Wie Lisa lernte, beim Sex mit Männern zum Orgasmus zu kommen

Lisa* hat Orgasmen mit sich selbst, ihren Sexpartnern spielt sie die Ekstase immer nur vor. Dann begibt sie sich gemeinsam mit ihrem Freund auf die Suche nach ihrem Höhepunkt.

Eine Frau liegt im Bett und hat keinen Orgasmus.

"Allein mit mir klappte es super", sagt Lisa. Foto: Annie Spratt / Unsplash CC0

Alle kommen. Heftig. Immer. Das war das Bild, das Lisa als 16-Jährige von den Orgasmen ihrer Freundinnen hatte. Auf dem Schulhof wurde mit Sex geprahlt, mit Stellungen und ungewöhnlichen Orten angegeben. Sie selbst konnte nicht mitreden, denn bei ihrem ersten Mal hatte sie – wie die meisten Mädchen – keinen Orgasmus. Der kam erst zwei Jahre später, als sie sich mit einem Vibrator selbst befriedigte. Sie dachte, dass sie dieses Gefühl ab sofort auch beim Sex mit einem Partner haben werden würde. Doch das einzige Gefühl, das sie währenddessen und danach immer wieder verspürte war Frustration.

Lisa zweifelte damals an ihrem Körper, ihrem Lustempfinden, ihrer Haltung. „Allein mit mir klappte es super“, erzählt die heute 26-Jährige. „Ich schaute Pornos, benutzte Toys und kam dabei heftig. Doch sobald ich mit einem Typen im Bett landete, tat sich bei mir nichts, was auch nur darauf hindeutete, dass ich bald kommen sollte.“ Damit ist Lisa nicht allein. Laut einer aktuellen Studie der amerikanischen Chapman University kommen 95 Prozent der heterosexuellen Männer regelmäßig zum Orgasmus, bei den heterosexuellen Frauen sind es dagegen nur 65 Prozent.

Mit jedem weiteren Nicht-Höhepunkt beim Sex wurde Lisa immer orgasmusgehemmter und hatte bald keine Lust mehr, ihren Affären oder One-Night-Stands während und nach dem Sex in ihre fragenden und enttäuschten Gesichter zu blicken. „Ich habe mir angewöhnt, meinen Höhepunkt vorzuspielen. Ich wollte mir die Gespräche ersparen, in denen ich mich erklären musste. Und auch die High-Sex-Performer nervten mich, die so lange an mir rumrubbelten, weil sie dachten, die kommt schon irgendwann.“

Mit der Liebe kommt der Orgasmus? Fehlanzeige

Lisa kam nicht, egal, wie sehr sich ein Mann auch anstrengte. Orgasmen hatte sie nur, wenn sie alleine war, Pornos guckte und sich klitoral mit einem Vibrator stimulierte. „Ich schob es drauf, dass ich in die Männer, die ich während des Studiums kennenlernte, nie verliebt war. Ich konnte kein Vertrauen zu ihnen aufbauen.“ Doch auch als Lisa Marc* kennenlernt und sich in ihn verliebt, kommt der Orgasmus beim Sex mit ihm nicht einfach so. Das Schauspielern geht weiter. Sie hat Angst, sich Marc anzuvertrauen, ihm gestehen zu müssen, dass sie ihm nur etwas vormacht. Und das, obwohl er Lisa im Bett Selbstbewusstsein gibt, ihr ständig sagt, wie toll sie aussieht, wie gut sich der Sex mit ihr anfühlt.

Erst als die beiden zehn Monate zusammen sind, kann sich Lisa öffnen und Marc von ihrem Problem erzählen. Der macht sich viele Gedanken, hat das Gefühl, dass es an ihm liegt und er Fehler macht. „Es hat ihn richtig fertig gemacht“, sagt Lisa. „Marc war sehr einfühlsam, er fragte mich ständig, wie er sich bewegen sollte, wie sich seine Berührungen anfühlten. Er wollte so sehr, dass ich mich wohl fühlte und mich so vielleicht richtig fallen lassen konnte.“ Doch Lisa fiel in ein Loch aus Ärger, Frustration und Wut.

„Ich wusste, ich muss mir Hilfe suchen. Ich wollte nicht, dass es so weiter geht. Denn natürlich ist Sex auch ohne Orgasmus schön. Es muss nicht immer mit diesem Feuerwerk enden. Aber ich wollte wissen, was mit mir los ist, ob etwas nicht stimmt.“ Lisa vertraut sich ihrem Frauenarzt an, der den Kontakt zu einer Sexualtherapeutin herstellt.

Orgasmus-Übungen für Zuhause

„Ich hatte erst Panik davor, einem fremden Menschen von meinen intimen Problemen zu erzählen, die ich bisher nur mit Marc geteilt hatte. Doch sie war mir sympathisch und ich konnte mich fallen lassen“, sagt Lisa. Sie bekommt Hausaufgaben auf. Physische, die die Atmung, den Beckenboden und die Körperspannung trainieren sollen. Psychische, die ihr helfen sollten, sich besser zu entspannen. Irgendwann bemerkt sie, dass es ihre Selbstzweifel und Selbstkritik sind, die ihr im Bett im Weg stehen. Und die fortlaufenden Gedanken über ihren Alltag, die während des Sex’ immer wieder hochploppen.

