Warum mein Freund und ich uns lieben, aber trotzdem nicht mehr zusammenwohnen wollen

Mein Freund und ich haben uns getrennt. Aber nur räumlich. Die Reaktionen aus meinem Umfeld haben mir gezeigt, dass auch 2018 noch in den Köpfen gilt: einmal zusammenwohnen, immer zusammenwohnen.

Dass Paare zuerst zusammenwohnen und dann auseinanderziehen, kommt selten vor. Quelle: Pexels | CC0

„Bisher hat mein Freund hier gewohnt“. Betretenes Schweigen beim WG-Casting. Ich suche jemanden zur Untermiete für das zweite Zimmer meiner Wohnung. Früher oder später muss die Frage aufkommen: Wer hat hier zuvor gewohnt?

Auf meine Antwort folgen Blicke zwischen Mitgefühl und Mitleid. Die Arme muss wohl gerade eine Trennung durchstehen. Und obwohl ich mich mit meiner Wohn- und Beziehungssituation wohlfühle, werde ich rot und fange hastig an, mich zu erklären. „Wir sind trotzdem noch zusammen. Er wollte noch mal umziehen. Tapetenwechsel. Ich hatte keine Lust auf einen Umzug.“ Meine ausweichenden Worte kommen mir selber komisch vor, ich bin verunsichert – wieso würde ein glückliches Paar nach vier Jahren auseinanderziehen?

Die Entscheidung war meinem Freund Markus und mir ziemlich leicht gefallen. Er war gerade aus dem Auslandssemester zurückgekehrt. Ich hatte das WG-Leben zu schätzen gelernt. Einfach mal die Tür zumachen, mehr Zeit für mich haben. Markus wiederum wollte in Berlin andere Viertel kennenlernen.

Eigentlich gefiel uns der Gedanke gut – gemeinsam in Berlin zu leben, uns aber mal wieder richtig zu verabreden, uns bewusster zu treffen. Dieses besondere Gefühl, in dem kleinen Reich des anderen zu Gast zu sein. Keine Streitereien mehr über den Abwasch. Wir hatten schon mehrere Monate Fernbeziehung über Kontinente hinweg gemeistert, wieso also keine räumliche Trennung in Berlin wagen?

Krisenstimmung bei der Familie

Uns war bewusst, dass es eine ungewöhnliche Entscheidung ist. Wir kannten beide kein Paar, das nach mehreren Jahren die gemeinsame Wohnung aufgelöst hatte. Niemand konnte uns Tipps geben. Ich war nicht auf die vielen Reaktionen aus dem Bekanntenkreis und der Familie vorbereitet, die mir mehr Kopfzerbrechen bereiteten als das Auseinanderziehen an sich.

Als ich meiner Mutter am Telefon erklärte, dass Markus ausziehen würde, hatten wir uns in ihrer Vorstellung gerade getrennt. Ihre Stimme sprang vor Entsetzen mehrere Oktaven hoch, und in ihrem mütterlichen Instinkt dachte sie, dass ich am Boden zerstört sein müsste. Ich versicherte ihr ruhig, dass dies nicht der Fall sei und alles gut liefe in unserer Beziehung. Die ganze Familie war in heller Aufregung, nacheinander wurden alle ans Telefon gerufen – Krisenstimmung. Kein Verständnis, mein 19-jähriger Bruder sagte: „Es ist halt einfach komisch, wenn ihr als Paar erst zusammenwohnt und dann einer auszieht.“ Noch mehrere Wochen später musste ich immer wieder versichern, dass Markus und ich weiterhin ein Paar bleiben.

In unserem lockeren Freundeskreis in Berlin sollte das aber kein Thema sein, dachte ich. Komische sprachlose und steife Momente wie bei dem WG-Casting häuften sich trotzdem. Freund*innen schienen nicht so richtig zu wissen, was sie sagen sollten, wenn Markus und ich von unserem Auseinanderziehen erzählten. Immer wieder vorsichtige Fragen, wie das denn jetzt mit unserer Beziehung sei. Unausgesprochen hing die Frage im Raum, ob nicht doch die Trennung vor der Tür stünde. Mit der Zeit geriet ich mehr und mehr in die Defensive und fragte trotzig zurück: Wieso kann man denn als Paar nicht einfach auseinanderziehen?

Paare, die bewusst getrennt leben, sind in der Minderheit

„Viele Paare sind sich nicht richtig bewusst, dass sie die Freiheit haben, ihre Beziehung zu gestalten, wie sie wollen. Sie denken nicht so weit, dass es die Möglichkeit gibt, auseinanderzuziehen, ohne dass es eine Krise gibt. Einfach nur, um der Beziehung und sich selbst neue Impulse zu geben“, sagt Wiebke Neberich, die in Berlin als Paartherapeutin arbeitet.

Dabei gibt es in der Paarforschung schon seit Ende der 1970er Jahre einen Begriff für das Modell, wenn Paare in getrennten Wohnung leben: Living Apart Together (getrennt zusammenleben). Bei einem größeren Forschungsprojekt an der Berliner Humboldt Universität kam 2006 heraus, dass fast 15 Prozent der Befragten in Beziehungen unter die Kategorie Living Apart Together fallen – Tendenz steigend.

[Außerdem auf ze.tt: Wie die erste gemeinsame Wohnung unsere Beziehung zerstörte]

Wiebke Neberich hat als promovierte Psychologin an dem Projekt mitgeforscht. Sie bestätigt, dass immer mehr Paare nicht zusammenwohnen, etwa weil sie eine Fernbeziehung führen. Andere entscheiden sich bewusst dafür, um lästige Pflichten und Aufgaben aus dem Alltag nicht mit in die Beziehung zu nehmen. Aber dass Paare zuerst zusammenwohnen und dann noch mal auseinanderziehen, komme sehr selten vor, sagt Neberich.

„Das ist immer noch sehr unkonventionell. In den Köpfen gibt es noch das Modell: einen festen Partner finden, zusammenziehen und heiraten. Wenn man sich als Paar einen neuen Weg einfallen lässt, stößt das natürlich erst mal auf Unverständnis und fordert eine Erklärung“, sagt die Paartherapeutin. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass mein Umfeld erst mal irritiert reagiert hat.

Living Apart Together regt andere zum Nachdenken an

Bei negativen Reaktionen aus der Familie und dem Freundeskreis rät sie, offen mit der Entscheidung umzugehen. „Beschreibt den Gewinn, den ihr aus diesem Lebensmodell zieht“, sagt Neberich. Zum Beispiel, dass jede*r seinen*ihren Freiraum hat oder dass man die gemeinsame Zeit eher plant und mehr wertschätzt. „Klar fühlen sich Menschen auch angegriffen von alternativen Lebensformen. Dinge wirken bedrohlich, wenn sie einen selbst dazu führen, vielleicht kritisch über das eigene Leben nachzudenken.“

Mittlerweile reagiere ich gelassener auf die irritierten Blicke und versuche, unsere Entscheidung als positiven Impuls auch für andere zu sehen. Viele meiner Freund*innen finden es mutig, dass wir den Schritt gewagt haben. Die meisten zeigen sich neugierig und ich führte seitdem viele spannende Diskussionen über das Zusammenwohnen als Paar.

Vor wenigen Tagen habe ich meine Eltern noch mal gefragt, wie sie heute über unsere Entscheidung denken. Sie können es immer noch nicht ganz nachvollziehen, sind aber froh, dass dieses Modell für Markus und mich funktioniert. Denn wie für alles in einer Beziehung, gibt es auch beim Zusammenwohnen nicht den einen richtigen Weg.

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