Warum Kanye West nur den Mund aufmachen sollte, um zu rappen

Kann ich Kanye West trotz Trump-Kappe auf dem Kopf als Musiker gut finden? Ein Kommentar

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Kanye West ist ein Meister der Polarisierung. Seine politische Nicht-Haltung nervt. Foto: Axel Antas-Bergkvist / Unsplash | CC0

Kanye West postete kürzlich auf Twitter ein Selfie, das für reichlich Diskussionen sorgte: Auf dem Kopf des schwarzen Musikers leuchtet eine alarmrote Schirmmütze mit den Worten „Make America Great Again„. Der neuerliche Aufreger ist nur die Spitze einer Anhäufung von Entgleisungen des Popstars Kanye West, die meine Haltung als Musikliebhaber auf die Probe stellen. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Superstars und eines enttäuschten Fans.

Musikalisch tauchte der in Chicago, Illinois, aufgewachsene Rapper und Produzent bereits vor über zehn Jahren in den Charts auf. Spätestens durch Alben wie Graduation (2007) und My Beautiful Dark Twisted Fantasy (2010) erklomm er nach der Millenniumswende den Popolymp. Die Freiheit, die sich der Künstler nahm, Hip-Hop als Cocktail aus Rap, Soul, Rock und House zu interpretieren, beeindruckte mich damals wie heute. Mainstream und schwarze Kultur schlossen sich nicht mehr aus – in einem Land, dessen Musikindustrie am stärksten vom Verkauf (weißer) Country-Klänge getragen wurde. Kanye Wests Lyrics konnte ich aus dem Effeff mitsingen und mich gleichzeitig zu seinen Rhythmen bewegen.

Wie sehr West die mediale Repräsentation von Afroamerikaner*innen am Herzen lag, machte er bei einem TV-Auftritt 2005 deutlich, als er die Folgen von Hurrikan Katrina kommentierte:

Bush interessiert sich nicht für die Schwarzen. […] Ich hasse die Art, wie sie uns in den Medien darstellen. Wenn man eine schwarze Familie sieht, heißt es ‚Sie plündern.‘ Wenn man eine weiße Familie sieht, heißt es, ‚Sie suchen nach Lebensmitteln.‘ […]“

Es war ein Statement für die Gleichberechtigung, noch bevor Barack Obama den andauernden Rassismus gegen Schwarze 2008 kritisierte und ein Jahr später Präsident wurde.

West sorgte für Kritik

2014 sorgte der Musiker jedoch für Empörung, als er einen Rollstuhlfahrer dazu aufforderte, bei seinem Konzert aufzustehen und zu tanzen. News, die ich damals nur mit einem ungläubigen Seufzen hinnahm.

Mit dem siebten Studioalbum The Life of Pablo (2016) setzte er Maßstäbe in Sachen multimedialer Präsentation. Gekoppelt an den Release seiner Modekollektion Yeezy Season entwarf er eine Platte mit Discoflair und Gospelsound. Der junge schwarze Künstler Chance the Rapper und andere People of Color wurden so als Featuregäste und Models im Rampenlicht inszeniert. Für mich fühlte sich das nach Repräsentation an, obwohl ich die Events gemeinsam mit einem Freund nur via Livestream aus dem mehrere tausend Kilometer entfernten Weimar in Thüringen verfolgte. The Life of Pablo blieb mir zwar positiv, aber ebenso durchgeknallt in Erinnerung: Die Megashows, in denen Kanye West gottgleich auf einer Schwebebühne über den Köpfen des Publikums hinwegflog, strotzten vor Egozentrik, die überteuerten Klamotten vor Elite und Kommerz.

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Vor wenigen Monaten im Jahr 2018 behauptete West dann, schwarze Menschen wären selbst Schuld daran, wenn sie heute noch versklavt seien. Das fühlte sich für mich wie ein Stich ins Herz an. Auf der anderen Seite wunderte es mich nicht, immerhin hatte West zuvor schon Shakehands und kleine Präsente mit Donald Trump ausgetauscht. Dessen Wahlkampf-Kappe zog er sich am vergangenen Wochenende dann auch auf den Kopf – bereits zum zweiten Mal.

Bislang konnte ich Wests Fehltritte mit seinem Hang zum Größenwahn irgendwie rechtfertigen. Doch weil sich die Entgleisungen häufen, bin ich an einem Punkt angelangt, an dem es für mich keine Ausreden mehr gibt.

