Warum in Spanien jedes Jahr Tausende Jagdhunde im Namen der Tradition sterben müssen

Erst sollen sie jagen, dann werden sie entsorgt. Über die grausame Tradition der spanischen Galgos und einen deutschen Fotografen, der sie retten will.

Es ist ein jährliches Ereignis, eine Hetzjagd, bei der Hundeführer*innen (Galgueros) ihre schnellsten Hunde gegeneinander antreten lassen. Im offenen Gelände werden sie, bis zu 70 Stundenkilometer schnell, auf einen Hasen losgelassen. Daneben meist eine Kolonne aus Autos und Quads. Sie rast über die Felder Spaniens und verfolgt die Jagd mit. Unterdessen jubeln die Zuschauer*innen, schließen Wetten ab, die Besitzer*innen des schnellsten Hundes werden prämiert und erhalten ein Preisgeld.

Für die Jagd werden meistens Galgos Español, sogenannte Spanische Windhunde, eingesetzt. Sie gelten als sehr sensible, aggressionsfreie Tiere. Sie erkennen menschliche Gefühlsregungen, reagieren mit Zuneigung und können es nicht ertragen, angeschrien oder dominiert zu werden. Umso schlimmer, dass ausgerechnet Galgos Opfer einer jahrhundertealten Tradition werden. Spanien ist heute das einzige Land der Europäischen Union, in dem die Jagd mit ihnen noch erlaubt ist. Einst aus existenziellen Gründen zur Nahrungsbeschaffung betrieben, ist die Jagd, bei der kein einziger Schuss fällt, heute noch Hobby von Jäger*innen. Oder ein über kleine Rennvereine organisierter Sport, ein verwirtschaftlichter Wettbewerb. Diese sogenannten Geländeläufe, die carreras de galgos en campo, sind allerdings kein gewöhnliches Hunderennen, sondern vielmehr ein Wettbewerb, der mit Misshandlung, Qualen und – ähnlich dem Stierkampf – mit rituellen Tötungen verbunden ist.

Der Deckmantel der Tradition

Das gesamte Ereignis ist von teils grausamen Traditionen begleitet, über die etwa Tierschutzorganisationen wie SOS Galgo berichten. Es fängt beim Training an. Nicht selten werden die Hunde, manchmal einzeln, manchmal im Rudel, hinter ein Mofa oder Auto gebunden und so mit hoher Geschwindigkeit auf Ausdauer trainiert. Auf Hunde, die stolpern oder hinfallen, wird keine Rücksicht genommen. Sie werden mitgeschleift.

Ist die Jagdsaison Ende Februar zu Ende und die Wetteinsätze ausgezahlt, wird aussortiert. Bringt ein Hund keine Preisgelder mehr ein, muss er weg. Ist er zu langsam oder von der Jagd verletzt, muss er weg. Läuft er zu schnell, ist die Jagd vorzeitig vorbei und sind die Zuschauer*innen nicht lange genug unterhalten, muss er weg.

Beim sogenannten Klavierspielen wird der Hund so an einen Baum gefesselt, dass er sich langsam selbst erdrosselt.

Im besten Fall geben die Besitzer*innen die Hunde in einer der zahlreichen, aber überfüllten Auffangstationen ab, den sogenannten Refugien, wo sich Tierschützer*innen um eine Vermittlung bemühen. Meistens jedoch wartet der Tod auf sie. Der geschieht dabei so unwürdig, dass er keine bessere Bezeichnung als Entsorgung verdient. Die Galgos werden ausgesetzt, verbrannt, ertränkt oder mit Säure übergossen. Ihre Besitzer*innen brechen ihnen die Beine und werfen sie in Brunnen oder ketten sie in Höhlen an. Manche sterben durch Giftspritzen in Tötungsstationen für Hunde. In diesen sogenannten Perreras abgegebene Hunde überleben in der Regel nicht länger als 20 Tage.

Eine traditionsreiche und die vielleicht grausamste Tötungsmethode ist das sogenannte Klavierspielen. Dabei wird der Hund mit einem Strick um den Hals an einen Baum gefesselt, auf einer Höhe, bei der er gerade noch mit den Hinterpfoten den Boden berührt. Um sich nicht selbst zu strangulieren, muss der Hund auf den Hinterbeinen tänzeln. So lange, bis er seine Kraft verliert und sich selbst erwürgt. Es ist ein bitterer Kampf, verbunden mit Panik, Angst und Schmerzen.

