Warum Laura Fremde zu sich nach Hause einlädt, um Pornos zu schauen

Die Sexshop-Betreiberin Laura Méritt lädt einmal im Monat zum gemeinsam feministische Pornos schauen – in ihrer Wohnung. Sie sieht das als politische Arbeit.

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Feministische Pornos sind kleine Weltverbesserer. Foto: s/t/s / photocase.de

Mitten in Kreuzberg befindet sich die Wohnung von Dr. Laura Méritt. Wer dort freitags klingelt, kommt nicht nur in ihren persönlichen Wohnraum, sondern an einen Ort für sexuelle Revolution. Die riesige rote Tür des Altbaugebäudes öffnet sich schwer, mit dem Aufzug geht es in den fünften Stock. Vor der Eingangstür warten bereits bunte Flyer und Infomaterialien zu feministischen Themen. Ein pinkfarbenes Plakat zum PorYes Award 2019, ein feministischer europäischer Pornofilmpreis, strahlt von der Tür. Es haben sich bereits einige Schuhpaare vor der Wohnung aufgereiht. Drinnen tragen nämlich alle Socken.

Es ist der letzte Freitag im Monat. Und das heißt: gemeinsam feministische Pornos schauen. Um dann darüber zu sprechen, was man sieht, fühlt, denkt. Laura trägt eine geblümte Bluse. Ein knallroter Gürtel umschlingt ihre Hüfte. Sie begrüßt alle Menschen, die zu ihr in die Wohnung kommen persönlich. Wer möchte, bekommt auch eine Umarmung. Sie lacht viel und wirkt selbstbewusst. „Fühlt euch wie zu Hause. Nehmt euch Tee, geht aufs Klo, macht die Fenster auf, wenn ihr wollt.“ Eine Einladung, es sich gemütlich zu machen. Auch mental. Laura sagt: „Wir reden viel zu wenig über Sexualität und zu Hause geht das eben doch viel besser.“

Feministische Pornos in intimer Atmosphäre

Laura ist seit mehr als 30 Jahren die Betreiberin des Sexshops Sexclusivitäten. Er ist einer der ältesten feministischen Sexshops in Europa, der heute auch nachhaltige und umweltfreundliche Produkte verkauft. Was feministisch für einen Sexshop bedeutet, erklärt Laura so: „Unsere Produkte haben gute Materialien. Alle Menschen werden fair bezahlt, wir achten auf die Umwelt und Recycling. Die meisten Unternehmen sind von Frauen geführt. Neben dem Verkauf wollen wir aber auch Menschen bilden und informieren. Es geht nicht nur darum, Geld mit dem Sexshop zu machen. Wir machen politische Arbeit. Wir reden mit den Menschen. Und jeden Freitag – da verändern wir die Welt ein kleines bisschen mehr. Und zwar mit feministischen Pornos.“

An diesem Freitag kommen mehr als 30 Menschen zum Freudensalon. So heißt die Veranstaltung in Lauras Wohnung. Sie platzieren sich auf der schwarzen Ledercouch oder setzen sich auf den weißen Teppich. Bevor es losgeht, wird ausgelassen miteinander gequatscht. Über Normen, Schönheitsideale, Beziehungsformen. Politisches und Privates scheinen hier zusammenzuhängen.

Einige Menschen sind zum ersten Mal hier, es liegt etwas Aufregung in der Luft. Ist ja nicht alle Tage, dass man sich zum Pornoschauen trifft. Obwohl es Sexclusivitäten schon lange gibt, fühlt es sich an, wie ein Geheimtipp einer versteckten Berliner Kneipe. Eine diverse Mischung an Menschen findet sich irgendwo in Kreuzberg zusammen. Bunt. Queer. Feministisch. Die Besucher*innen tragen Piercings, Undercuts, blaue Haare. Die Stimmung ist trotz der Aufregung heiter und vertraut.

Die Salonkultur ist eine sehr weibliche Kultur. Sie entstand aus der Not jüdischer Frauen heraus. Da sie früher nur wenig am kulturellen Leben der Gesellschaft teilnehmen konnten, haben sie Menschen zu sich nach Hause eingeladen und sich in geschützter Umgebung intellektuell ausgetauscht. Gegenüber von Lauras Wohnung ist ein Friedhof, auf dem Rachel van Haagen und Henriette Herz liegen. Zwei jüdische Schriftstellerinnen, die im 19. Jahrhundert einen der unzähligen jüdischen Salons in Berlin führten. Daraus wurde die Idee des Freudensalons geboren.

The 36 year old virgin

Laura richtet noch einmal ein paar Begrüßungsworte an alle. Und an den Specialguest Skyler. Es wird heute ein Film von und mit ihm gezeigt. Skyler ist ein Transmann. Er trägt Bart, ein silberner Ring ziert die linke Seite seiner Unterlippe. Er erzählt, dass er männliche Hormone nimmt. Der Film sei entstanden, nachdem er die sogenannte top surgery hatte. So nennt man die Operation, bei der die weiblichen Brüste entfernt werden, um eine flache, männlich aussehende Brust zu erhalten. Alle lauschen gespannt und dann: Film ab.

Wer von stereotypischen Bildern der Sexualität abweicht, hat kaum Vorbilder, die Orientierung bieten könnten.

