Warum ich Horoskope liebe, obwohl ich ein rationaler Mensch bin

An Horoskope glauben nur naive und leichtgläubige Menschen? Unsere Autorin ist eigentlich genau das Gegenteil und liest trotzdem gerne Vorhersagen zu ihrem Leben. 

Warum ich Horoskope liebe, obwohl ich ein rationaler Mensch bin

Die Zukunft liegt in den Sternen? Nein. Dennoch können Horoskope nützlich sein. Foto: Olivier Fahrni / Unsplash | CC0

Horoskope lesen nur leichtgläubige Menschen, die auch Heilkristalle mit sich rumtragen und ständig mit ihrer Wahrsagerin telefonieren. So ungefähr klingt es, wenn über Personen gesprochen wird, die lesen, was ihrem Sternzeichen so bevorsteht. Doch ich bin keine abergläubische Person und auch nicht naiv. Trotzdem lese ich gerne Horoskope. Ich verschlinge die Informationen regelrecht. Schließlich geht es um ein wichtiges Thema: mich selbst.

Das Horoskop öffnet einem die Augen

„Das Sternzeichen Jungfrau ist sehr anspruchsvoll und ist eine kritische Beobachterin ihrer Umwelt. Sie wäre wesentlich beliebter, wenn sie mit ihren fehlerhaften Kollegen etwas gnädiger wäre. Auch mit sich selbst geht sie hart in Kritik“, heißt es etwa zu meinem Sternzeichen.

Wenn ich so einen Text lese, dann ist mein erster Gedanke: Wow, das stimmt so sehr! Mein zweiter, rationalerer Gedanke ist: Es ist so allgemein, natürlich stimmt es. Wer ist denn nicht zu kritisch mit sich selbst?

[Außerdem auf ze.tt: Warum uns Glückskekse glücklich machen]

Dieser kurze Textausschnitt ist ein gutes Beispiel für einen Horoskop-Text: Man hört Schmeichelhaftes, allerdings werden auch Schwächen und Fehler thematisiert. Und obwohl es Eigenschaften sind, die auf nahezu alle zutreffen könnten, fühlt man sich beim Lesen immer wieder ertappt und verstanden. Denn Horoskope sind vor allem deshalb so faszinierend, weil sie einen zur Selbstreflexion zwingen.

Sie machen das auch sehr geschickt. Zuerst nennen sie Persönlichkeitseigenschaften, die man selbst vielleicht schon mal bemerkt hat. Doch man kann nicht alles über sich wissen und das Horoskop erwähnt Dinge, die einem noch nie oder nicht so deutlich aufgefallen sind. Natürlich sind es Sachen, die bewusst so allgemein gehalten sind, dass sie auf viele Menschen zutreffen. Trotzdem öffnen mir die Aussagen ein Stück weit die Augen für Facetten der eigenen Persönlichkeit, derer ich mir noch nicht so bewusst war.

Horoskope schaffen Bewusstsein für die eigene Persönlichkeit

Für mich sind es nicht die schmeichelhaften Seiten meiner Persönlichkeit, an die ich dann auch im Alltag oft denke. Es sind eher die weniger schönen Eigenschaften. Ich versuche bewusster zu handeln. Damit meine ich keine krasse Verhaltensänderung, nur weil mein Horoskop gesagt hat, ich sei etwa ein sturer Mensch. Es ist eher ein langwieriger Prozess.

[Außerdem auf ze.tt: Was suchen junge Leute auf einer Esoterikmesse?]

Diskutiere ich etwa mit Freund*innen und merke, dass das Gespräch nicht konstruktiv ist, fällt mir ein, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass ich keinen Millimeter von meiner Meinung abweiche. Dann versuche ich mich zu beherrschen. Das Horoskop hilft mir so, mein Verhalten mehr zu beobachten, zu beurteilen, aber auch zu ändern.

Ich lese das Horoskop nicht wegen Voraussagen zu meiner Zukunft. Stattdessen nutze ich es, um über mein Verhalten anderen gegenüber zu reflektieren. So wird aus meiner narzisstischen Lektüre von allgemeinen Persönlichkeitsbeschreibungen doch etwas, was auch anderen etwas bringt.