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Warum ich Kevin Spaceys Filme weiterhin mag

Darf ich Frank Underwood nicht mehr mögen, weil ich Kevin Spacey nicht mehr mag? Ich finde nicht. Ein Kommentar

Kunstfigur Underwood / Screenshot: Netflix/Youtube

Seit Wochen dominieren sie die Schlagzeilen. Harvey Weinstein, Kevin Spacey, Louis C.K. und weitere. Es sind weltbekannte Stars, sie alle wurden bereits für ihre Werke ausgezeichnet. Zurecht, finde ich. Ich bin selbst großer Fan von diesen dreien. Ich habe mit C.K. Tränen gelacht, bei Lust nach einem Sonntagabendfilm regelmäßig Weinsteins Filmografie durchgeschaut und wenn mich jemand nach meinem Lieblingsschauspieler gefragt hat, nannte ich oft Spacey. Das Problem: Sie dominieren gerade nicht aufgrund ihres künstlerischen Schaffens die Schlagzeilen, sondern weil sie Menschen sexuell belästigt, genötigt oder vergewaltigt haben sollen.

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Seitdem diese Meldungen an die Öffentlichkeit gelangt sind, bin ich zwiegespalten. Natürlich sind die Taten dieser Männer zu einhundert Prozent verwerflich. Sexuelle Anbahnungen, egal ob von Promis oder Nicht-Promis, sind ohne der Zustimmung der anderen Person nie entschuldbar.

Der Zwiespalt machte sich nun vergangenen Sonntag auf, als ich mir eine alte Folge House of Cards ansah. Die Folge war gut, wie fast immer. Doch als am Ende der Abspann über den Bildschirm meines Laptops rollte, biss mir mein Gewissen in meine moralischen Überzeugungen. Durfte ich die Folge und Spaceys Inszenierung überhaupt noch gut finden? Darf ich die Leistung eines Mannes, der einen damals Minderjährigen unsittlich berührt hat, noch wertschätzen? Ich hatte keine Antwort. Ich war innerlich zerrissen. Erst als mir wenig später ein Freund mitteilte, dass er sich aufgrund der Anschuldigungen die Polit-Serie wohl nicht wieder ansehen würde, hatte ich plötzlich eine Meinung.

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Ich konnte seine Zweifel nachvollziehen, schließlich hatte ich dieselben. Ich wollte aber auch, dass er sich die Staffel ansieht, schließlich wird sie aufgrund der neuen Informationen nicht schlechter. Also beschloss ich zu versuchen, so schwer es auch sein mag, die Kunst von den Künstlern zu trennen. Wer gut in seinem Beruf ist, ist nicht automatisch auch ein guter Mensch. Große Künstler*innen haben aufgrund ihrer großen öffentlichen Präsenz sogar die Möglichkeit, ein bisschen schlechter oder besser als andere zu sein. Im Falle von Spacey und Co. war es ersteres.

Das Produkt ist der Film

Links: Getty Images Europe, rechts: Netflix/Youtube

Die Schauspielerei ist ein Beruf wie jeder andere auch. Mit dem Unterschied, dass man mit seinem Produkt, je nach Erfolg, in der breiten Öffentlichkeit steht. Das Produkt ist der Film, die Serie, das Drehbuch, das Stand-up-Programm. Das Produkt ist der darin porträtierte Charakter, durch Make-up und Kostüme von der realen Person entfernt. Erst Spacey erweckt die Produkte Frank Underwood, Lester Burnham und Roger „Verbal“ Kint zum Leben, erst C.K. bringt uns durch seine eigene Art der Vortragsweise die Produkte in Shameless, Chewed Up und Hilarious zum Lachen, erst Weinstein bringt uns die Produkte Gangs of New York und Shakespeare in Love auf die Leinwände. Die dort erbrachten Leistungen stehen unabhängig zu den Dingen, die jemand außerhalb dieser Rolle tut.

