Warum Männer seltener über Gefühle sprechen

Vielen Männern fällt es immer noch schwer, über ihre Emotionen zu sprechen. Das hängt mit veralteten Rollenbildern zusammen – und kann schwere psychische Folgen haben.

Manchmal fehlen Männern die Worte. Bild: Nina Conte | Unsplash

Lästerschwestern. Tratschtanten. Waschweiber. Bereits unsere (sexistische) Umgangssprache macht deutlich, dass Reden eher ein Frauending ist. Nur wenige Männer verabreden sich in Cafés mit ihren Kumpels zum Quatschen. Dann geht es meist sowieso um Sport, Technik, Politik, eigene Leistungen oder berufliche Probleme. Emotionen sind selten ein Thema. Wenn es darum geht, Trennungen oder Liebeskummer zu thematisieren, tun sich Männer besonders schwer.

Das kann Matthias bestätigen. Der 29-Jährige ist aus beruflichen Gründen in den letzten Jahren häufig innerhalb ganz Deutschlands umgezogen. Er hat ständig neue Freund*innen kennengelernt, eines war jedoch immer gleich: Von sich aus haben seine Kumpels fast nie erzählt, dass sie sich getrennt haben oder andere Probleme haben. Einmal habe sich ein Freund plötzlich nicht mehr gemeldet, erzählt er. „Wir sind zu ihm gefahren und haben so lange geklingelt, bis er aufgemacht hat. Er war völlig verheult und verzweifelt, als er erzählt hat, dass seine Freundin einen anderen hat.“ Er sei sehr dankbar gewesen, dass wir einfach gekommen waren, erinnert sich Matthias. „Wir sind dann ein Bier trinken gegangen und er hat die ganze Geschichte erzählt.“

Das „Gesetz der traditionellen Männlichkeit“

Dass auch im Jahr 2017 viele Männer nicht gut über Gefühle reden können, haben wir vor allem unserer Sozialisation zu verdanken, erklärt Björn Süfke. „Männern wird beigebracht, sich nicht auf der Gefühlsebene auszutauschen. Diese Entlastung fehlt ihnen oft“, erklärt der Psychologe und Psychotherapeut, der bereits mehrere Bücher zur männlichen Identität und Psychologie geschrieben hat. Er nennt das „Gesetz der traditionellen Männlichkeit“, das es nicht erlaubt, zu versagen.

„Rollenvorbilder, Medien und die Erziehung prägen uns nach und nach – subtil und deshalb besonders wirksam.“ Deshalb dominieren bestimmte stereotype Vorstellungen von Männern und Frauen bis heute; der starke, emotionslose Mann, der alles an sich abprallen lässt, scheint sich besonders in den Köpfen festgesetzt zu haben.

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Das kann jedoch zu starken Problemen führen. „Wer sich seine Gefühle nicht bewusst macht, hat eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, körperlich und psychisch krank zu werden“, erklärt Süfke. Das Spektrum dabei sei groß: Depressionen, Burn-out oder das Gefühl einer inneren Leere oder Deprimiertheit können genauso wie somatische, also körperliche, Krankheiten auftreten. „Ganz plakativ gesagt: Das Sprechen über Emotionen macht einen robuster. Nicht-Sprechen als Zeichen von Härte bewirkt genau das Gegenteil.“ Denn der Mensch als äußerst soziales Wesen habe grundsätzlich erst einmal das Bedürfnis nach Zuwendung und Kommunikation.



“Im schlimmsten Fall säuft er die Probleme weg“

An dem Punkt, über sehr persönliche und intime Probleme zu sprechen, seien Frauen tendenziell sehr viel schneller als Männer. Matthias hat trotz seiner vielen Umzüge einen besten Freund, den er bereits seit seiner Schulzeit kennt. „Wir bauen auf jahrelangen gemeinsamen Erlebnissen auf. Wir haben keine Geheimnisse, wir wissen alles voneinander. Das ist ein ganz anderes Vertrauensverhältnis als zu allen anderen Kumpels.“

Ein vertrautes Gespräch über Sorgen oder Ängste sei ein wichtiger Mechanismus, erklärt Björn Süfke. „Es besteht eine hohe Chance, neue Blickwinkel und Sichtweisen auf ein Problem zu erfahren. Manchmal reicht es aber auch schon, einfach zu sprechen. Während jemand erzählt, bekommt er plötzlich neue Ansichten.“ Die Vorstellung, Männer würden nicht so viel mit Freund*innen sprechen und stattdessen Probleme viel eher mit sich selbst ausmachen, habe laut Süfke wenig mit der Realität zu tun. „Ehrlicherweise heißt das meistens, dass er sich gar nicht damit beschäftigt. Im schlimmsten Fall säuft er die Probleme sogar weg.“

In Online-Beratungen sieht der Experte viele Chancen

Wer etwas hat, worüber er gerne sprechen möchte, sollte pragmatisch sein, rät Süfke. „Wo laufe ich damit am ehesten offene Türen ein? Wer ist in meinem Freundeskreis ein guter Ansprechpartner?“ Es müsse auch kein Mann sein – und auch niemand, den man persönlich kenne. „Vielleicht kommt die Oma in Frage oder eine Männerberatungsstelle. Man muss nicht psychisch krank sein, um dorthin zu gehen.“

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Auch die neuen Medien seien eine Chance auf diesem Gebiet. Männer sind ohnehin technikaffin, und in Foren können sie sich anonym austauschen. Die Bitte um ein Gespräch geht in einer WhatsApp-Nachricht außerdem leichter über die Finger als über die Lippen. „Auch wenn das die Kommunikation oberflächlicher machen könnte, sehe ich ein großes Potenzial, Männer zu erreichen, die früher unerreichbar gewesen wären“, urteilt Süfke.

Dabei hat sich in den letzten Jahren schon viel zum Besseren geändert, hat der Männertherapeut beobachtet. Seit 20 Jahren arbeitet er in diesem Bereich. „Viel mehr Männer können heute den Stereotypen etwas entgegensetzen und eine authentische, wirkliche Identität entwickeln.“ Von einer Verweichlichung könne aber dennoch keine Rede sein. „Welche positive Härte geht verloren? Es führt zu mehr Einsicht – wo soll das problematisch sein?“ Bis zur perfekten Welt, „in der alle Menschen in perfektem Einklang mit ihren Gefühlen leben“, sei ohnehin noch viel zu tun. „Das dauert wohl noch Jahrhunderte.“