Warum Liebeskummer eine feministische Angelegenheit ist

Frauen und Männer leiden bei Herzschmerz unterschiedlich, erklärt die Autorin Michèle Loetzner. Grund genug, die Rollenerwartungen kritisch zu hinterfragen.

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Liebeskummer ist mies. Foto: Scorpio Creative / Unsplash | CC0


Liebeskummer, könnte man meinen, ist der größte Gleichmacher unter den Gefühlen. Wer Liebeskummer hat, leidet. Egal, ob alt oder jung, hetero oder queer, binär oder nicht. Aber so universal der Kummer ist, so spezifisch ist er dann doch auch wieder. Denn obgleich der Schmerz alle betrifft, ist die Art und Weise, wie wir ihn verarbeiten, eben nicht für alle gleich. Liebeskummer ist kulturell und sozial eingebettet in einen Haufen an Klischees, Stereotypen, vorgefertigter Schablonen und Ratschläge – „Auch andere Mütter haben schöne Söhne!“ Wem gerade das Herz zermalmt wurde, der*die fühlt sich bei solchen Weisheiten wohl kaum ernst genommen. Zu recht.

Gebrochenes Herz, kein gebrochenes Hirn

Der Journalistin und Autorin Michèle Loetzner ist das Thema Liebeskummer bei ihrer Arbeit immer wieder begegnet. Und obgleich das Phänomen wissenschaftlich – sowohl medizinisch als auch sozialwissenschaftlich – gut erforscht ist, gebe es wenig Werke, so Loetzner, die sowohl das Phänomen verständlich als auch die Gefühle ernstnehmend beleuchten. Wer Liebeskummer hat, habe zwar ein gebrochenes Herz, meint Loetzner, aber eben kein gebrochenes Hirn. Mit ihrem Buch möchte sie genau hier ansetzen.

Liebeskummer ernstzunehmen heißt auch, zu sehen, dass es sich um ein gegendertes Phänomen handelt. Was das heißt? Frauen und Männer leiden unterschiedlich. Das zeigen nicht nur Studien, sondern auch die Klischees, die wir alle kennen: Frauen sitzen angeblich weinend auf der Couch, während Männer saufend um die Häuser ziehen. Dahinter, so Loetzner, steckt ein strukturelles Problem: Denn wenn Rollenerwartungen Menschen bei der Verarbeitung von Leid so wenig Spielraum lassen, kann das langfristig noch viel schlimmere Probleme nach sich ziehen. Unterdrückung und Verdrängung waren eben noch nie nachhaltig.

Du bist nicht das Problem. Aber die Gesellschaft hat dir lange genug eingeredet, du wärst es.

Michèle Loetzner

Loetzners Buch richtet sich daher auch explizit an eine bestimmte Zielgruppe: Heterofrauen. „Ich finde es immer ein bisschen fragwürdig, wenn Autor*innen bei solchen Themen alle mitnehmen wollen, um noch zwei, drei Bücher mehr zu verkaufen. Pinkwashing ist da im Moment ein gern genommenes Tool. Oft werden queere Themen wenn überhaupt nur angeschnitten und dann aus weißer Cis-Perspektive betrachtet. Queere Menschen haben logischerweise genauso das Recht auf Vollständigkeit wie alle anderen. Das kann man nicht in einem Buch dieses Umfangs mitbetrachten, dafür braucht es ein eigenes Werk, das sich umfassend damit auseinandersetzt.“ 

Typisch weibliches Verhalten

Liebeskummer ist nicht für alle gleich. Das geht schon bei dem Eingeständnis los, wie es einer*einem damit geht. Für Männer, so Loetzner, sei es leider noch lange nicht normal, sich Hilfe zu holen oder ihre Gefühle zu verbalisieren. Auch wie unterschiedlich wir Frauen und Männer mit Liebeskummer betrachten, spielt eine Rolle: „Oder warum bekommt ein Mann, der kurz nach dem Ende einer Beziehung eine Neue aufreißt, Applaus, und Frauen, die das Gleiche tun, den Schlampen-Stempel?“

Aber es sind noch ganz andere Aspekte, die die Ungleichheit bei der Liebeskummer-Verarbeitung zum Ausdruck bringen, beschreibt Loetzner in ihrem Buch. Weiteres Beispiel: Selbstoptimierung. Der ewige Klassiker und typisch weibliches Verhalten, wie Loetzner ausführt: „Klassisch in der Chronologie ist auch, dass du dich irgendwann fragst, ob es an deinem Aussehen lag. Ob du zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu blond oder zu braunhaarig bist und eine Änderung deiner Optik den Typen zurückholen könnte.“ Frauen, sagt auch die von Loetzner erwähnte Soziologin Greta Wagner, würden nun mal immer noch mehr nach ihrem Aussehen beurteilt und das vorherrschende weibliche Schönheitsideal ist vom durchschnittlichen weiblichen Körper noch weiter entfernt, als das bei Männern der Fall ist.

Wie wir uns verlieben, wie wir lieben, wie wir uns entlieben, folgt immer noch Mustern, die das Patriarchat entwickelt hat.

