Warum ich meine persönlichen Krisen nicht mehr mit anderen teile

Probleme mit Freund*innen zu besprechen, kann gut tun – es kann allerdings auch unglücklich machen. Unsere Autorin ist mittlerweile lieber alleine glücklich.

"Glück empfinden wir dann, wenn wir die Ruhe haben, es zu bemerken." Foto: Ben White / Unsplash


Ich laufe durch die bunten Straßen der Valencia Street, höre Musik und bin so glücklich, dass ich am liebsten tanzen möchte. Ein Gefühl, das ich so alleine lange nicht fühlen konnte: das vollkommene Glück. Und das in einer fremden Stadt, in der ich kaum jemanden kenne.

Bis zu diesem Gefühl war es eine lange Reise. Jahrelang habe ich meine Gedanken und Probleme immer bis ins Detail mit Freund*innen und Bekannten durchgekaut. Gerne auch immer wieder aufs Neue. Rausgekommen ist dabei mal mehr, mal weniger. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir jemand anderes helfen muss, meine kleinen und großen Probleme zu lösen, um glücklich zu sein. Inzwischen weiß ich, dass das so nicht klappt.

Manche Probleme scheinen sogar größer zu werden, wenn ich sie teile. Zum Beispiel, wenn mich meine Freundin immer wieder an eine kleine Krise erinnert, auch wenn das Ganze aus meiner Sicht schon längst gelöst wurde. Wenn ich eine Abfuhr von einem Typen bekomme, in den ich verknallt bin, tut das schon ziemlich weh, aber ich werde darüber hinwegkommen. Wenn ich das Ganze dann mit Freund*innen bespreche, werden sie mich in einer ähnlichen Situation wahrscheinlich fragen, ob sich das jetzt ganz schlimm für mich anfühlt, weil ich das ja schon kenne. Dadurch wird das Problem größer, als es eigentlich ist.

Gedanken beobachten

Auch die Wissenschaft bestätigt meine Theorie. Psychologin und Therapeutin Sandra Jankowski meint, dass wir nicht immer all unsere Gedanken und Probleme mit anderen besprechen sollten, denn manche Gedanken und Probleme kommen und gehen, wenn wir sie intensiver beobachten. Und genau das tue ich aktuell, ich beobachte meine Gedanken ganz genau und ordne sie selbst ein.

Seit ein paar Monaten mache ich den Großteil meiner Gedanken mit mir selber aus und versuche, Lösungen für meine Probleme und Krisen zu finden – und es klappt. Ich habe herausgefunden, wie ich mit dem Thema Verlust in meinem Leben umgehen kann. Es fühlt sich verdammt gut an, wenn ich nun in einer ähnlichen Situation weiß, was mir in einem solchen Moment gut tut und was nicht. Solche Erfolge geben mir außerdem das Gefühl, mit mir selbst im Reinen zu sein.

Laut Sandra Jankowski wächst unser Selbstbewusstsein, wenn wir etwas allein gelöst haben – und das ist natürlich ein tolles Gefühl. Allerdings sagt Sandra Jankowski auch, dass es auf keinen Fall heißt, dass alle Menschen ihre Probleme gleich gut mit sich selbst ausmachen können. Grundsätzlich benötigt es eine optimistische Grundeinstellung, um Krisen und schlechte Phasen besser zu überstehen. Menschen mit eher pessimistischer Einstellung können hier größere Schwierigkeiten haben.

Jankowski rät außerdem, dass wir Gedanken, die sehr negativ sind oder über längere Zeit anhalten, immer jemandem anvertrauen sollten. Auch ich, als positiver Mensch, bespreche meine negativen Gedanken weiterhin mit anderen, wenn sie über lange Zeit anhalten und das ist definitiv wichtig. Das Ganze ist auch kein abgeschlossener Prozess. Ich arbeite weiterhin daran, herauszufinden, welche Gedanken ich mit anderen teilen sollte und welche nicht.

Richtige Glücksmomente

Ich dachte immer, ich brauche unglaublich viel, um einen richtigen Glücksmoment zu erleben. In letzter Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich am glücklichsten bin, wenn ich alleine im Park lese, Bus fahre und Musik höre oder einfach aus dem Fenster schaue und mir darüber bewusst werde, wie gut es mir geht. Ich bin inzwischen gerne mit mir und meinen Gedanken alleine.

Glück empfinden wir dann, wenn wir die Ruhe haben, es zu bemerken.

Isabell Prophet

Auf den ersten Blick fühlt es sich verdammt merkwürdig an, so glücklich zu sein und das nur für mich. Aber das Ganze scheint gar nicht so absurd zu sein, denn laut Glücksexpertin Isabell Prophet spüren wir unser Glück nur dann, wenn wir empfänglich dafür sind. „Unseren Alltag beherrschen sehr viele, sehr laute Eindrücke. Glück empfinden wir dann, wenn wir die Ruhe haben, es zu bemerken“, sagt sie.

Auch Sandra Jankowski bestätigt das und meint, dass alleine eher ein intensiver Kontakt zu unseren Gefühlen entsteht und wir dadurch auch Glück intensiver spüren können. Und genau das passiert bei mir: Ich habe gelernt, mein Glück zu bemerken.

Glücksgefühle genießen kann man sich laut Isabell Prophet antrainieren. In einem Moment des Glücks kommt gerne ein Aber um die Ecke, warum wir gerade vielleicht nicht glücklich sein können. Diese Abers sollten wir direkt weiterschicken, nach dem Motto: Geh und belästige jemand anderen. Außerdem sei es wichtig, Glück als etwas Flüchtiges zu akzeptieren, denn dann haben wir mehr vom Glücksmoment.

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