Warum Josef aus seiner Burschenschaft ausstieg

Josef war Mitglied in der Freiheitlichen Partei Österreich und Burschenschafter. Die rechte Szene hatte große Pläne für ihn. Dann begann er, deren Ideologie zu hinterfragen. 

Burschenschaft: Wie Josef den Ausstieg schaffte

Josefs Ideologie als Burschenschafter: „Wir, die Germanen, sind ein besseres Volk und anderen überlegen.“ Symbolbild: Marijan Murat/dpa

Als Josef das erste Mal die sogenannte Bude betritt, hat er ein komisches Gefühl. Trotzdem geht er mit erhobenem Haupt durch die Tür. Schließlich wurde er auserwählt. Ein Landtagsabgeordneter der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ) hatte die Parteijugend im Ort besucht und Josef mit zu seiner Burschenschaft genommen. Denn eine Bude, das Korporationshaus einer Burschenschaft, kann man nicht einfach so besuchen.

Josef heißt eigentlich anders und jegliche Details, wie zum Beispiel an welchem Ort alles stattgefunden hat, wie die Burschenschaft heißt sowie seine Identität müssen anonym bleiben. Nur unter diesen Bedingungen hat er dem Interview zugestimmt.

Josef war gerade volljährig, als der Parteiobmann in einer kleinen Gemeinde in Österreich auf Mitgliederfang ging. Die Nationalratswahl, das Pendant zur Bundestagswahl in Deutschland, stand vor der Tür. Anders als heute, wo sie mitregiert, lag die FPÖ damals in den Umfragen bei etwa 10 Prozent. Der Partei fehlte es an Wähler*innen und vor allem an jungen Gesichtern in den eigenen Reihen. Josef hätte so ein Gesicht werden sollen. Denn er ist enthusiastisch und kann Menschen schnell überzeugen.

„Ich war damals in meiner Persönlichkeit nicht gefestigt und ziemlich beeinflussbar. Aber das soll keine Ausrede sein, ich hab mich damals mit dem deutschnationalen Gedankengut auch wirklich identifiziert“, erklärt er. In der Partei hieß es, dass sie sich für die Heimat einsetzen wollen würde und für die Österreicher*innen da sein würde. Das gefiel Josef. Was eine Burschenschaft eigentlich ist, wusste er damals nicht. Er verließ sich auf seine Parteikollegen und ging einfach mit.

In der Bude: Die Jungen bedienen die Alten

Die Bude ist irgendwo auf dem Land, umgeben von Feldern. Dort sitzen junge und alte Männer und trinken Bier. Die ersten Abende ist Josef nur zu Gast. Alle sind sehr bemüht und freundlich. Man will ihn in der Gruppe haben. Die Männer scherzen und diskutieren. Die Jungen bedienen die „alten Herren“, wie diese genannt werden. Dafür finanzieren diese wiederum die Burschenschaft.

Burschenschaften
Derartige Studentenverbindungen gibt es heute an Hochschulorten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Chile. Fast alle Burschenschaften bekennen sich zu den Prinzipien der Urburschenschaft von 1815, unterscheiden sich aber inhaltlich stark voneinander.

„Wer einmal drinnen ist, bleibt eigentlich auch dort.“

Ein Eintritt in eine Burschenschaft ist für die Ewigkeit gedacht. Brüder bis an den letzten Tag. Josef beschreibt es als eine Art Sicherheitsnetz. „Loyal sind die Mitglieder auf jeden Fall. Man besorgt sich gegenseitig Jobs, leiht sich Geld und hält zusammen. Wer einmal drinnen ist, bleibt eigentlich auch dort.“ In der deutschnationalen schlagenden Burschenschaft dreht sich alles um: Brüderlichkeit, Vaterland und Ehre. Zudem ist sie stark mit der FPÖ verwoben.