Michèle Loetzner

Und so verfallen Frauen schnell ins Grübeln: „Hätte ich etwas ändern sollen?“ Oder vielleicht tut es ja auch ein neues Outfit – so zitiert Loetzner eine Studie, nach der 20 Prozent aller befragten Frauen eine „Typveränderung“ als probates Anti-Liebeskummer-Mittel angeben, bei Männern sind das nur 5 Prozent. Für alle, die sich mit solchen Fragen bei Liebeskummer quälen, hat Loetzner einen unumwundenen Ratschlag parat: „Dieses Verhalten ist gesellschaftlich erlernt. Du bist nicht das Problem. Aber die Gesellschaft hat dir lange genug eingeredet, du wärst es.“

Linderung durch Konsum ist auch beim Thema Essen ein gegendertes Phänomen. So ist sogenanntes Emotional Eating laut Loetzner ein Verhalten, das überwiegend Frauen an den Tag legen. Frei nach Bridget Jones: Ein Becher Ben & Jerry’s gegen Herzschmerz. Und noch einer. Und noch einer. An sich erstmal nicht schlimm, aber ein Problem, wenn es zum Dauerzustand wird. Und wer sich hauptsächlich von Fett und Zucker ernährt, der wird es vielleicht erstmal ein fitzelbisschen besser gehen, aber Löcher im Herzen hat noch kein Donut dieser Welt gestopft.

Dieses „Nicht-wollen-dürfen“

Doch nicht nur der Liebeskummer an sich offenbart, wie sehr uns Rollenklischees noch auf der Bettkante sitzen. Das zeigt Loetzner auch, wenn sie ihre Leserinnen dazu aufruft, mal aktiv die eigene Beziehungsvergangenheit aufzuarbeiten. Beispiel Sex: „Warst du der aktive oder der passive Part? Hat dir etwas gefehlt? War es gut?“ Bei solchen Fragen kann offenbar werden, wie auch die romantische Liebe und der Sex alles andere als frei von Rollenklischees sind. Zudem gibt es einen Hinweis darauf, was für Frauen traditionell auch ein Problem ist: Die Sache mit dem Wollen.

Das ist ja ein großes Missverständnis bei der Feminismusrezeption: Was für Frauen gut ist, muss im Umkehrschluss für Männer schlecht sein. Bullshit.

Michèle Loetzner

Als Mädchen lernen wir, dass Zurückhaltung im Zweifel Trumpf ist und dass Bestimmtheit eher Charakterfehler als Selbstverständlichkeit ist: „Verlangen – das eigene Verlangen – zu negieren und zu ignorieren, um geliebt zu werden, das ist offenbar etwas typisch Weibliches„, schreibt Loetzner. Dieses „Nicht-wollen-dürfen“ zu reflektieren, kann daher ein wichtiger Bestandteil der Verarbeitung sein: „Du darfst viel wollen. Du darfst sogar alles wollen. Du musst es dir nur selbst erlauben.“

Schlussendlich steht aber – nicht wirklich überraschend – unsere ganze Sichtweise von heterosexueller Liebe dabei im Weg. Frauen wird spätestens ab einem gewissen Alter unterstellt, sie litten mehr (und zwar angeblich zurecht!), da sie ja auch mehr zu verlieren hätten. Als Mann ist man offenbar selbst genug, als Frau nicht so wirklich: „Ein Mann kann in unserer Gesellschaft einfacher nur eine Person vermissen und ihren Verlust betrauern. Eine Frau sieht oft ein ganzes Lebenskonzept (Anm. d. Red.: Ehe! Kinder! Mutterschaft!) an die Wand fahren.“

„Wie wir uns verlieben, wie wir lieben, wie wir uns entlieben, folgt immer noch Mustern, die das Patriarchat entwickelt hat. Wer macht den ersten Schritt? Wie lange muss ich nach einem Date warten, bis ich mich wieder melde? Diese und andere Fragen stellen wir uns nur, weil Menschen, die sich anderen überlegen fühlen, irgendwann mal diese Regeln aufgestellt haben. Darunter leiden beide Geschlechter auf jeweils ihre Weise. Das ist ja ein großes Missverständnis bei der Feminismusrezeption: Was für Frauen gut ist, muss im Umkehrschluss für Männer schlecht sein. Bullshit. Was für Frauen gut ist, ist meist für alle anderen auch gut“, sagt Loetzner.

Liebeskummer, dass zeigt sich eindrücklich, ist eben auch ein feministisches Problem. Aber eines, dem wir nicht hilflos gegenüberstehen müssen. In Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen gibt Loetzner nicht nur konkrete Tipps, sondern stellt vor allem immer wieder die richtigen Fragen. Fragen, die selbst gute Freund*innen sich vielleicht manchmal nicht zu stellen trauen, weil wir schließlich alle selbst oft genug in der Klischeemottenkiste nachgraben, wenn wir jemanden leiden sehen und nicht so recht wissen, wie wir helfen können. Aber Hauptsache, wir tun es: „Leiden sollte gar keiner. Und wenn jemand leidet, sollten wir ihn unterstützen. Unabhängig seines Geschlechts.“


Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen von Michèle Loetzner ist im DuMont Verlag erschienen.