Antiheld hin oder her

Der Reiz, Kanye West-Fan zu sein, bestand für mich – neben der Musik – schon immer in seiner Badboy-Attitüde. West bildete das Gegenbild zum glattgebügelten Chart-Popstar ab: Er streckte den verklemmten USA den Mittelfinger entgegen. West war schon immer einer, der viel Trashtalk von sich gab, anschließend aber auch Sinnvolles lieferte. Die Texte klangen rau, fetischisierten oft Verbotenes und lösten in mir eine Faszination für das Unkalkulierbare aus. Zu prognostizieren, was einem während eines Kanye West-Konzerts widerfahren würde, war schier unmöglich.

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Umso mehr frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass die afroamerikanische Jugend nun zusehen muss, wie ein schwarzes Idol sich gänzlich der Vermarktung einer erzkonservativen Strömung hingibt. Einer Politik, die Frauen verachtet und Diskriminierung gegenüber People of Color provoziert. Der verbale, körperliche und strukturelle Rassismus wurde immerhin durch die Trumpsche Regierung salonfähig gemacht. Kanye West relativiert das mit Aktionen wie der Trump-Kappe.

Weiß Kanye West überhaupt, was er da redet?

Manche Promis – wie Kanye West – sind regelrechte Werbe-Imperien. Entgleisungen schaffen ihnen Aufmerksamkeit und verstärken ihren Zuwachs im Netz. Ist es also eine Marketing-Strategie, dass Kanye West andauernd aneckt? Auch bei Wests jüngstem Albumcover könnte man das denken: Der Titel I hate being bipolar it’s awesome ist eine Anspielung auf eine etwaige bipolare Störung Wests. Anstatt differenziert auf die Folgen dieser Erkrankung einzugehen, verkauft der Musiker sie in Interviews als seine „Superkraft“.

Ja, vielleicht leidet Kanye West an einer psychischen Erkrankung. Vielleicht meint West seine Tweets gar nicht so, wie er sie formuliert hat. Vielleicht bewundert er Trump auch dafür, dass dieser es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat (mit einem Startkapital von einer Million US-Dollar wohlgemerkt). Möglicherweise braucht West einfach mal jemanden, der*die ihm erklärt, wie stark sein Enfluss auf die Jugend ist, was er mit seinen Äußerungen auslöst. Ganz sicher ist sein Verhalten für mich als Fan trotz all der möglichen Erklärungen eine Enttäuschung. Für die afroamerikanische Gesellschaft, die dringend Repräsentationsfiguren á la Michelle Obama, Muhammad Ali oder Martin Luther King bräuchte, ist es ein Armutszeugnis.

Alles, was Prominente auf ihren sozialen Kanälen posten, hat eine Reich- und damit auch Tragweite.“

In Zeiten, in denen der Präsident der USA nur einen Tweet vom Dritten Weltkrieg entfernt sein könnte, hat sich die Nachrichtenlage verschoben: User*innen wirken im Internet an der Gesellschaft mit. Dem muss sich auch ein Kanye West bewusst sein. Genauso wie ich als Journalist nicht behaupte, auf meinem Twitteraccount privat unterwegs zu sein, erwarte ich von Musiker*innen, Schauspieler*innen und Sportler*innen, dass sie sich zumindest um die Dimension ihrer Tweets im Klaren sind. Alles, was Prominente auf ihren sozialen Kanälen posten, hat eine Reich- und damit auch Tragweite.

Doch West will im Nachhinein häufig falsch verstanden worden sein. Rudert von seinen emotionsgeladenen Aussagen zurück. Lässt sich mal mit Obama, mal mit Clinton, mal mit Trump ablichten. Die Diskussion um die Frage, ob ein*e Künstler*in vom Kunstwerk getrennt werden kann, wurde auch nach dem Kevin-Spacey-Skandal heiß diskutiert. Im Fall Kanye West verschwimmt die Grenze zwischen Musiker und der Person Kanye West zunehmend. Bei mir bleibt dennoch ein mulmiges Gefühl im Magen zurück. Wests Musik wird auch in Zukunft Kopfnicken, seine politische (Nicht-)Haltung hingegen Kopfschütteln bei mir auslösen.