Die Politologin Alexandra Kurth erklärt im Tagesspiegel-Interview einen ähnlichen Mechanismus: „Burschenschaften bieten feste Rituale und Regeln. Das bedeutet zwar Zwang, aber eben auch Sicherheit. Dazu kommt, dass sie Mitgliedern günstigen Wohnraum in guter Lage bieten und damit werben, durch Seilschaften mit den Alten Herren der Burschenschaft den Einstieg in den Beruf zu erleichtern.“ In den Trinkritualen und im Fechten würden sie versuchen, eine bestimmte Form von Männlichkeit zu beweisen. „Wer einer politischen Burschenschaft beitritt, ist in der Regel politisch motiviert.“

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Auch Josef strebt ein politisches Amt an. Ihm wird erklärt, dass er durch die Burschenschaft Chancen auf eine politische Karriere habe. Nach einigen Abenden fragen die Burschenschafter Josef dann, ob er eintreten will. Er sagt ja. In einer Nacht zur Wintersonnenwende steht Josef mit den Kollegen an einem Feuer. Liederbücher in der Hand, Kappe auf dem Kopf, Schleife über dem stolz erhobenen Oberkörper. Josef spricht den Schwur fürs Leben nach. Am Ende bekommt auch er eine Kappe und eine Schleife. Der Bund fürs Leben ist geschlossen. Für Josef fühlt sich das immer noch komisch an, doch er gibt sich heiter.

Fechten, Bedienen, Geschichtsunterricht und Brüderlichkeit

Ab diesem Tag verbringt Josef nun viele Abende in der Bude oder auf öffentlichen Veranstaltungen zu Jubiläen und Stiftungsfesten, wo auch Partnerinnen und Freund*innen mitgebracht werden dürfen. Er bekommt Lesestoff und Geschichtsunterricht. Die Alten lehren die Jungen alles über die Entwicklung der German*innen. „Irgendwann glaubst du alles, was du liest“, erklärt Josef. Er lernt zu fechten. Jeder Mann, der neu dazukommt, muss irgendwann eine Mensur schlagen – sich also dem Fechtkampf mit einem Mitglied der Verbindung stellen. Entsteht dabei dann eine Schnittverletzung, wird die daraus folgende Narbe Schmiss genannt.

Wir, die Germanen, sind ein besseres Volk und anderen überlegen.“

„Wir haben uns gegenseitig die Säbel um die Ohren gehauen. Das war mitunter noch das Lustigste“, erzählt Josef. „Aber auch bei uns ging es darum, dass du dem anderen den Degen so drüber ziehst, dass die Wunde blutet und platzt. Damit du den Schmiss danach voller Stolz tragen kannst.“

Antisemitische Liederbücher, wie in den vergangenen Monaten in Burschenschaften in Österreich immer wieder gefunden wurden, sieht er nicht. Er erklärt, dass die Feindbilder generell in der Partei, also in der FPÖ, viel stärker ausgeprägt seien als in der Burschenschaft. „Die Partei muss Wahlen gewinnen und braucht die Ausländer als Feindbild. In der Burschenschaft hingegen werden wenig Ängste projiziert. Es dreht sich alles um Ideologie: Wir, die Germanen, sind ein besseres Volk und anderen überlegen.“ Josef engagiert sich politisch immer mehr, fühlt sich geschmeichelt durch das Vertrauen, das ihm in jungen Jahren geschenkt wird. Er macht seinen Job gut und wird von der Partei und der Burschenschaft oft gelobt.

Josef beginnt, die Hetze zu hinterfragen

Als er um die 20 ist, zieht er vom Land in eine kleine Stadt. In seinem neuen Job hat Josef nun immer öfter mit Menschen zu tun, die Migrationshintergrund haben. Er freundet sich mit einem Kunden an, dessen Eltern aus der Türkei stammen; er ist in Österreich geboren. Josef und er beginnen sich privat zu treffen. „Ich habe ihm erzählt, dass ich in der FPÖ bin und eine politische Karriere anstrebe und er hat zugehört.“ Das brachte Josef zum Nachdenken. In seiner Partei und in der Burschenschaften hieß es doch, dass genau diese Menschen das System ausnutzen würden. „Er war nichts von alledem, was sie sagten. Er arbeitete hart, sprach Deutsch und hatte Freunde hier. Es hat mich zum Zweifeln gebracht: Wie konnte er mich als Mensch akzeptieren, trotz meiner politischen Einstellung und ich ihn nicht?“

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Sein Abschied aus der Burschenschaft beginnt schleichend. Nach anderthalb Jahren beginnt Josef immer öfter Ausreden zu erfinden, warum er zu den Treffen nicht kommen kann. Wenn er dort ist, fühlt er sich unwohl. Er kann nicht mehr über die Witze lachen. Die deutschnationale Ideologie erscheint ihm immer fremder, schließlich erlebt er in seinem Alltag eine andere Realität.

