Warum klimaneutrale Produkte nicht immer so umweltfreundlich sind, wie sie klingen

Viele Unternehmen werben mit klimaneutralen Angeboten. Doch sind sie wirklich nachhaltig? Wie so oft gilt: Es ist kompliziert.

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Was wird uns eigentlich verkauft, wenn Klimaneutralität draufsteht? Fotos: Phuong Tran und Robert Gramner / Unsplash | CC0


Anfang Juni hatte Aldi Süd – wie so oft – ein Paar Turnschuhe im Sortiment. Doch diese waren anders. Laut Werbebroschüre handelte es sich bei den weißen Tretern um „den ‚grünen‘ Sneaker“: Textil aus recycelten PET-Flaschen, klimaneutrale Produktion – und das für gerade einmal 12,99 Euro. “Mit dem klimaneutralen Sneaker möchte Aldi Süd ein Zeichen für mehr Klimaschutz und zur Förderung der Kreislaufwirtschaft setzen”, hieß es in der dazugehörigen Pressemitteilung. Die CO2-Emissionen, die bei Produktion, Transport und Vertrieb der sogenannten „Green Sneaker“ anfielen, gleiche die Kette durch die Förderung eines Klimaschutzprojekts in Kambodscha aus.

Zunächst klang das ziemlich vernünftig. Offensichtlich hatte das Unternehmen erkannt, dass Treibhausgase den Klimawandel befeuern und steuerte deshalb direkt dagegen. Wer diesen Schuh kaufe, tue der Umwelt am Ende sogar etwas Gutes, hätten Verbraucher*innen meinen können. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Plus/minus null

Dieses Beispiel ist nur eines von vielen dafür, wie Unternehmen mit klimaneutralen Angeboten werben: klimaneutraler Versand bei DHL, klimaneutrale Verpflichtungen bei Zalando und sogar das ZDF will langfristig klimaneutral werden. Auch die EU hat sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens dazu verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu sein.

Doch was steckt eigentlich hinter „klimaneutral“? Tatsächlich bedeutet Klimaneutralität nicht zwangsläufig, dass durch klimaneutrale Produkte oder Dienstleistungen keine CO2-Emissionen mehr entstehen. Wer beispielsweise klimaneutrale Turnschuhe produziert und transportiert, wird dabei trotzdem CO2 freisetzen. Klimaneutralität heißt nur, dass sich die Menge an schädlichen Klimagasen in der Atmosphäre durch solche Produkte oder Dienstleistungen insgesamt nicht erhöht.

Zwei Wege zur Klimaneutralität

Will ein Unternehmen also klimaneutrale Produkte oder Dienstleistungen verkaufen, hat es hierfür zwei Möglichkeiten: Entweder stellt es die eigenen Prozesse so um, dass nachhaltige Rohstoffe oder Energien in der Produktion verwendet werden. So können pflanzliche, nicht fossile Brennstoffe wie Rapsöl klimaneutral sein, da Pflanzen nachwachsen und dabei der Luft wiederum CO2 entziehen. Laut Deutscher Umwelthilfe ist diese Variante aber meistens teurer und aufwendiger als die andere Option: die Kompensation klimaschädlicher Gase, die zum Beispiel auch Aldi bei den Green Sneakern nutzt.

Wie unter anderem Öko Fair, das Magazin der Verbraucher Initiative e. V., berichtet, gibt es mittlerweile immer mehr Non-Profit-Organisationen und kommerziell arbeitende Agenturen, die CO2-Kompensationen anbieten. Sie berechnen die ausgestoßene CO2-Menge und organisieren den Kauf von Emissionszertifikaten. Das heißt, mit dem Geld werden klimafreundliche Projekte an anderer Stelle finanziert. Im Falle der grünen Sneaker etwa Keramik-Wasserfilter-Systeme in Kambodscha, die das Abkochen mit Holz oder Kohle überflüssig machen und so CO2-Emissionen vermeiden.

