herauszukommen. Es fühlte sich fast selbstermächtigend an – und so gaben wir den Satz so selbstverständlich untereinander weiter wie unsere Tipps gegen Pickel.

Es ist am Ende nicht mehr als die Kapitulation davor, dass der Wille einer Frau im Patriarchat schnell nichts wert ist.

Aber mit den Jahren wurde mir diese merkwürdige Zauberformel schon bitter im Mund, bevor ich sie überhaupt ausgesprochen hatte. Denn was war das denn für ein Trick, mit dem man Situationen scheinbar gut und sicher auflösen konnte? Ein vermeintlicher Trick, den, wie die Szene eingangs zeigte, durchaus auch Männer kennen – und das wahrscheinlich vor allem, weil er in ihrem Denksystem vollkommen Sinn ergibt. Es ist am Ende nicht mehr als die Kapitulation davor, dass der Wille einer Frau im Patriarchat schnell nichts wert ist, wenn daraus etwas anderes entsteht als freundliche Zustimmung. Und damit arbeitet man dann – jede Partei für sich. Die einen verteidigen die Anspruchshaltung, mit der sie aufgewachsen sind und die für sie so selbstverständlich ist wie das Amen in der Kirche. Und die anderen verteidigen sich selbst oder einfach nur ihre kostbare Zeit. Es ist wirksam, aber auch ein sinnloses Unterfangen, wenn man nicht weiter zementieren will, was sich eigentlich ändern muss.

Aber was jetzt? Den Satz am besten ad acta legen?

Was bleibt, wenn der eigene Wille nicht zählt?

Viel wichtiger ist erstmal die Frage: Was macht es mit Menschen, wenn ihnen Zweifel daran kommen, wie viel das zählt, was sie wollen – und viel mehr noch: Was sie nicht wollen? Eine gleichberechtigte Welt, oder auch nur eine Welt, die für alle ein sicherer Ort ist, kann nicht entstehen, wenn junge Frauen mit der Erfahrung aufwachsen, dass sie als ein Objekt gesehen werden, das grundsätzlich erstmal zur Verfügung steht. Ein Objekt, das einem männlichen Subjekt zugeordnet werden muss, damit andere den Anspruch darauf verlieren. Und nicht etwa, weil sie selbst das Subjekt sind, das echte Entscheidungskraft hat.

So zu tun, als wären das individuelle Erfahrungen, die man damit lösen kann, dass man Sätze wie diesen einfach nicht mehr sagt und sich anders behauptet, verschleiert, dass wir es hier mit einem strukturellen Problem zu tun haben. Das bringt uns – selbst wenn es manchmal so wirken mag – als Gesellschaft keinen Zentimeter weiter. Was uns weiterbringt, sind weder Handlungsempfehlungen an Einzelne noch solidarische Lippenbekenntnisse, wenn man von diesen Situationen hört.

Vor dem noch immer langen Weg, den wir in eine wirklich gleichberechtigte Welt vor uns haben, steht zu Beginn erstmal der Wille einer echten Auseinandersetzung von uns allen damit, dass und warum die Lebensrealität von Frauen im Privaten und Beruflichen in vielen Teilen noch immer eine vollkommen andere ist als die von Männern. Aber so lange selbst diese schlichte Wahrheit in Frage gestellt wird, tut sich gar nichts.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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