Warum ich Hochzeiten mag – obwohl ich nicht glaube, dass Ehen halten

Auch, wenn unsere Autorin nicht daran glaubt, dass Eheglück ewig währt, feiert sie gern mit auf Hochzeiten. Widersprüchlich? Nein! Ein Plädoyer für Hoffnung und Liebe

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Hochzeiten können auch Spaß machen. Foto: Sweet Ice Cream Photography / Unsplash | CC0

Der ganze zeltartige Saal ist von Innen mit strahlend weißen Stoffbahnen ausgekleidet, in der Mitte der runden Tische prangen künstliche Kirschbäume unter opulent funkelnden Leuchtern. Wir, die Hochzeitsgäste, stehen um die Tanzfläche herum, auf der Braut und Bräutigam grad ihren ersten gemeinsamen Tanz als Ehepaar vollführen – Mr. and Mrs. Cameron – und für ein paare Augenblicke lang scheinen sie uns zu vergessen.

Ich war auf einigen Hochzeiten und ich mag sie jedesmal. Ich mag die Schwüre, Tänze, Zeremonien. Ich mag, dass sich alle extra viel Mühe geben mit ihren Outfits, wagenradgroße Hüte aufsetzen oder Blumen ans Revers stecken. Ich mag das Essen, die Musik, die Blumen und Ballons. Das Herzchenkonfetti und die albernen Spiele.

Die meisten der Ehen haben leider nicht gehalten, meine eigene eingeschlossen, was im Nachhinein sehr okay ist. Unsere Hochzeit, die war aber super. Ich erinnere mich immer mit einem Lächeln an das Fest voller Liebe. Es war meine Traumhochzeit, trotz allem.

Hochzeiten feiern ist schön

Mr. and Mrs. Cameron tanzen aneinander geschmiegt, aufrichtig glücklich und ineinander versunken und es sind genau diese Momente, in denen Liebe noch magisch schimmert.

Niemand denkt an hauchdünne Nervenkostüme in den Tagen vor der Hochzeit, niemand denkt an Krisen und Konflikte, an löchrige Socken und nicht gemähten Rasen, an verstummende Gespräche und Einsamkeit zu zweit, an außereheliches Begehren und all das.

Nein, in diesem Moment sind sich die Herzen aller Anwesenden einig und aufrichtig erfüllt von der Hoffnung, dass ausgerechnet diesen beiden gelingen könnte, womit so viele andere gescheitert sind: Die glückliche Ehe – bis dass der Tod euch scheidet.

Wie lange ist für immer? Etwa 15 Jahre

Scheiden, das tut heutzutage nicht mehr der Tod, sondern meist der*die Scheidungsrichter*in. Laut OECD nimmt die Scheidungsrate weltweit insgesamt zu. In Deutschland wurden laut Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2017 exakt 153.500 Ehen richterlich geschieden. Allerdings ist die Zahl der Scheidungen im Vergleich zum Vorjahr um gute fünf Prozent gesunken.

Das durchschnittliche „Für immer“ dauert demnach bei den meisten Ehen übrigens etwa 15 Jahre. Warum dann überhaupt noch jemand Hochzeit feiert? Gute Frage. Immerhin gibt es auch andere Lebensmodelle, die prima funktionieren; klassische Monogamie ist nicht die einzige Option und passt auch längst nicht zu allen Menschen gleich gut.

Dennoch haben in Deutschland allein 2017 über 400.000 Paare geheiratet, nicht selten feiern sie ein rauschendes Fest mit allen Menschen, die ihnen wichtig sind.

Liebe reicht nicht, aber ohne geht’s auch nicht

Die Bedeutung und der Zweck der Ehe haben sich im Laufe der Zeit ziemlich verändert; zum Beispiel war das Fundament früher ein anderes, eher wirtschaftlich. Die hochromantischen Erwartungen, die wir heute an eine Ehe haben, die gibt es in dieser Form noch gar nicht so lange.

Deshalb ist das mit der Ehe heute so kompliziert. Das, was uns in erster Linie zusammenhalten soll, ist die Liebe. Und wie alle Gefühle ist sie zwar sehr mächtig, aber auch ebenso wandelbar, flüchtig und unzuverlässig. Wenn sie sich eines Tages davongeschlichen und das Paar nicht gut aufgepasst hat, dann fehlt plötzlich die Basis. Stattdessen sitzen da dann die berühmten „unüberbrückbaren Differenzen“ mit auf der Couch.

Das heißt nicht, dass es früher besser war. Mitnichten. Immerhin galt bei Scheidungen in Deutschland bis 1976 das Schuldprinzip, Geschiedene wurden nicht selten stigmatisiert, vor allem Frauen waren vermehrt von Existenznot betroffen. Und nur, weil man eine Ehe schwerer auflösen kann, ist sie ja nicht automatisch glücklicher.

Aber es heißt sehr wohl, dass das mit der langen und glücklichen Ehe heute schwieriger ist. Es braucht idealerweise mehr, als nur romantisch leidenschaftliche Gefühle. Was das ist oder sein kann, das muss jedes Paar für sich herausfinden und entscheiden. Und dann daran arbeiten und es nicht aus den Augen verlieren.

Doch eins ist ebenso klar: Ohne Liebe ist das alles Nichts.

Ans Glück glauben

Mr. Cameron schaut Mrs. Cameron tief in die Augen. Sie strahlt mit den Lichterketten um die Wette, alles ist in lilafarbenes Licht getaucht. Um das Ehepaar herum glücksleuchtende Gesichter. Und das ist der Grund, weshalb ich Hochzeiten so mag.

Autorin Jessica Wagener feiert gern Hochzeiten
Autorin Jessica Wagener feiert gern Hochzeiten, auch mit lila Licht. | Foto: © J. Wagener

Einfach mal mutwillig ans Glück glauben und dem eingefahrenen Alltags-Zynismus keck ein Herzchenkonfetti ins Auge schnipsen. Einen Abend lang Momente erleben, in denen alle Gäste etwas in ihren Herzen bewegen. In denen die Anwesenden davon überzeugt sind, dass alles gut werden kann und dass dieses „Für immer“ länger dauern möge als 15 Jahre. Auch, wenn das rein rechnerisch und rational betrachtet wahrscheinlich eher nicht zutrifft. Doch der Versuch zählt, er ist es wert. Immer wieder.

Denn was wäre die Welt ohne Hoffnung?