Warum manche Paare für ihre Hochzeit mehr Geld ausgeben, als sie haben

Junge Menschen heiraten heute anders, als es ihre Eltern taten: überzeugter, individueller und mit mehr Fokus auf Spaß. Das kostet viel Geld. Ein Tag auf der Hochzeitsmesse in Berlin.

„Christopher rechnete mit 10.000 Euro, ich erklärte ihm, dass er lieber 20.000 daraus machen soll." © Unsplash

Martina und Christopher kennen sich seit der ersten Klasse. Vor einem Jahr haben sie sich wiedergesehen und verliebt. Nun wollen sie mit 28 den Bund fürs Leben schließen, wie sie die Ehe selbst nennen. Nicht aus rechtlichen Gründen oder aufgrund von Erwartungen der Familie, sondern weil es zu ihren Werten passt. „Wir gehören einer anderen Zeit an. In die 1950er Jahre hätten wir vermutlich besser gepasst“, sagt Christopher und grinst Martina an. „Wenn man heiratet, ist das eine andere Art von Bindung als eine Beziehung. Man ist für immer eins.“

Er hat gerade sein Studium der Zahnmedizin abgeschlossen und sie arbeitet als Bürokauffrau. Bevor Christopher um ihre Hand angehalten hat, hat er seine Freundin in ihren ehemaligen Klassenraum gelockt: Rosenblätter, Kerzen und Fotos aus ihrer Schulzeit. Martina hat sofort Ja gesagt. „Ich weiß das klingt komisch, aber wir wollen eine kleine Hochzeit mit 150 bis 200 Gästen“, erklärt Martina und beginnt zu lachen. Ihre Familie stammt aus Kroatien. Auch wenn das in Deutschland eine große Hochzeit wäre, gilt es für sie als eine kleine, wie sie erklärt.

[Außerdem auf ze.tt: Kirchliche Hochzeit: Wenn sie will und er nicht]

Darüber, wie der Tag ablaufen soll, haben die beiden genaue Vorstellungen. Christopher wünscht sich, dass Martina ein Prinzessinnenkleid trägt, beide wollen im Grünen heiraten und sich das Jawort in einer Kirche geben. Schnell ist den beiden klar geworden, dass ihre Wünsche teuer werden würden. „Christopher rechnete mit 10.000 Euro, ich erklärte ihm, dass er lieber 20.000 daraus machen soll“, so Martina. Finanzieren wollen sie das zum Teil selbst mit Erspartem, aber auch die Eltern zahlen mit und die Geldgeschenke der Gäste werden dafür verwendet. „Es ist der eine große Tag im Leben, das ist es uns wert“, so Christopher.

Von der Popcornmaschine bis hin zum Body Wrap

Obwohl sich die Zahl der Eheschließungen in den vergangenen 60 Jahren halbiert hat, ist sie in den letzten zwei bis drei Jahren erstmals wieder gestiegen. Heiraten ist wieder hip – zumindest ein bisschen. So wie Christopher und Martina gaben sich 2016 410.000 Paare das Jawort. Eine Steigerung von 10.000 Paaren beziehungsweise 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Durch die Durchsetzung der Ehe für Alle rechnet man in Zukunft mit einem weiteren Anstieg. Dem Bund deutscher Hochzeitsplaner zufolge liegt das Budget bei vielen Vermählungen bei 15.000 Euro und mehr. So ist der, wie es so oft heißt, schönste Tag im Leben nicht selten auch der teuerste.

Um den wachsenden Markt zu decken, bildete sich eine regelrechte Hochzeitsindustrie. Auf diesem Markt gibt es nichts, was es nicht gibt: Strumpfbänder mit einem Foto des Brautpaares darauf, Popcornmaschinen, Fotoautomaten, Hochzeits-Varieté, Bullis, Stretchlimousinen oder Kutschen. Vieles dreht sich um die Braut: vom perfekten Outfit bis hin zu Body Wraps zur Reduktion des Körperumfangs.

Aber nicht nur für die Optimierung des eigenen Aussehens kann man jemanden engagieren, sondern auch für die Hochzeitsrede. „Bei der Trauung erzähle ich eure Geschichte. Immer spritzig, immer authentisch, immer berührend“, wirbt beispielsweise ein Hochzeitsredner auf seinen Flyern. Ein Seehotel will mit dem Spruch Paare anlocken: „Das große Glück in der Liebe besteht darin, Ruhe in einem anderen Herzen zu finden.“ Zur angeblichen Ruhe verkauft das Hotel gleich noch weiße Tauben und Dinner am Boot.

Wie finanzieren junge Paare das?

Die Hochzeitsmesse zeigt, jeder Kitsch und jedes Klimbim ist möglich, wenn man nur das nötige Kleingeld dafür hat. Ich spreche mit dem Bankettleiter eines Luxushotels. Er berät seit 20 Jahren Gäste über Speisenfolgen und Getränke, macht Vorschläge zur Gestaltung der Festtafel und Bestuhlung. Entsprechend den Wünschen kalkuliert er die Kosten, plant den Personaleinsatz und sorgt für den Ablauf einer Veranstaltung. Er erklärt mir, dass Paare heute deutlich jünger und selbstbestimmter heiraten würden. Schließlich müsse heute nicht mehr geheiratet werden, weil ein Kind auf dem Weg ist oder man zusammenleben wolle, wie es in der Vergangenheit manchmal der Fall gewesen ist. Es trete nur mehr vor den Altar, wer es wirklich will und das verändere natürlich die Art der Hochzeit.