Für Privatleute gibt es ähnliche Angebote. Auf Plattformen wie atmosfair können sie beispielsweise Flüge kompensieren: einfach die geflogene Strecke eingeben und einen entsprechenden Betrag an klimafreundliche Projekte spenden.

Auch, wenn dies eine bessere Variante dazu sein mag, als gar nichts zu unternehmen: verringert werden CO2-Emissionen dadurch nicht. Kompensationen können lediglich den Anstieg verlangsamen. Auch die Deutsche Umwelthilfe weist darauf hin, dass Kompensationen irgendwo auf der Welt Deutschland beim Klimaschutz nicht voranbrächten und den Anreiz für Innovationen nähmen. Stattdessen zementierten sie eine klimaschädliche Lebens- und Wirtschaftsweise. Ob Unternehmen, die Kompensationsangebote nutzen, auch sonst auf eine klimafreundliche Wirtschaftsweise umstellen, ist also nicht gesichert. Diese Maßnahme wird deshalb auch mit einer Art Ablasshandel verglichen.

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Viele Projekte, für die die Gelder eingesetzt werden, hätte es auch ohne diese gegeben. Das Umweltbundesamt rät im Interview mit dem MDR deshalb auch dazu, bei Kompensationszahlungen genau hinzuschauen, wofür sie genutzt würden. Auch Klimaaktivistin Greta Thunberg ist von den Ausgleichszahlungen nicht überzeugt. Sie bezeichnete das Ganze in einem Tweet als „Klimakompensations-Bluff“, der in den meisten Fällen mehr schade als nütze.

Darüber hinaus ist der Begriff Klimaneutralität nicht gesetzlich geschützt. Das heißt, es existieren keine klar definierten Regeln, wie Klimaneutralität erlangt wird, was auch eine Studie des Fraunhofer-Instituts bemängelt: „Es gibt keine eindeutigen Vorgaben, welche Emissionen genau für die Neutralstellung erfasst werden müssen. So besteht praktisch keine Vergleichbarkeit zwischen klimaneutral arbeitenden Unternehmen, ebenso wie es kein Zertifikat über Klimaneutralität gibt, das einer offiziellen Norm unterliegt.“

Klimaneutralität klammert andere Umweltaspekte aus

Doch viel wichtiger: Der Begriff suggeriert eine Umweltfreundlichkeit, die viele umweltschädliche Aspekte ausklammert. So kritisiert etwa Kathrin Hartmann, Autorin von Die grüne Lüge, in einem Gespräch mit der WirtschaftsWoche, dass durch die Konzentration auf CO2 alles andere hintenüber falle: „Wir haben aber eine ganze Vielzahl von Umweltschädigungen: das geht beim Artenverlust los, über die Verschlechterung des Grundwassers bis hin zu Feinstaub und Glyphosat.“ Sie bemängelt, dass Konsument*innen sich gut fühlen könnten, weil sie scheinbar etwas fürs Klima getan hätten: „Bei atmosfair etwa kann man jetzt auch Kreuzfahrten kompensieren, weil es immer mehr werden. Das ist absurd.“

Die Nachhaltigkeitsplattform Utopia weist zudem darauf hin, sich auch bei klimaneutralen Produkten immer zu fragen, ob sie für sich genommen nicht überflüssig seien: „Erzeugt es neue Umweltprobleme, die vom Begriff der Klimaneutralität gar nicht berücksichtigt werden?“

Nur grünes Marketing?

So ist auch die Herstellung der vermeintlich grünen Sneaker von Aldi letztlich nicht umweltfreundlich. Obwohl das Unternehmen – laut eigener Aussage – in moderne Techniken investiert, um energieeffizienter zu werden und CO2 einzusparen (und das definitiv löblich ist), wirft es doch Produkte auf den Markt, die eher zur Zerstörung des Planeten beitragen als ihn zu schützen.

Obwohl sich viele Unternehmen verstärkt mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen, bleibt der wahre Nutzen klimaneutraler Produkte und Dienstleistungen für Verbraucher*innen oft undurchsichtig. Häufig bedeutet „Klimaneutralität“ leider kaum mehr als gekonntes Marketing.