Was in den Privatleben unserer Lieblingsstars vorgeht, wissen wir im allergrößten Teil der Fälle auch nicht. Trotzdem konsumieren wir ihre Produkte, empfehlen sie unseren Freund*innen, freuen uns auf das nächste. Wollen wir nun die Vergangenheit aller Stars offenlegen und deren Produkte bei gegebenen Anlass verbannen? Die Welt der Kunst würde wohl sehr schrumpfen. Wir lieben nicht reale Kunstfiguren, sind in der Vorstellung gefangen, diese Figuren aufgrund ihrer Werke auch persönlich zu kennen. Und wir vergessen, dass Kunst- und Privatfigur zwei unterschiedliche Wesen sind.

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Ähnlich geht es mir mit Spacey und Co. Sie alle können im wahren Leben riesige Arschlöcher sein, sind sie offensichtlich auch. Ich habe weder Sympathie noch Verständnis dafür, dass sie ihre Machtposition dazu missbraucht haben, andere zu missbrauchen. Leider muss ich aber auch sagen, dass House of Cards, American Beauty, Das Leben des David Gale immer noch gute Produkte sind. Und das liegt neben dem Filmstab zu großen Teilen an Spaceys schauspielerischer Leistung.

Die Gesellschaft sollte nicht richten

Leute machen Fehler, Leute begehen Verbrechen, auch Personen des öffentlichen Lebens. In einem Rechtsstaat ist das Justizsystem dafür verantwortlich, diese Verbrechen aufzuklären und zu sanktionieren. Darauf haben vor allem die Opfer ein Recht. Die Tatsache, dass es sich bei Spacey und Co. um Personen des öffentlichen Lebens handelt, verleitet uns, die Zivilgesellschaft, dazu, die Rolle der Richter*innen einzunehmen. Denn wir sind enttäuscht und wütend, dass unsere Idealvorstellungen von Künstler*innen nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Die Karrieren der drei Stars sind bereits heute praktisch ruiniert. Spacey wurde aus seinem neuesten Film Alles Geld der Welt, der Ende 2017 ins Kino kommen sollte, rausgeschnitten. Seine Stellen werden nun mit neuer Besetzung nachgedreht. House of Cards wurde vorübergehend, vielleicht für immer, abgesetzt. C.K.s neues Comedy-Special auf Netflix sowie die anstehende Veröffentlichung seines Filmes I Love You, Daddy wurden abgesagt. Ich hatte mich auf diese Werke gefreut.

Nicht falsch verstehen. Ich finde es gut, dass die zuständigen Behörden in allen drei Fällen ermitteln. Ich finde es gut und notwendig, dass die #meToo-Debatte aufgeflammt ist. Ich möchte das Geschehene nicht verharmlosen. Alle Menschen, die sich falsch verhalten, müssen sich den rechtlichen Konsequenzen ergeben. Im Falle von Künstler*innen sollte das aber nicht den Wert der bereits geschaffenen Kunst schmälern. Über die Konsequenzen sollten zudem nicht wir, sondern das Justizsystem entscheiden. Ihnen pauschal das Recht zu nehmen weiterzuarbeiten, liegt nämlich nicht in unserer Befugnis. Dass das trotzdem passiert, bringt der Umstand des Berufes mit sich. Schauspieler*innen stehen und fallen mit der Meinung der Öffentlichkeit.

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Ich verstehe, dass es schwer ist, Kunst und Künstler*innen auseinanderzuhalten. Vom moralischen Standpunkt her verstehe ich auch diejenigen, die in Zukunft keine Produkte von den angesprochenen Künstler*innen konsumieren werden. Genauso wie all die Regisseur*innen und Produzent*innen, die sie nicht mehr engagieren werden. Trotzdem halte ich eine endgültige Bestrafung durch die Gesellschaft im Sinne einer ewigen Stigmatisierung nicht für richtig. Sollten Spacey und Co. verurteilt werden, womöglich eine Haftstrafe aussitzen müssen, ist das gerecht so. Die Frage lautet doch im Endeffekt: Wäre deren Schuld damit getilgt oder steht es uns als Gesellschaft zu, sie auf alle Ewigkeiten berufsunfähig zu machen? Ich für meinen Teil werde nicht aufhören, Spaceys Filme anzuschauen. Auch wenn sein Gesicht, egal in welchem Charakter es steckt, wohl einen schalen Beigeschmack hinterlässt.

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