Too gay to be straight: Warum ich meine Bisexualität nicht ständig beweisen will

Viele bisexuelle Menschen haben das Gefühl, ständig Beweise liefern oder sich permanent outen zu müssen. Das sollte sich ändern. Ein Kommentar

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Dass sich Bisexuelle sowohl in Männer als auch in Frauen verlieben können, scheint einige andere stark zu irritieren. Foto: Sabina Ciesielska / Unsplash | CC0

Ich bin eine Cis-Frau und befinde mich seit knapp vier Jahren in einer Beziehung mit einem Cis-Mann. So weit, so hübsch der gesellschaftlichen Norm entsprechend. Meine Beziehung und auch ich selbst werden ganz bedenkenlos in die Hetero-Schublade einsortiert. Was zunächst gar nicht mal schlimm erscheinen mag, denn mit dieser Schublade einhergehende Privilegien ersparen immerhin blöde Sprüche, Ausgrenzung und sogar Gewalt. Das Ding ist bloß, dass ich gar nicht in diese Schublade passe – weil ich, um Himmels willen, absolut nicht heterosexuell bin.

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„Das Ding ist, dass ich in keine Schublade passe.“ Foto: © Svenja Gräfen

Ich bin bisexuell und habe damit permanent das Gefühl, einen wichtigen Teil meiner Identität zu verstecken oder nicht preisgeben zu können – und auch gar kein Recht dazu zu haben. Denn immerhin ist meine momentane Beziehung ziemlich real.

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Dieser ganze struggle ist allerdings ebenso real – und er wird freundlich präsentiert vom klassischen Bi-Problem, nirgendwo reinzupassen. In queeren Räumen sind Bisexuelle zu hetero, für den heteronormativen Traum sind sie zu queer. Und während all das, meist fröhlich ausgehend vom Geschlecht der (Ex-)Partner*innen, beurteilt wird, bleibt die tatsächliche sexuelle Orientierung unsichtbar.

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Ich wusste lange Zeit überhaupt nicht, dass Bisexualität existiert. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem Dorf mit 800 Einwohner*innen und zu einer Zeit, in der maximal 30 Minuten Internet pro Tag erlaubt waren. So etwas wie eine queere Community gab es nicht. Das höchste der Gefühle war die leise Ahnung, dass irgendwo da draußen wohl Menschen lebten, die nicht hetero-, sondern homosexuell waren. Was nach hinter-dem-Mond klingt, ist bloß Rheinland-Pfalz – und der Grund dafür, dass ich keinen Schimmer hatte, was mit diesen seltsamen Gefühlen anzufangen war, die ich weiblich gelesenen Personen gegenüber hatte.

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„So etwas wie eine queere Community gab es nicht.“ Svenja über ihre Kindheit in Rheinland-Pfalz. Foto: © Svenja Gräfen

Entschuldigung, wo geht’s denn hier raus aus der Heteronormativität?

Da waren ein, zwei ältere Mädchen an meiner Schule, die ich supercool fand, als ich ungefähr 13 war. Wenn ich mit ihnen sprach, wurde ich sofort nervös – und dachte, dass das wohl am Altersunterschied liegen musste oder daran, dass ich sie bewunderte. Als meine Freundinnen die ersten Hetero-Liebschaften eingingen und mir auch die Lektüre gängiger Mädchenzeitschriften mitteilte, dass es höchste Zeit für einen Boyfriend sei, beschloss ich, mich schnellstmöglich in irgendeinen Jungen zu verlieben. Weil man das halt so macht als Mädchen.

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Und siehe da, kurze Zeit später war ich tatsächlich ernsthaft verknallt und in einer Beziehung – mit einem Typen. Ich war erleichtert. Denn, ei der Daus, was hatte dieses skandalöse Video von t.A.T.u. für eine Empörung ausgelöst! Übertroffen nur von den Gerüchten über zwei angebliche Lesben in meiner Stufe – das Wort „Lesbe“ natürlich abwertend gemeint. Verinnerlichte Vorurteile machten es möglich: Auch ich hatte da ganz kritisch die Augenbrauen hochgezogen und gewusst, dass ich „so eine“ ja offensichtlich nicht war. Es blieb aber ein mulmiges Gefühl und, wann immer ich zwischendurch eine Frau anschmachtete, redete ich mir ein, sie bestimmt bloß um ihre feschen Jeans zu beneiden, statt ihren Hintern darin heiß zu finden.

Eine gute Mischung aus mehr Internet (praise it!), meinem Umzug in eine Großstadt, neuen Freund*innen und praktischer Erfahrung ließ den Groschen dann irgendwann fallen. Ich outete mich zwar nicht offiziell vor allen Menschen in meinem Leben, aber immerhin war mir selbst inzwischen klar: Ich stehe auf Männer und auf Frauen, und das ist weder eine Phase, noch Aufmerksamkeitsgeheische.

Warum bi?

An meiner allgemeinen Verunsicherung änderte das aber zunächst nicht viel. Denn jetzt wusste ich zwar von der Existenz queerer Communitys, fühlte mich aber trotzdem fehl am Platz. Ich schämte mich, von andersgeschlechtlichen Schwärmereien zu erzählen, während gleichgeschlechtliches Begehren oft nicht ernstgenommen oder als Experiment abgestempelt wurde.

Und je mehr ich mich mit Feminismus und Intersektionalität beschäftigte, desto mehr zweifelte ich auch am Begriff: Die Vorsilbe bi steht für lateinisch zwei, und ich wollte mit eventueller Auskunft über meine Sexualität nun wirklich nicht die Mär vom binären Geschlechtersystem reproduzieren, oder irgendwen ausgrenzen.

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Glücklicherweise stieß ich auf Definitionen wie die von Robyn Ochs, nach der Bisexualität bedeutet, sich sexuell und/oder romantisch zu Menschen mehr als eines Geschlechts hingezogen fühlen zu können, oder die in diesem Glossar, in dem auch nicht-binäre Personen erwähnt werden. Der Unterschied zu Pansexualität besteht für mich vor allem darin, dass ausdrücklich von einer Anziehung für mehr als ein Geschlecht die Rede ist, statt dass überhaupt keine Vorauswahl nach Geschlecht(sidentität) getroffen wird.

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„Glücklicherweise stieß ich auf die Definition von Robyn Ochs.“ Foto: © Svenja Gräfen

Respect the B!

Definitionen hin oder her, an Sichtbarkeit mangelt es. Das zeigten mir auch die Reaktionen auf meine Instagram-Story: Viele Bisexuelle haben das Gefühl, ständig Beweise liefern oder sich permanent outen zu müssen, besonders dann, wenn sie in einer Langzeitbeziehung stecken oder bisher bloß Erfahrungen mit Menschen eines Geschlechts gemacht haben. Dabei macht nichts davon weniger bisexuell. Selbst zu heiraten sorgt nicht dafür, dass Bisexualität plötzlich verschwindet. Heteros wird doch in der Regel auch nicht ihre Sexualität abgesprochen, wenn sie eine Zeit lang mit niemandem knutschen.

Wie auch immer ich begehre, oder mich identifiziere, – die Deutungshoheit darüber liegt allein bei mir und ich muss nichts davon beweisen. Was wir allerdings alle müssen: Weiterhin daran arbeiten, viel zu tief eingebrannte Cis- und Heteronormativität aus unseren Köpfen zu bekommen. Und das B in LGBTTQIA angemessen zu respektieren. Das steht da ja nicht ohne Grund.