The 36 year old virgin ist der Titel des Streifens. Er dokumentiert, wie Skyler das erste Mal mit einem Mann penetrativen Sex hat. Es geht los. Die Gäste sehen Skyler angezogen auf dem Bett sitzen. Als er zu erklären beginnt, warum er diesen Film drehen möchte, stoppt die Aufnahme. Die Internetverbindung ist zu langsam. Fast wie zu Hause. Gleich wird gefragt, wie die erste Szene gewirkt hat. Der Raum ist still. Alle wirken etwas verkrampft und schüchtern. Laura hilft nach: „Fängt so normalerweise ein Porno an?“ Die erste Person meldet sich zu Wort. Dann die zweite. Langsam kommt eine kleine Diskussion zustande.

Der Film geht weiter. Skyler erzählt, dass er in einer Sekte in Kanada aufgewachsen ist. Dort hat er gelernt, dass Sex nur für die Ehe bestimmt ist. Der Ehemann bestimmt, wann und wie man miteinander Sex hat. Skyler lädt abwechselnd Menschen in sein Bett ein, um sie – sitzend und angezogen – zu interviewen. Wann hatten sie das erste Mal Sex, mit welchen Glaubenssätzen zu Sexualität sind sie aufgewachsen? Die Botschaft wird schnell klar: Wer von stereotypischen Bildern der Sexualität abweicht, hat kaum Vorbilder, die Orientierung bieten könnten. Die erste Hälfte des Films wird weiterhin nur gesprochen. Welche Fantasien hast du? Was bedeutet Jungfräulichkeit? Ist das erste Mal wirklich so wichtig? Immer wieder stoppt Laura den Film und die Runde diskutiert über das Gesehene.

Der Film zeigt etwas, das eindeutig zu Sexualität gehört, aber selten bis nie in Pornos vorkommt: über Sexualität reden, nachdenken und diskutieren. Obwohl wir das viel öfter tun, als ihn tatsächlich zu haben. Es werden verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Gender-Identitäten gezeigt. Es geht nicht um die männliche Lust, wie in den meisten Pornos, sondern darum, ein authentisches Bild von Sexualität zu zeichnen.

Hier im Freudensalon sollen die Besucher*innen aus der Konsumhaltung rauskommen. Sie sollen sich austauschen. Denn nur so können sie unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. Wenn die Gespräche ins Stocken kommen, schaltet sich Laura ein: „Sexualität kann ein Spiegel der Gesellschaft sein. Was wissen wir über unsere Körper? Wie gehen wir mit ihnen um? Wie wertschätzend sind wir im Umgang mit uns selbst und anderen? Es gibt weiterhin viel Scham, in der Sprache und in unserem Verhalten. Durch Sexualität können wir die Welt verändern.“ Ein bisschen stolz sieht sie aus, wie sie da in ihrem Wohnzimmer vor den anderen Menschen steht.

Wer möchte, schmeißt ein wenig Geld in die Spendenpussy

Während die Gäste zwischenmenschliche Verbindungen knüpfen, stolpert die Internetverbindung weiter vor sich hin. Laura spult zu den letzten Minuten des Films vor. Skyler und Bishop, ein muskulöser Mann, streicheln und küssen sich. Sie ziehen sich aus. Bishop zieht sich einen schwarzen Gummihandschuh über. Mit Gleitgel fängt er an, Skyler im Intimbereich zu berühren. Skylers Körper wirkt zunehmend verkrampft. Ein Bild, das man selten in Pornos sieht. Skyler sagt, dass er aufhören soll, ihn zu berühren. Er fragt, ob sie einfach nur kuscheln können. Langsam fangen Tränen an, über sein Gesicht zu laufen. Eine weitere, unbekannte Person kommt ins Bild und legt sich dazu. Skyler sagt in die Kamera, dass die Aufnahme weiterlaufen soll. Alle drei liegen sie im Bett. Sie kuscheln.

Durch Sexualität können wir die Welt verändern.

Laura Méritt

Das ist das Ende des Films. Ein beklemmendes Gefühl hängt im Raum. Die Gäste durften etwas sehr Intimes beobachten. Ein Mann spricht seine Gedanken laut aus: „Ich habe mich beschämt gefühlt. Also ob ich etwas sehe, was ich nicht sehen darf. Das ist zu persönlich.“ Eine Frau mit hellblauen Haaren und einem goldenen Ring in der Nase meldet sich zu Wort und sagt: „Ich finde das total berührend. Danke, Sykler, dass du das mit uns teilst.“

Sexualität heißt eben nicht, immer nur Sex zu haben. Im Freudensalon wird versucht, den Teil der Sexualität einzufangen, der in der idealisierten Pornowelt oft zu kurz kommt: Unsicherheit, Emotionen, Angst und ein liebevoller Umgang damit. Das Treffen geht zu Ende. Die Spendenpussy wird herumgereicht und wer möchte, schmeißt ein bisschen Geld rein. Laura verabschiedet alle mit einem Lächeln und leicht müden Augen. In einer halben Stunde geht es in ihrer Wohnung weiter mit einem Treffen für den PorYes Award 2019. Man sieht Laura die Anstrengung an. Dennoch ist sie sich sicher: Wer die Welt verändern will, braucht auch an einem Freitagabend einen langen Atem.

Außerdem auf ze.tt: Ich will mehr als nur Er oder Sie sein