Rechtsextremismus
Der Rechtsextremismusforscher Heribert Schiedel spricht von einer zentralen Bedeutung der Burschenschaften „an der Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus, legalem Deutschnationalismus und (Neo-)Nazismus“.

Irgendwann geht er gar nicht mehr zu den Treffen und erklärt den anderen Burschenschaftern, dass er nicht mehr mitmachen will. Kollegen versuchen ihn zurück zu holen. „Ich war ein erwachsener Mann, sie konnten mich nicht zwingen.“ Irgendwann geben sie auf. Nur noch ein Anruf kommt, er solle die Uniform zurückzubringen. Josef wirft alles irgendwann in den Müll.

Schwieriger gestaltete sich hingegen der Ausstieg aus der Partei. Josef schickt eine Mail, bekommt aber weiterhin die Post der Partei. Parteikollegen versuchen noch über Jahre, ihn zurückzuholen. Schließlich hätte er in der Partei doch jemand werden sollen. Irgendwann hören sie auf, ihm Post zu schicken.

Als Josef dann bei einer Wahl zum ersten Mal nicht die FPÖ ankreuzt, muss er lächeln. „Ich hab mich egoistischer Weise total für mich gefreut, dass ich meine Augen geöffnet und mein Hirn eingeschaltet habe.“ Mittlerweile wählt er die Sozialdemokratische Partei und spricht in seinem Freundeskreis nur noch selten über Politik. Er hat Freund*innen, die nach wie vor rechts von ihm stehen, aber auch genauso links von ihm. „Ich stehe dazu, dass ich ein Burschenschafter und FPÖ-Mitglied war. Es hat mich zu dem werden lassen, der ich heute bin.“

„Warum schaltet ihr euer Hirn nicht ein?“

Wenn Josef heute mit Rechten spricht, schwillt seine Halsschlagader an. „Ich bin wie ein ehemaliger Raucher. Manchmal fällt es mir schwer, zu verstehen, warum ich mein Hirn eingeschaltet hab und sie es immer noch nicht geschafft haben. Warum sie nicht sehen, dass ihre Argumente Blödsinn sind.“

Auf die Frage, ob Josef damals jemand helfen oder ihn abhalten hätte können, Burschenschafter zu werden, folgt eine lange Pause. Er muss nachdenken. Hätten seine Eltern eingegriffen, hätte er es noch mehr gewollt, schlussfolgert er. Ja, von Freund*innen hätte er sich im Nachhinein mehr Gegenwind gewünscht. Und damals in der Hauptschule hat Josef im Geschichtsunterricht zwar viele Daten auswendig gelernt und über Schlachten gelesen, aber die Gefahr und Ideologie des Nationalsozialismus kam zu kurz beziehungsweise in einem Alter, in dem er damit noch nichts anfangen konnte. „Mehr Bildung und Aufklärung wären gut gewesen. Grundsätzlich mehr Toleranz gegenüber Neuem, fremden Sprachen und Kulturen, dann wäre es vielleicht nie so weit gekommen“, meint er. Auch zu wissen, was Burschenschaften eigentlich ausmacht, wäre wichtig gewesen.

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Am Ende des Interviews sagt Josef, dass er nun losmüsse zum Fußballschauen. Lazio Rom spielt gegen RB Salzburg. Lazio gilt als rechts und hat so einige rechtsradikale Fußballfans. Bei ihren Spielen kann es durchaus vorkommen, dass Fans die Hand zum Hitlergruß heben. Würde er noch in der Bude mit den anderen Burschenschaftern sitzen, würde er vermutlich Lazio zujubeln. Heute hofft Josef, dass sie hoch verlieren.

Und das tun sie. 4:1.