Warum ihr auch in langen Beziehungen miteinander knutschen solltet

Bei länger liierten Paaren schleicht sich oft Gemütlichkeit ein, wo zuvor Leidenschaft war. Doch es gibt gute Gründe, weiter rumzuknutschen.

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Küssen tut gut. Foto: George Coltrain / / Unsplash I CC0

Wo zu Beginn der Liebe das Herz zu rasen anfing, schlägt es nach Jahren in der Nähe des geliebten Menschen langsamer; wo am Anfang abertausend Küsse auf tausend Küsse folgten, kehrt in einer festen Beziehung irgendwann Ruhe ein. Und das ist auch normal und schön.

Trotzdem kann es der Liebe guttun, ab und zu eine kleine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen und sich mal wieder hingebungsvoll zu küssen und ausgiebig und bewusst zärtlich zu berühren. So wie am Anfang. Denn in Beziehungen knutschen – das ist nicht nur gut fürs Sexleben, sondern auch für Stabilität, Nähe und Zufriedenheit. Man könnte auch sagen: für’s Glück.

Küssen ist sexy – aber nicht nur das

Eine Studie der Brigham Young University zeigt, welche entscheidende Rolle das Küssen unter allen Zärtlichkeiten zwischen Partner*innen spielt. Dafür haben die Forscher*innen über 1.000 Teilnehmende, die seit mindestens zwei Jahren in einer festen Beziehung waren, befragt.

Dabei kam heraus: Diejenigen, die sich öfter küssen, sind zufriedener mit ihrem Sexleben und erlebten beim Sex auch häufiger Orgasmen. Und sie waren insgesamt glücklicher in der jeweiligen Partner*innenschaft. Knutschende sind also klar im Vorteil.

Darum ist in Beziehungen Knutschen so gut

Wie wichtig in Beziehungen Knutschen fürs Sexleben sein kann, das weiß auch die Berliner Paartherapeutin und Beziehungsexpertin Anna Holfeld: „Küssen steht für Leidenschaft, Begehren, Erotik – oft verbunden mit dem Vorspiel zu Sex. Wenn lange Beziehungen noch Sex haben, dann gehört Küssen auch dazu.“ Und mangelnder Sex ist nun mal ein wesentlicher Grund für Unzufriedenheit bei lang liierten Paaren.

Doch nicht nur Erotik kommt auf, wenn Paare sich die Zeit nehmen, regelmäßig zu knutschen. „Küssen dient auch dem Bindungsgefühl, man fühlt sich nah, intim, verbunden – zu der freundschaftlichen Verbindung in einer langen Beziehung kann das Küssen die Komponente Intimität hinzufügen“, sagt Anna Holfeld.

Körperliche Nähe kann sogar dazu führen, dass die Gehirne sich synchronisieren. Das haben unlängst Wissenschaftler*innen der finnischen University of Turku in einem Experiment mithilfe einer Magnetresonanz-Tomographie von zehn knuddelnden Paaren gezeigt.

Eine Beziehung ist nicht allein dadurch gut, dass Küssen stattfindet.

Anna Holfeld, Paartherapeuthin

In Beziehungen zu knutschen, tut also auf mehreren Ebenen gut und ist schlicht ein Indikator für den Zustand der langen Partner*innenschaft. Es ist so etwas wie ein regelmäßiger Check. Und zwar beidseitig.

Während leidenschaftliche Küsse ganz zu Beginn der Beziehung noch der Beurteilung des*der neuen Partner*in dienen, wandelt sich das im Laufe der Zeit. „Das hat man als Paar, das schon lange in einer Beziehung ist, ja hinter sich“, sagt Anna Holfeld. „Es kann dennoch dazu dienen, sich die Partnerwahl immer mal wieder zu bestätigen.“ Nach dem Motto: Mag ich den Menschen, den ich hier küsse, noch? Alles okay von meiner Seite?

Außerdem beweist küssen dem*der anderen deutlicher als alle Worte, dass man ihn*sie attraktiv und anziehend findet – immer noch. „Es lohnt sich, sich das auch in einer langen Beziehung immer mal wieder zu zeigen“, meint Anna Holfeld. Denn auch das stärkt die Bindung.

Knutschen geht nicht nur in Kneipen

Aber was, wenn in einer langen Partner*innenschaft irgendwann gar nicht mehr geküsst wird? Das kann darauf hindeuten, dass man eher neben- als miteinander lebt. „Sie kann sich zu einer eher kumpelhaften oder geschwisterlichen Beziehung entwickelt haben, die wenig leidenschaftlich ist“, sagt Anna Holfeld.

Doch Moment. Das ist nicht automatisch ein Grund zur Panik. Denn wie alles in Sachen Liebe ist auch das mit dem Küssen sehr individuell und von Paar zu Paar verschieden.

Nach einer langen Pause das Knutschen wieder aufleben zu lassen – dafür braucht es Mut. Das gilt für Sex ebenso.

Anna Holfeld, Paartherapeutin

„Beziehungen können einen ganz unterschiedlichen Charakter haben“, erklärt Paartherapeutin Holfeld, „sie können intensiv, leidenschaftlich, erotisch sein oder eher partnerschaftlich, unterstützend, begleitend oder fürsorglich, helfend. Eine Beziehung ist nicht allein dadurch gut, dass Küssen stattfindet.“

Fangt wieder an zu knutschen – zur Not per Verabredung

Wenn jedoch eine*r der Beteiligten auf Dauer etwas Wesentliches vermisst oder sich die Knutschfrequenz ganz plötzlich reduziert, kann das auf ein echtes Problem hindeuten. Dann ist es Zeit, offen miteinander zu reden. Und ja, auch zu küssen.

„Zunächst darüber sprechen, damit die andere Person sich nicht so überrumpelt fühlt und dann einfach machen“, rät Anna Holfeld.

Paare können auch langsam und behutsam wieder mit dem Knutschen anfangen. „Wenn man sich zur Begrüßung und zur Verabredung bisher nur den sogenannten Stempelkuss gibt, dann ist es ein Anfang, ihn auszudehnen – erst auf drei Sekunden, später auf fünf bis zehn.“

Ein weiterer Tipp der Paartherapeutin für Beziehungen, in denen es länger keine körperliche Intimität gegeben hat – weder Sex noch Küsse – und in denen sie fehlt: „In beiden Fällen lohnt sich eine Verabredung. Also zum Beispiel heute Abend, 20 Uhr, knutschen oder nackt im Bett treffen. Nach einer langen Pause das Knutschen wieder aufleben zu lassen – dafür braucht es Mut. Das gilt für Sex ebenso.“

Küssen erzeugt Leidenschaft, Nähe, Stabilität. Es dient der gegenseitigen Rückversicherung. Außerdem macht es Spaß und Herzklopfen. Und deshalb ist es wichtig, dass Menschen auch in Beziehungen knutschen. Das gehört nämlich nicht nur in Clubs und Kneipen, sondern auch auf die Couch. Also, Augen zu und los!