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Warum der Kult um Lars Eidinger ein Problem ist

Lars Eidinger ist eine Kultfigur. Doch seine Aldi-Taschen-Kampagne ist nur eine von vielen problematischen Aktionen des Schauspielers in den vergangenen Jahren. Ein Kommentar

Schauspieler Lars Eidinger während einer Pressekonferenz in Cannes. Foto: © Getty Images

Lasst uns über Lars Eidinger sprechen. Ihr wisst schon: Dieser Schauspieler, der für seine Rolle als Hamlet an der Berliner Schaubühne berühmt wurde, auf Anregen von Gregor Gysi auf einem Bravo-Poster landete und in den ganzen Deichkind-Videos mitspielte. Der, der nebenbei auch noch DJ ist und auf Instagram immer so artsy Sachen macht, wie beispielsweise die Tristesse von Hotelzimmern zur Schau zu stellen. Um Lars Eidinger dreht sich seit Jahren ein unaussprechlicher Kult. Zeit, das infrage zu stellen.

Denn: Lars Eidinger ist eben auch der, der auf seinen sozialen Medien immer wieder Fotos von Obdachlosen teilt, ohne ihre Persönlichkeitsrechte zu respektieren. Der seine Partyreihe Autistic Disco nennt – nicht, weil er selbst autistisch ist

oder sich mit der Thematik besonders auseinandersetzt, sondern laut eigener Aussage fürchtet, dass keiner kommt und er alleine spielt. Der sich bei seinen DJ-Auftritten Grillz über die Zähne klebt, weil das cool und edgy wirkt. Und der kürzlich eine 550 Euro teure Designertasche entworfen hat, die aussieht wie eine Aldi-Tüte. Für die dazugehörige Kampagne posiert Eidinger vor den Schlaflagern von Obdachlosen – und erntet dafür einen Shitstorm.

 

Hinter seinem Verhalten steckt ein Muster

Man könnte jetzt sagen: „Ach, der Lars, der provoziert doch nur. Und macht so auf Probleme aufmerksam.“ Doch sein Verhalten ist problematisch. Denn mal abgesehen von der Nichtbeachtung der Persönlichkeitsrechte obdachloser Menschen und der tiefen Verletzung ihrer Privatsphäre durch die Entblößung ihres Rückzugsorts an ein Millionenpublikum ergibt sich ein Muster. Eines, in dem sich ein privilegierter weißer Schauspieler einer der prestigelastigsten und elitärsten kulturellen Einrichtungen Deutschlands der Lebensrealitäten anderer Menschen bedient, um daraus Profit zu schlagen.

Denn die Inszenierung von Armut und Elend hilft Eidinger dabei, seinen Ruf als ewig provozierender Bad Boy der Kunstszene aufrechtzuerhalten. Ein Image, das ihm Jobs und Reichweite beschert, seine Partys ausverkauft und nun eben auch seine Luxustaschen vertreibt.

Eidinger reproduziert Vorurteile

Als wäre das nicht genug, stilisiert Eidinger sich auch gern mal selbst als vermeintlich Leidtragenden der Lebenswirklichkeit derer, die er ausbeutet. Beispielsweise, wenn er die Diagnose von Autist*innen als Inspiration für den Namen seiner Partyreihe benutzt, um das Bild eines sensiblen und andersartigen Außenseiters zu zeichnen – und mit jeder Party so das Vorurteil reproduziert, Menschen mit Autismus seien genau das. Oder, wenn er zu seinen Obdachlosenfotos sagt: „Wenn ich ein Bild von einem Menschen poste, der schläft oder in einem Einkaufswagen sitzt, dann identifiziere ich mich mit diesem Menschen. Ich führe sie nicht vor. Ich sehe mich in diesen Bildern selbst.“ Friendly Reminder: Aldi-Tüte, 550 Euro.

Eidingers Verhalten ist kein Aufzeigen von Problemen, keine Kapitalismuskritik. Sondern Erniedrigung und Ausbeutung – und white, able-bodied privilege in seiner reinsten Form. Denn während Obdachlose und Menschen mit Autismus jeden Tag mit Diskriminierungen zu kämpfen haben, ist Eidingers konstruierter Stilbruch aus Aldi-Tüte, Grillz und vermeintlicher Entwicklungsstörung natürlich total en vogue.

Hoffentlich hat der aktuelle Shitstorm endlich ein Abflachen des Eidinger-Hypes zur Folge. Eines ist schon mal klar: Es wird näher hingeschaut. So kursiert im Netz wieder ein Interview von 2013, in dem Eidinger behauptet, Frauenfußball sei „ein Fall für die Paralympics“. Ach – wäre er doch bloß bei Hamlet geblieben.

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