„Der Galgo ist die am meisten misshandelte Hunderasse in Spanien“, sagt Martina Szyszka, Sprecherin von SOS Galgo. Dabei würden nur die wenigsten Misshandlungsfälle aufgeklärt. Tierschutzorganisationen schätzen, dass jedes Jahr etwa 50.000 Galgos getötet werden. Das alles geschieht, obwohl in Spanien Tierschutzgesetze existieren, nach denen die Misshandlung und die nicht gerechtfertigte Tötung von Tieren untersagt ist. Galgueros umgehen diese Strafen, indem sie ihren Hunden vor der Entsorgung den Identifikationschip herausschneiden. Da somit keine Rückschlüsse mehr möglich sind, müssen die Kadaver auch nicht entsorgt werden.

Züchter*innen kümmern sich unterdessen um Nachschub für die nächste Jagd, um beim nächsten Wettbewerb noch besser abzuschneiden. Das Leben der Galgos hängt von ihrer Geschwindigkeit ab. Sind sie schnell genug, dürfen sie vier bis fünf Jahre leben, danach werden sie für ihre Besitzer*innen nutzlos.

Fotos zur Rettung von Galgos

Auf diese Situation möchte Marcus Gier aufmerksam machen. Der 44 Jahre alte Fotograf besitzt selbst seit zwei Jahren einen Spanischen Galgo. Loki ist sein Name, für ihn war im spanischen Cordobar eine Giftspritze vorgesehen. Gier adoptierte ihn rechtzeitig. Loki war es auch, der Gier zum Recherchieren und Nachdenken anregte. Als er von der spanischen Jagdtradition erfuhr, konnte er anfangs nicht glauben, dass so etwas in einem EU-Land passiert. „Bis dahin war mir die Situation und die Bedingungen in Spanien nicht bewusst“, sagt er. So sind in Spaniens Bürgerlichem Gesetzbuch Tiere bisher immer noch als Sachen definiert. Im deutschen BGB ist hingegen eine Gleichstellung von Tieren mit Sachen ausdrücklich verneint. Die Tiere sind zusätzlich durch gesonderte Tierschutzgesetze geschützt.

Die Situation ist Tierschutzorganisationen in ganz Europa längst bekannt. Sie protestieren regelmäßig gegen die Misshandlung von Galgos in Spanien. Verschiedene Petitionen fordern, die Jagd mit ihnen zu verbieten. Kleinere Aktionen wie der Kölner Galgomarsch, bei dem jedes Jahr Ende Januar mehr als 1.000 Galgos plus Loki durch die Kölner Innenstadt spazieren, sollen auf die Problematik aufmerksam machen. Auch Gier tauschte sich mit Tierschutzorganisationen aus. Und er beschloss, sein nächstes Fotoprojekt den Galgos zu widmen.

Galgos sind Lebewesen, die ein Recht auf eine artgerechte Haltung haben. Die es lieben, bei ihren Menschen zu wohnen, geliebt, gewärmt und gekrault zu werden.

Marcus Gier

Tatsächlich werden jährlich Tausende Galgos von Hilfsvereinen und Tierfreund*innen in andere Länder gesandt, um ihr Schicksal in Spanien zu umgehen. Doch so wichtig die Rettung und Adoption der Hunde ist, so wenig behebt es das eigentliche Problem: Galgueros züchten jedes Jahr Tausende Hunde nach. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, doch Schätzungen des Galgorettung Fränkisches Seenland e.V. zufolge besitzen etwa 190.000 Galgueros zwei Millionen Galgos. Marcus Giers Intention ist es daher, nachhaltig etwas zu verändern. „Ich möchte die Einstellung der Verantwortlichen oder involvierten Personen verändern“, sagt er. „Wenn ich mit meinen Bilder zeigen kann, wie cool es ist, einen Galgo auch zu Hause zu haben, dass er Charakter hat und nicht nur auf seine jagdspezifischen Fähigkeiten reduziert wird, dann habe ich ein Kleinwenig erreicht.“

Gier möchte den Hunden ein neues Image geben. Weg vom Hetzhund, hin zum liebenswürdigen Haustier. Er zeigt nicht, wie grausam mit Galgos umgegangen wird, sondern stellt ihre warmen Seiten in den Vordergrund seiner Fotos. Sie sollen vermitteln, wie viel Spaß ein Galgo machen und haben kann. Um das hinzukriegen, verwöhnt er sie mit ausreichend Animation, Streicheleinheiten, Leckerli und Spielzeug. Erlöse seines Projekts spendet er verschiedenen Tierschutzorganisationen in Spanien und Deutschland. „Ich möchte eine Stimme und Lobby für die sein, die nichts sagen. Für die, die nur ertragen.“