„Ständig war ich beim Sex woanders. Während Marc in mich eindrang und sich auf mir bewegte, scrollte ich mich gedanklich durch die Ikea-Homepage, richtete meine neue Wohnung ein und machte mir Sorgen, ob beim Umzug alles klappte. Die Therapeutin riet mir, diese Gedanken anzunehmen, zu erkennen und wieder gehen zu lassen. Sich selbst dafür zu bestrafen, ist der falsche Weg.“

Der richtige führte Lisa über den Umgang mit ihrer Selbstbefriedigung. „Pornos und Sextoys können stimulierend sein, auf der anderen Seite aber auch das Empfinden negativ beeinflussen“, sagt Volker van den Boom, Sexualtherapeut aus Aachen. „Viele sind übersensibel und haben extreme Probleme, sich mit der Hand zu befriedigen, weil sie an die starke Vibration von Sextoys gewöhnt sind.“

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Lisa musste wieder lernen, wie es sich anfühlt, nur mit der Hand und ihren Fingern zu masturbieren. Dass diese manuelle Stimulation länger dauert als mit einem Vibrator, war Lisa bewusst, doch die Geduld dafür aufzubringen war schwieriger, als sie anfangs dachte. „Es dauert so lange am Anfang, ich musste wirklich ständig üben und meinen Körper erst richtig kennenlernen. Die Therapeutin riet mir, zunächst noch Pornos dazuzunehmen, doch nur, wenn ich alleine mit mir und meinen Gedanken zum Höhepunkt kommen kann, konnte es auch beim Sex mit einem Partner klappen.“

Irgendwann kam Lisa an den Punkt, an dem sie genau wusste, welche Berührungen und Techniken sie zum Orgasmus brachten. Nur mit Marc klappte es anfangs wieder nicht. Sie weinte oft nach dem Sex und setzte sich extrem unter Druck. Die Therapeutin appellierte an ihre Geduld, ohne die ginge es nicht. Und tatsächlich: Nach der fünften Sitzung bemerkte Lisa erste Erfolge der Therapie.

„Ich hatte gerade keinen Unistress, der Umzug war gewuppt. Ich konnte mich voll auf Marc und auf mich konzentrieren. Als wir miteinander schliefen, nahm ich meine Finger dazu, stimulierte mich selbst, streichelte mich. Mal sanft, mal stärker. Marc half auch mit. Und tatsächlich. Ich habe mich voll und ganz auf uns konzentrieren können. Ich war nur in unserem Bett, bei unseren Küssen, bei unseren Körpern, bei unseren Bewegungen. Bis ich explodierte. Es war unglaublich befreiend.“

Mehr als Unbedingt-Kommen-Müssen

Seitdem weiß Lisa genau, in welcher Stimmung sie sein muss, damit es mit einem Orgasmus klappt. Sie spürt genau, wann es Sinn macht, dass sie die Hand dazu nimmt und wann nicht. „Es gibt Tage, da weiß ich, dass ich heute zu unkonzentriert bin. Ich merke dann, dass ich heute keinen Orgasmus haben werde, doch das hält mich nicht vom Sex mit Marc ab. Es geht ja nicht nur darum, einen Höhepunkt zu erleben, die Nähe, die Berührungen sind genauso schön.“

Sexualtherapeut van den Boom erklärt: „Viele Menschen verspüren diesen Druck des Unbedingt-Kommen-Müssens und sind auch von der Häufigkeit des Sex’ getrieben. Es ist völlig egal, ob ein Paar jeden Tag oder nur einmal im Monat miteinander schläft. Die Anzahl des Aktes sollte nicht mit irgendwelchen Listen konkurrieren. Genauso wenig die Häufigkeit der Orgasmen.“ Gleichzeitig betont van den Boom, dass Orgasmusprobleme bei Frauen längst nicht nur an ihnen selbst lägen. „Das Sich-Fallen-Lassen der Frau ist genauso wichtig wie ein einfühlsamer Partner, der Toleranz zeigt, die Frau nicht unter Druck setzt und sich gemeinsam mit ihr auf die lustvolle Reise zum Höhepunkt macht.“ Das Ziel könne man nur erreichen, wenn bei den Sexualpartner*innen das Miteinander oberste Priorität habe.

Die Berührungen sind genauso schön.“ – Lisa

Das Projekt OMGYes widmet sich genau diesem Miteinander und der Erforschung der weiblichen Lust. Um herauszufinden, was Frauen tatsächlich erregt und mit welchen Techniken sie zum Orgasmus gelangen, wurden gut 2.000 Frauen zu ihrem Sexleben befragt. Die Tipps und Techniken, die OMGYes in 50 Erklärvideos vorstellt, wurden auf Basis der repräsentativen Studienergebnisse entwickelt. Protagonistinnen zeigen in Videos, wie sie zum Orgasmus kommen – das ist nicht nur etwas für Frauen, sondern auch für ihre Partner*innen. Denn Paare, die gemeinsam auf sexuelle Erkundungstour gehen, sind mit fünf mal höherer Wahrscheinlichkeit in ihrer Beziehung glücklicher und mit zwölfmal höherer Wahrscheinlichkeit sexuell erfüllter.

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Lisa hat heute zehn Therapiesitzungen hinter sich. Sie kann den Sex jetzt mehr genießen, kann sich fallen lassen, ganz ihrer Lust und ihrem Freund hingeben. „Doch ich bin noch nicht da, wo ich eigentlich hin möchte“, gesteht sie. „Ich weiß jetzt, dass Pornos keine Realität sind, dass ich noch sehr viel über Sex und über mich lernen kann.“

Was sie Frauen rät, die ähnliche Probleme haben? „Immer ehrlich zum Partner und vor allem zu sich selbst zu sein. Der Orgasmus ist stark von der psychischen Verfassung abhängig. Nur wenn du im Kopf frei bist, ist dein Körper bereit, dir dieses unbeschreibliche Gefühl zu geben, dass so natürlich ist, aber auch so verdammt unberechenbar sein kann.“

 

*Namen von der Redaktion geändert