Warum lassen viele Männer erst bei „Sorry, bin schon vergeben“ locker?

Wer ungewollt angegraben wird, weiß sich manchmal nur mit „Sorry, bin schon vergeben!“ zu helfen. Aber warum wird eine Abfuhr oft nur akzeptiert, wenn eine andere Person ins Spiel kommt? Ein Nein sollte reichen. Ein Kommentar

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Nein heißt nein. Foto: Kevin Mei / Unsplash | CC0

Es ist zwar schon lange her, aber wenn ich heute an dieses Erlebnis denke, kommt mir immer noch der Wutrauch aus den Ohren. Denn ich hatte Nein gesagt. Sogar mehrfach. Sogar schriftlich. Und für jemanden wie mich, die mit Nein eigentlich lieber rumdruckst, war dieses Nein sogar unmissverständlich geraten, wie ich fand: „Ich möchte keine Beziehung mit dir.“ 

Eigentlich eindeutig, oder?

Doch mein Nein stellte sich im Nachhinein leider nicht als unmissverständlich, sondern als eher vage heraus. Denn der Typ, mit dem ich keine Beziehung wollte, ließ nicht locker. Ob wir uns nicht doch nochmal sehen könnten, es sei doch wirklich so etwas Besonderes, ich müsste mich ja nur trauen. Das alte creepy Lied. Als hätte es mein Nein gar nicht gegeben. Bis zu dem Punkt, als er von einem anderen Typen erfuhr, mit dem ich mich traf. Das sollte dann auf einmal alles ändern. „Wenn ich gewusst hätte, dass es einen anderen gibt, hätte ich es doch nicht weiter probiert“, schrieb er mir.

Meine Gefühle, meine Wünsche? Knetmasse seines Begehrens.

Und das war der Moment, in dem mich die Geschichte zum ersten Mal richtig wütend machte. Ernsthaft?! Es schien mir, als seien meine ganzen schönen Neins einfach verpufft. Als wäre ich, um die es ja angeblich ging, dann doch egal. Meine Meinung, meine Gefühle, meine Wünsche? Knetmasse seines Begehrens. Erst das indirekte Nein durch das Auftauchen eines weiteren Mannes wurde als solches akzeptiert.

Männer haben Spielregeln, die sie nur untereinander akzeptieren

Diese Situation erinnert mich noch heute an Tierdokus, die ich als Kind gerne geschaut habe. Dokus über Raubtiere auf der Jagd, in denen eine Stimme aus dem Off erklärt, dass das kleinere der beiden Männchen irgendwann von der gerissenen Beutekuh ablässt, sich in Fluchtdistanz verzieht und dem Rudelführer unterwürfig das Fleisch überlässt. Zwei Männchen kämpfen um ein Weibchen. Einer gewinnt, der andere trottet von dannen.

Es bedurfte eines Konkurrenten, um meinem Nein Gewicht zu verleihen.

Ein bisschen so wie beim Menschen, fiel mir auf. Frauen sind zwar nicht die wehrlose Beute, aber Männer scheinen doch Spielregeln zu haben, die sie nur untereinander akzeptieren. Auf den Typen, mit dem ich keine Beziehung wollte, bezogen: Es bedurfte eines Konkurrenten, um meinem Nein Gewicht zu verleihen. Als wäre mein Nein sonst nicht ernst zu nehmen. Nicht genug.

Manchmal hilft es nur, einen Freund vorzutäuschen

Nun hat sich meine Wut über diesen Typen zwar längst gelegt, aber die Wut über dieses Phänomen verspüre ich immer noch. Denn ich bin nicht die Einzige, die solche Erfahrungen gemacht hat. Darauf angesprochen, steuern viele Frauen Anekdoten bei. Ob es um Ex-Freunde geht, die erst akzeptieren, dass es vorbei ist, wenn eine neue Beziehung offiziell wird, oder um Typen, die einen in der Bar angraben und nur wegen eines vorgetäuschten Freundes Leine ziehen. Spricht man mit Frauen, hört man viele Geschichten von Neins, die erst in zweiter Instanz akzeptiert wurden.

„Das ist blöd, aber das ist einfach so“, meint Eva, mit der ich über das Thema spreche. „Eklige Typen, die einen blöd anmachen, wird man halt am ehesten los, wenn man sagt, man hat ’nen Freund.“ „Aber hast du es schon mal mit einem einfachen ‚Nein, kein Interesse‘ probiert?“ „Habe ich auch schon gemacht, aber das mit dem Freund funktioniert halt immer“, meint sie, „und ich habe noch nicht mal einen.“

Eva lacht und zuckt mit den Schultern. Und ich bin wieder wütend. Nicht auf Eva, aber auf die Not, mit der sie sich zu ihrer Taktik gezwungen sieht. Denn einen Lover heran zu zitieren, oder gar zu erfinden, um sich vor unliebsamen Avancen zu schützen, kann doch nicht die angemessene Antwort sein. Nicht mehr, nicht mehr heute.

Was als ängstlicher oder sogar ritterlicher Rückzug gewertet werden kann, ist dabei aber vor allem eine Geste des fehlenden Respekts.

Aber klar, diese Reaktion kommt nicht von ungefähr. Denn Männer, die in Liebesdingen nicht die Grenzen einer Frau, sondern nur die Grenzen eines Geschlechtsgenossen für voll nehmen, haben historisch gesehen vollste Rückendeckung. Frauen, so lange ist das noch nicht her, waren in Liebesdingen eigentlich nie autonome Subjekte. Frauen wählten nicht, sie gaben sich hin. Zur Not halt widerwillig. Zu wem eine Frau Ja sagte, entschieden wiederum andere Männer in ihrem Leben: Vater oder Brüder. Männer, die noch heute das Einverständnis des Brautvaters vor einer Verlobung einholen, verweisen auf diese Geschichte noch genauso wie Männer, die ein Nein erst akzeptieren, wenn ein anderer um die Ecke biegt.

Was als ängstlicher oder sogar ritterlicher Rückzug gewertet werden kann, ist dabei aber vor allem eine Geste des fehlenden Respekts. Wer das Nein einer Frau nicht ohne Weiteres akzeptiert, der maskiert nämlich nur halbherzig, dass er Frauen gegenüber eigentlich Besitzansprüche hat. Und, sorry not sorry, die hat nun wirklich niemand.

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