[Außerdem bei ze.tt: Warum ich mit Anfang 20 geheiratet habe]

Der Kostenpunkt sei jungen Leuten wichtig, aber der Spaß stehe im Vordergrund. Viele hätten einen großen Freundeskreis, das koste viel Geld. Für 50 Personen sollte man mit einem Budget von 10.000 Euro als ungefähren Richtwert rechnen, wie er ze.tt erklärt. „Es gab eine Phase, da spielte Geld gar keine Rolle. Die Paare nahmen Kredite auf oder die Eltern bezahlten große Teile, das ist heute nicht mehr so.“ Die meisten Paare wollen sich ihre Hochzeit selbst finanzieren und würden sich schon vor der Hochzeit mit Freund*innen und Familie absprechen:

Eine Person bezahlt dann als Geschenk den Sektempfang, eine andere den Kaffee, wiederum eine andere die Bootsfahrt. So können sich Paare größere Hochzeiten leisten.“

Fast alle Paare, mit denen ich spreche, haben ein selbst gesetztes Limit zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Nicht so Alina. Die 27-jährige Immobilienmaklerin will ihre Hochzeit selbst finanzieren, ohne Hilfe der Eltern. Ihre Grenze liegt bei 5.000 Euro. „Für mich hat das Prinzessinnenkleid und die Stretchlimo nichts mit dem Gedanken hinter dem Heiraten zu tun.“ Als sie davon erzählt, wirft ihre Mutter immer wieder ein, dass man eben Abstriche machen müsse, das sei bei ihrer Hochzeit nicht anders gewesen. Während Mutter und Tochter erzählen, stehen sie zwischen Designerkleidern, die bereits mehr als die Hälfte des Budgets einnehmen würden: „Man kann noch so viel Geld ausgeben und es wird nicht so schön wie eine selbstgeplante Hochzeit“, sagt Alina zum Schluss und wirkt etwas, als wolle sie sich selbst daran erinnern.

Wer will, kann sich eine Schulter zum Anlehnen mieten

Jörg Unkel bringt so schnell nichts aus der Ruhe und von dieser Gabe lebt er. Wer viel Geld für eine große Hochzeit ausgibt, plant diese meist auch nicht allein. Dem Hochzeitsfotografen ist mit der Zeit klar geworden, dass Brautpaare nicht nur schöne Fotos und ein Video wollen, sondern jemanden, der ihnen die Last von den Schultern nimmt, sich um alles kümmert und Ruhe bewahrt, selbst wenn alles schief geht. Darum produzieren Unkel und sein zwölfköpfiges Team mittlerweile nicht nur Fotos und Videos. Sie planen auch ganze Hochzeiten. „Ich hatte schon Paare, die waren kurz vorm Hyperventilieren.“

[Außerdem auf ze.tt: Warum eine Hochzeit ohne Gäste traumhaft ist]

Der heutige Hochzeitsplaner war schon bei vielen unterschiedlichen Hochzeiten dabei: Goth-Hochzeiten mit Sarg und schwarzem Kleid, Hochzeiten mit Prinzessinnenkleid im Schloss oder auch bei Trauungen auf dem Sportplatz. 120 Hochzeiten betreut sein Team im Jahr, zehn Prozent davon planen sie komplett. In diesen Fällen ist sein Team von Anfang an dabei. Wer Unkel genug bezahlt, darf ihn auch nachts anrufen und ihm Probleme schildern. Auch sein Personal schult er darin, Paare emotional zu unterstützen. „Gibt es eine Unstimmigkeit, kümmere ich mich darum. Auch wenn der Opa ein Feuerwerk schenken will, plane ich es mit ein.“

Das Paar hätte sich um das Geld auch ein Haus anzahlen können, aber ihnen war dieser Tag sehr wichtig.“

Vergangenes Jahr betreuten sie eine ihrer größten Hochzeiten: 130.000 Euro kostete die gesamte Hochzeit. Vier Tage dauerten die Feierlichkeiten in einem Schloss. „Das Paar hätte sich um das Geld auch ein Haus anzahlen können, aber ihnen war dieser Tag sehr wichtig.“ Die Braut ist während eines Feuerwerks zum Altar geschritten. Dafür hat Unkel extra ein Team von Techniker*innen engagiert.

Blickt man sich auf der Hochzeitsmesse um, scheinen die Möglichkeiten, sich das Jawort zu geben, schier unendlich. Heiraten kann man heute auf jede erdenkliche Art. Was man dazu aber in jedem Fall braucht, ist viel Geld. Christopher und Martina freuen sich auf ihren großen Tag im Sommer, auch wenn sie wissen, dass sie danach sparen müssen. „Wir sehen uns als Gegenstück zu allem, was gerade passiert da draußen. Wir wollen uns unsere gemeinsame, kleine, heile Welt erschaffen“, so Christopher. Diese darf auch mal mehr kosten.